Ikonen wie Ausschussware zu Schleuderpreisen: Angela Merkel. Wer war das denn noch gleich?

Das Gedächtnis ist überfordert In den letzten beiden Jahren überschlagen sich die Wahrnehmungsangebote: Nach Angela Merkel Olaf Scholz, nach Donald Trump der Putler. Und da die meisten inzwischen über social media ihre Meinungsbildung gestalten, ist die Blase die Pythia

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Der Angela-Merkel-Erinnerungs-Wert.

Wo sind sie geblieben, die sechzehn Jahre Kanzlerschaft? Oder war es vielleicht doch nur eine nachhaltige Einbildungsgeschichte, die da in unseren Gehirnwindungen Klimmzüge vollführte – schön ruhig gestellt, alternativlos und nachhaltig. Und die Lock-downs? Etwa auch nur ein böser Traum, in dem ein übles Hauen und Stechen mit Zahlen, Tabellen und Masken als schräges Ballett aufgeführt wurden? Dann endlich mal wieder ein spannender Wahlkampf mit überraschendem Ausgang. Und jetzt dieser spezielle Action-thriller-Gewalt-Film (als bunte Standbilder mit dräuenden Rauchsäulen im Hintergrund), den wir jeden Abend – nach wie vor übergewichtig und Zucker-versaut lümmelig vor der Glotze – über uns herabrieseln lassen, aber gleichzeitig endlich wieder das wirkliche Leben Seite an Seite im ausverkauften Stadion feiern können? Auch das nur eine virtuelle Variante des brandneuen M e t a v e r s e ? Oder war das nur das Intro dazu?

Die Antworten auf diese Fragen können wir gerne schön gefiltert in unseren eigenen Blasen – mit Daumen nach oben – abrufen und an unsere Freunde weiterleiten. Da sind wir – wie im Stadion – unter uns, unter Freunden, die schon wissen, was Sache ist. Wer da stänkert, wird einfach gelöscht. Punkt. Gehört nicht in unsere Gruppe. Die bestimmt nämlich auch, was unsere Wahrheiten sein sollen. In Dauerschleife bestätigen wir uns das, was wir schon längst als richtig und wahr erkannt haben. Und prägt sich so ordentlich ins Langzeitgedächtnis ein. Und wird so wahrer und wahrer.

Und immer wieder sind es Fotos von markanten Gesichtern, die wir uns einprägen: Angela Merkel, Donald Trump, Boris Johnson, Wladimir Putler, Wolodymyr Selenksyj oder das alte Gesicht von Anna-Lena Baerbock vor der Wahl und das neue von ihr von heute. Fast könnte man meinen, wir wechselten die Sympathien für die jeweiligen Physiognomien wie unsere Socken. Heute die, morgen die. Aber es muss sich gut anfühlen. Unser Gefühl will Angenehmes schmecken. So sorgen wir dafür, dass es angenehm schmeckt.

Und mit Konrad Adenauer – der nun auch noch in die Schlagzeilen und unter die Räder der Rechercheure geriet (den politischen Gegner ausspionieren lassen!) – lässt sich gut munkeln:

„Meine Herren, es kann mich doch niemand daran hindern, über Nacht klüger zu werden.“

Das Medium Film hat uns alle in den letzten Jahren ordentlich konditioniert:

1. Die Story muss kurz, brutal und spannend sein.

2. Die Schnitte schnell und atemberaubend.

3. Die Musik mitreißend und überwältigend.

Die Ereignisse der letzten Zeit waren kurz und spannend, die Wechsel der Figuren und Themen schnell und atemberaubend und der Sound einfach nur umwerfend. Was denn noch?

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Johannes Seiler

Alles Erinnern ist Erfinden und alles Erfinden Erinnern
Johannes Seiler

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