Wie die Angst den homo sapiens von jeher maßgeblich dominierte. So auch in diesen Tagen.

Angst frisst Seele auf. Wie dünn doch die Decke unserer Wertschätzungen angesichts großer Ängste in Wahrheit ist! In den Anfängen der Pandemie war es ähnlich, aber bald schon redeten wir uns wortreich fast um den Verstand. Jetzt scheint für Reden keine Zeit mehr.

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Die Angst ist der Garant des Überlebens.

Auf lange Sicht genauso wie für den Augenblick im Jetzt gilt nach wie vor: Die Angst ist die Stimme in uns, auf die wir am meisten zu hören bereit sind.

Schon als Jäger und Sammler jagen die Erdlinge in kleinen Gemeinschaften, um so die übergroßen Gegner in eine Falle zu locken und zu besiegen. Die Angst vor dem Tod schmiedet sie zusammen. Die Angst macht die Erdlinge natürlich auch erfinderisch: Wie können wir erfolgreicher überleben, fragen sie sich bei den Pow-Wows in ihren Höhlen, wenn sie wieder einmal gerade so dem Tod von der Schippe gesprungen sind. Wie? Im Gespräch finden sie dann neue Lösungsmöglichkeiten, die sie ausprobieren werden. So schaffen sie es, die Angst ziemlich klein zu halten. Los werden sie sie natürlich nie.

Im April 1945 – also vor mal gerade 77 Jahren – werden die Ängste wieder heftig hoch gespült: Wo werden die nächsten Bomben einschlagen, wo lauern die sogenannten Werwölfe, um kriegsmüde Männer zu töten, wo ist die immer näher rückende Front (in den Ardennen liegen viele junge Männer aus Canada oder Nebraska begraben: Ihre Kriegslisten wurden von blindwütigen Männern überlistet. Shit.) , wo ist sie inzwischen angelangt? Am Rhein? Nein, schon über die Sieg hinaus rollen die amerikanischen Panzer nach Osten. Da legt die Angst den Besiegten die Chamäleon-Variante nahe: Friss Kreide, sei so, als wärest du demütig und zerknirscht und immer schon gegen den Krieg gewesen und von schlimmen Dingen hattest du sowieso überhaupt nichts gewusst. „Ich schwöre es!“ Wir sind im Grunde scheue Lämmer.

Da hat die Angst einen wirklich klugen Plan angeboten. Er funktioniert. Was für eine Erlösung! Bald baden die Chamäleon-Cracks in zunehmendem Wohlstand, die ehemaligen Feinde werden beste Freunde und die Angst soll mal schön in die zweite Reihe verschwinden. Hopp, hopp!

Und jedes Jahrzehnt schien die Angst immer kleiner werden zu lassen, das Bad in glitzernden Statussymbolen und in Eigenheimen verführte die Erdlinge zu der Annahme, diese Ängste seien nichts anderes als Hirngespinste. Der einzelne sei auch nicht mehr auf andere angewiesen, er könne alles selbst managen. Ja, man setzte sogar noch einen drauf: Wir kreieren uns einfach künstliche Ängste als Ersatz sozusagen – in erhöhtem Tempo, in atemberaubenden Achterbahnfahrten, in Bungee-Jumping-Erlebnissen, in irren Drogencocktails und so weiter...die Angst als Lustgewinn. Einfach wunderbar – oder?

Dann – wie aus heiterem Himmel – Krieg im Osten. Die Angst geht um. Nicht nur in der Ukraine, nein, auch bei den Wohlstands-Ego-Künstlern. Und wie! Her mit den Waffen, haut das Geld da rein, wir müssen zusammenstehen, unsere Werte verteidigen, zusammenhalten! Die Angst wieder voll in ihrem Element. Eine Zauberin gewissermaßen.

Aber sollten wir tatsächlich ihren Einflüsterungen unbesehen folgen? Wir sollten uns wieder zusammensetzen, beraten, nicht übereilt entscheiden. Das ist nicht Schwäche, das ist Klugheit - auch gegen die Angst.

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Geschrieben von

Johannes Seiler

Alles Erinnern ist Erfinden und alles Erfinden Erinnern
Johannes Seiler

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