Mangel an Ikonen

Modedesign in Deutschland International gibt es eine Menge Modemacher, die stellvertretend für ihre Arbeit stehen. Symbolfiguren für deutsche Mode sucht man scheinbar vergeblich.
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Laut Definition werden diese Leitfiguren und Idole oft auch Ikonen genannt. Eine Umschreibung für eine Person oder Sache als Verkörperung bestimmter Werte, Vorstellungen oder eines bestimmten Lebensgefühls. Sein Ursprung findet sich im orthodoxen Glauben. Kult und Heiligenbilder sollten beim Betrachter Ehrfurcht erwecken. Die Verkörperung in Bezug auf deutsche Mode gestaltet sich als schwierig.

Die Designer in Deutschland sind gut. In Berlin zeigen viele von ihnen die neuesten Entwürfe auf der Fashion Week. Sie sind ambitioniert und experimentierfreudig. Häufig dennoch austauschbar und so schnell verschwunden, wie sie gekommen sind. Sich zu etablieren, eine Hürde, die von wenigen gemeistert werden kann. Sich den Status einer Ikone zu erarbeiten, scheinbar unmöglich.

Denkt man an große Namen innerhalb der Branche, fallen einem Marc Jacobs oder Donnatella Versace ein. Weil sie seit vielen Jahren die Seiten der Hochglanzmagazine mit ihrer Arbeit prägen. Wohl auch, weil sie eine ganz eigene Handschrift tragen. Eine Handschrift, die den deutschen Modemacher häufig zu fehlen scheint. Sich über die eignen Landesgrenzen hinaus zu etablieren scheint eine Aufgabe zu sein, die sich nicht bewältigen lässt.

Einer, der das geschafft hat, ist Karl Lagerfeld. Seit Jahren bestimmt er den Look von Chanel und Fendi. Seine Arbeit: gelobt und gefeiert. Kunstvoll und kommerziell zugleich. Als Symbol dient er augenscheinlich auch durch seine eigene Optik. Ein seit Jahren gleichbleibender Look. Weiß gepuderte Haare, Hemden mit hohem Kragen und schmal geschnittenen Anzügen. Ein Mann, der sich in Interviews selbst nicht allzu ernst nimmt. Lagerfeld besitzt einen Wiedererkennungswert, in allen Bereichen, in denen er tätig ist. Vielleicht macht ihn diese Mischung zur Ikone. Sicher, er ist in Deutschland geboren. Agieren tut er aber aus Paris.

Modedesigner als Stimmungsmacher

Designer, die aktuelle das deutsche Modebild prägen, sucht man vergebens. Es gab sie, doch auch das ist lange her. Wolfgang Joop als Beispiel. Mit seiner Marke JOOP feierte er in den 90er Jahren große Erfolge. National und international erfolgreich. Es folgte der Verkauf der Firma. Sein neues Label hat er Wunderkind getauft. Präsentiert wird sie in Paris, auch wenn der Sitz in Deutschland ist. Aufmerksamkeit erregte er in der Vergangenheit eher durch Auftritte als Juror in Castingshows. Vielleicht auch, um sich ins Gedächtnis der Menschen zurückzurufen.

Generell scheinen Modemacher in Deutschland zu sehr damit beschäftigt zu sein, durch Auftritte im Fernsehen zu glänzen. So wie Guido Maria Kretschmer, eigentlicher Beruf: Modedesigner. Mehr als durch seine Mode macht er allerdings durch Auftritte in Fernsehsendungen, Werbespots oder Castingshows auf sich aufmerksam. Frauen finden seine Sprüche witzig und seine Art charmant. Über seine Mode spricht man selten, wenngleich er diese zweimal im Jahr auf der Fashion Week in Berlin präsentiert.

