Das Humboldtsche Bildungsideal muss endgültig ad acta gelegt werden.

Fetisch Digitalisierung Weder das unablässige Geschrei nach Digitalisierung der Schulen, noch Questeinsteiger werden unser marodes Bildungssystem retten können. Was wir brauchen sind völlig neue, nach vorne orientierte formale und inhaltliche Themen, die helfen.
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„Lernversagen schicksalhaft hingenommen?“

In seinem Artikel – Die Rückkehr der Pädagogik in die Schule – in der FR vom 26.1.21 kreist Dr. Josef Hanel wieder und wieder um die altbekannten Stigmatisierungen, die seit vielen Jahren nun schon die Lernszene traumatisiert: Was für furchterregende Begriffsmonster haben sich die Fachleute da nicht ausgedacht – ADHS oder Dyskalkulie oder oder…! Lauter massive Schubladen, in die jedwede Abweichung vom Standard-Lern-Muster bis heute versenkt wird. Hanel beschwört nun „...ein Schulsystem zu schaffen, das alle Anstrengungen darauf konzentriert, jedem Kind den bestmöglichen Unterricht in seiner Klasse zu erteilen.“

Wie oft schon wurden in der Endlosschleife der pädagogischen Gesundbeter Reformen beschworen, Krisen aufgelistet – immer natürlich nur unter dem empathischen Obersatz: Pädagogik vom Kind her denken. Heraus kam und kommt auch wieder bei Hanel nichts anderes als alter Wein in neuen Schläuchen.

Wenn nicht begonnen wird, jedem Kind seine Zeit und seine Weise des allmählichen Begreifens zuzugestehen, dann werden es auch weiter wieder nur „erfolgreiche“, „weniger erfolgreiche“ und „unzureichende“ Lerngruppen oder Einzelschicksale sein, die sauber von einander getrennt in den jeweiligen Schubladen klassifiziert ordentlich aufbewahrt, verwaltet und benotet werden. Dabei wäre ein horizontale und vertikale Lernumgebung* die dynamische Antwort auf die je individuelle Welterfahrung jedes begabten Kindes. Denn es gibt nur begabte Kinder – aber eben sehr unterschiedlich, so unterschiedlich, dass Klassenbildungen immer nur zu Verzerrungen führen können, die aus Sicht der Lehrenden wie angemessene Lernangebote daher kommen, an denen sich die Kinder verzweifelt abarbeiten. Und die Noten manifestieren dann die Verbannung in die jeweilige Schublade. Denn der schwarze Peter liegt selbstverständlich bei ihnen und nicht bei den Angeboten oder den Lehrenden. So schmilzt die Neugier der begabten Kinder nach und nach weg wie beste Butter an der unbarmherzigen Sonne. Die Pädagogen waschen ihre Hände in Unschuld. An ihnen kann es ja nicht liegen, ihr Engagement ist doch allzu offensichtlich!

* horizontale Lernumgebung – die Themen drinnen und draußen

vertikale Lernumgebung – jüngere und ältere Neugiercluster in einem

Raum

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Geschrieben von

Johannes Seiler

Alles Erinnern ist Erfinden und alles Erfinden Erinnern
Johannes Seiler

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