Shut Down für ein Medium in Deutschland

Huffington Post. Die deutsche Redaktion der Huffington Post wurde geschlossen. Deutsche Autoren verloren die Plattform. Bestehende Inhalte von Löschung bedroht.
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Am 29. März wurde der letzte Beitrag auf Huffington Post Deutschland veröffentlicht. Ein Abschiedsbrief an die Leser:
„Denn zum 31. März ist Schluss. Die deutsche Ausgabe der Huffpost geht offline. 1996 Tage nachdem wir am 10. Oktober 2013 in Deutschland an den Start gegangen sind”.

In der Presseaussendung des Konzerns Hubert Burda Media wurde die Liquidation des Betriebs kühl abgewickelt: “Huff Post Germany to be shut down“. Burda war der deutsche Kooperationspartner der Huffington Post, der mit einem Lizenzvertrag das Projekt in Deutschland organisieren sollte.

Dabei vermittelte Arianna Huffington, die Gründerin des international ausgerichteten Onlinemediums, bei der Eröffnung der deutschen Redaktion noch Enthusiasmus. Die Huff Post Deutschland war ihr persönlich wichtig. Zur Eröffnung in München erklärte sie:

„Die HuffPost Deutschland wird schonungslos aus der Politik und dem deutschen Nachrichtengeschehen berichten. Und das in dieser hochinteressanten Zeit in der Deutschlands Rolle in Europa stetig wächst“
(Arianna Huffington: Liebe Grüße aus München: Die HuffPost kommt nach Deutschland, 10. 10. 2013).


Deutsche Stimme verloren

16 internationale Redaktionen wurden von Arianna Huffington gegründet. Davon sind 15 Redaktionen heute noch in Betrieb, die Autoren und Inhalte aus mehreren Ländern miteinander verbinden sollen: USA, United Kingdom, Kanada, Quebec (Kanada in französischer Sprache), Australien, Frankreich, Griechenland, Italien, Spanien, Indien, Japan, Korea, Maghreb, Brasilien und Mexiko.

Eine Redaktion fehlt jetzt im Ensemble. Die deutsche Redaktion. Huffington wollte eine Plattform für Autoren in Deutschland, Österreich und der Schweiz bieten, die auch die Veröffentlichung investigativer Beiträge ermöglicht. Huffington Post ist ein Medium, das für demokratische Werte stehen will.

Dennoch musste Huffington-Redakteur Veit Lindner in einem Brief an die Autoren schon Mitte Januar mitteilen:

„Wir sind traurig, Ihnen heute mitteilen zu müssen, dass die HuffPost zum 31. März eingestellt wird. Schweren Herzens bitten wir Sie daher, von der Einsendung weiterer Blog-Beiträge abzusehen (…) Derzeit versuchen wir, die auf der Seite veröffentlichten Beiträge auf eine andere Plattform zu übertragen; möglicherweise sind wir jedoch auch gezwungen, sämtliche Inhalte zu löschen“.

Die Löschung der Inhalte aus dem Netz ist unter einem wirtschaftlichen Gesichtspunkt nicht nachvollziehbar. Es wird mit den Beiträgen auch Werbung geschaltet. Diese kann weiterhin für Einnahmen sorgen, auch wenn das Projekt nicht mehr fortgesetzt wird.

Dorothee Stommel, die Pressesprecherin von Burda Media, erklärte auf Anfrage, dass es im Burda Konzern „derzeit keine konkreten Pläne“ für ein neues Projekt gibt, mit dem Huffington Post Deutschland fortgesetzt werden könnte.


Plattform für Grundrechte

Als Autor bedauert man die Einstellung von Huffington. Insbesondere für das Thema Grundrechte möchte man auf die Huffington Post Germany nicht verzichten.

Zu den Beiträgen, die auf Huffington erschienen, zählte meine Serie „Ich decke auf: Justizskandal in Österreich“, die Investigation über die Verletzung des Eigentumsrechts („Roy Bean regiert in Wien“) und die Verfolgung der Publizistin Alexandra Bader.

Im Februar 2018 konnte ich eine Bilderserie veröffentlichen, die den Polizeiübergriff auf die ukrainische Aktionskünstlerin Alisa Vinogradova dokumentierte, die beim Wiener Opernball im Februar 2018 am Red Carpet von 10 Polizisten niedergeschlagen und weggeschliffen wurde.

Das sind Berichte, die in österreichischen Medien, die seit Jahren wie gleichgeschaltet wirken, nicht veröffentlicht werden können. Aber auch in Deutschland gibt es nur wenige Medien, die solche Texte zulassen, die die Verletzung von Grundrechten zum Thema machen.



Dokumentation und Authentizität

Die globale Vernetzung von 15 Redaktionen auf Huffington Post hätte bedeutet, dass Information über verletzte Grundrechte auch rasch bis in die USA gelangen kann. Mit dem Medienkonzern Verizon war dies offenbar nicht mehr möglich, obwohl das ursprüngliche Konzept von Arianna Huffington an einem solchen Austausch von Content orientiert war. Verizon übernahm 2016 AOL zur Gänze für rund 4,4 Milliarden USD und erwarb mit diesem Portfolio auch die Huffington Post.

Die Huffington Post war ein Medienprojekt, das Erfahrungswerte von Individuen organisierte, indem die dafür dringend notwendige Öffentlichkeit gegeben wurde. Die Kommunikations- und Medienforschung in Deutschland ist seit Jahrzehnten sich bewusst, dass eine solche Organisation von Erfahrung wesentlich ist für das Funktionieren der demokratischen Gesellschaft und das rechtzeitige Erkennen erforderlicher Innovationen, Korrekturen und Verbesserungen. Oskar Negt und Alexander Kluge boten dazu eine ausführliche Analyse mit ihrem wichtigen Werk „Öffentlichkeit und Erfahrung“.

Ausführlicher Beitrag:
Abschied von Deutschland: Huffington Post (Tabula Rasa Magazin, 29. 3. 2019)


© Autor: Johannes Schütz, 2019

Zum Autor:
Johannes Schütz bereitet eine Buchpublikation vor:
„Die Enteigner: Der größte Skandal der Republik Österreich".
Johannes Schütz, Medienwissenschafter und Publizist, war Lehrbeauftragter an der Universität Wien (Informationbroking, Recherchetechniken, Medienkompetenz), Vorstand des Zentrums für Medienkompetenz, Projektleiter bei der Konzeption des Wiener Community-TV, Projektleiter Twin-City-TV Wien-Bratislava, investigative Publikationen (Justiz, Vergabe der .eu Domains).
Veröffentlichungen u. a. The European, Tabula Rasa.

13:38 30.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Johannes Schuetz

Medienwissenschafter und Publizist, war Lehrbeauftragter Universität Wien (Recherche, Medienkompetenz), Projektleiter Konzeption Community-TV-Wien
Johannes Schuetz

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