Auch Michael Michalsky ist so ein Designer, der aktuell durch seine Präsenz in einer großen deutschen Unterhaltungssendung auf sich aufmerksam macht. Ein Mann, der gern über seine Mode spricht. Und gerne über sich selbst. Sein Lebenslauf liest sich gut. Stationen bei Adidas und MCM. Hinzu kommt noch die Arbeit an seinem eigenen Label.

Mit diesem fokussiert er sich seit letztem Jahr auf Maßkonfektion. Couture aus Berlin. Hochpreisige Mode, gemacht in einer Stadt, die selten Geld hat und in der alles irgendwie günstiger ist. Eine Metropole, deren Kleidungsstil gerne etwas roher und derber ist. High-Fashion trifft auf Second Hand. Vielleicht entspricht Michalskys Idee dem Zeitgeist. Weil es eine Art Bewegung zur Fast-Fashion ist. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Zu Leitfiguren um die Verdienste deutscher Mode werden Kretschmer und Michalsky dadurch nicht.

Förderung in einer schnelllebigen Welt

Da bedarf es schon etwas mehr. Christiane Arp, Chefredakteurin der deutschen Vogue, ist so eine Leitfigur, wenn es um die Mode aus ihrem Land geht. Sicher, keine Designerin, aber eben auch ambitioniert. Sie ist die Initiatorin des Vogue Salon. Um dort zwischen jungen Designern und Einkäufern zu vermitteln. Die Mode ein wenig bekannter zu machen und um zu zeigen, dass einige junge Modemacher den internationalen Vergleich nicht scheuen müssen. Ebenso ist sie Mitbegründerin des German Fashion Council. Dieser soll junge Designer fördern und bei ihrem Start unterstützen. Christiane Arp als Leitwolf im internationalen Kampf zwischen Kommerz und Design.

Der mögliche Mangel an Ikonen ist der vermeintlichen Schnelllebigkeit, in der wir leben, geschuldet. Immer mehr und mehr Mode wird auf den Markt gebracht. Die Kollektionen lösen sich immer schneller voneinander ab und die Designer werden verheizt. Neue Designer schießen wie Pilze aus dem Boden. Große Modemacher wie Christian Dior oder Coco Chanel wird es vielleicht nicht wieder geben. Gerade weil wir Menschen in dieser rasanten Welt leben, existieren Ikonen nur noch für eine gewisse Zeit. Nicht mehr wie früher über ganze Dekaden. Das liegt auch ein wenig an uns selbst. Weil sich unsere Ansprüche ändern und wir immer auf der Suche nach dem Mehr sind. Und nach dem, was irgendwie neu ist.

Symbol durch Tod und Durchhaltevermögen

Oft wird die Arbeit von Designern erst nach deren Tod gewürdigt. Erst dann werden sie zu Symbolen für eine bestimmte Gruppe oder für die Allgemeinheit. Wie Alexander McQueen. Nach seinem Selbstmord: komplette Ausstellungen, die restlos ausverkauft waren. Erst zu diesem Zeitpunkt hatten die Menschen gesteigerte Ehrfurcht vor seiner Arbeit. Er wurde zur Ikone, nicht nur für seine Kunden, sondern auch für viele aufstrebende Designer.

Deutschland bildet ein Schlusslicht, wenn es um die Suche dieser vermeintlichen Ikonen geht. Nicht, weil es nicht genug Auswahl gibt. Eher, weil sich die Trends immer schneller voneinander ablösen. Junge Labels können den Ansprüchen oft nicht nachkommen. Zu oft scheitern Designer an dem jahrelangen Weg des Etablierens. Vielleicht wird Mode in Deutschland auch immer noch nicht ernst genug genommen. Mode scheint häufig ein riesiger Zirkus, der nur zur Unterhaltung dient. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Ambitionen der deutschen Designer irgendwann auszahlen.

13:13 01.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Johannes Paul Doebler

Freier Journalist im Bereich Mode. Fashionstylist für Fotoshootings.
Johannes Paul Doebler

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