Friedrich Merz, der letzte Mohikaner

Ein Neues Narrativ gefällig? Kann es sein, dass wir im Vertrauen auf die Wahrhaftigkeit der Sprache gar nicht mehr merken, wie ein Narrativ nach dem anderen die immer gleiche Geschichte erzählt - vom Wachstum, vom Fortschritt, vom Die Erde Sich Untertan Machen?
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Dialog # 5

Friedrich Merz, der letzte Mohikaner.

Der eine:

„Es ist einfach so beruhigend, dass wir nie um ein neues Narrativ verlegen sind: Nach den Bühnenabtritten von Trump und Merkel – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, so doch jeweils als markante Wegmarke – war zeitweise fast zu befürchten, dass der neue Ampel-Jargon die Lust am Hauen und Stechen nicht mehr bedienen würde…“

Die andere:

„Hör mal, soll das etwa heißen, dass Hillary Clinton oder Annalena Baerbock keine nennenswerten Narrative anzubieten haben?“

Der eine:

„Lass mich doch einfach mal ausreden, ja!? Zum Jahresausklang steht ein außergewöhnlicher Retter vor der Tür, dem viele, sehr viele gerne Geschenke vor die Füße legen würden.“

Die andere:

„Das ist jetzt nicht dein Ernst: Willst du jetzt wirklich diese ausgelutschte Bethlehems-Geschichte als Joker-Narrativ anmoderieren?“

Der eine:

„Danke für das Stichwort, darauf komme ich gerne später zurück. Aber mein Retter ist ein ganz anderes Kaliber, ein Knaller: Gewissermaßen der letzte Mohikaner.“

Die andere:

„Wer soll das denn sein?“

Der eine:

„Friedrich Merz natürlich, der nicht nur vom Erscheinungsbild, sondern auch vom ideologischen Hintergrund ein scheinbar erfrischendes Narrativ zu versprechen weiß: Die Nach-Merkel-Ära wird uns endlich aus dem Jammertal der Bedeutungslosigkeit herauskatapultieren, dass den drei Ampellampen so was von das Licht ausgeht.“

Die andere:

„Schönes Bild, aber auch schön tönern, wenn du mich fragst.“

Der eine:

„Dass nun in Berlin nicht nur das Oberbürgermeisteramt, sondern auch noch das Außenministerium von Frauen geleitet werden soll – nach 16 Jahren, 16!, Kanzleramtsleitung ebenfalls von einer Frau – ist für die Männerriege in den konservativen Parteien schon eine harte Prüfung.“

Die andere:

„Mir kommen die Tränen, echt.“

Der eine:

„Nun kommt die hohe Zeit der lang verborgenen Rache – ich sehe schon die Medien an einem blutrünstigen Narrativ arbeiten, das für jede Menge Serien und Headlines gut sein wird, der Bürger wird bestens unterhalten werden!

Es werden Köpfe rollen, es wird kleine und vielleicht sogar größere Palastrevolutionen geben – zum Beispiel im Süden, wo ein einsamer Wolf seit langem schon immer ungeduldiger auf seine Stunde wartet.“

Die andere:

„Komm, bitte nicht auf das Niveau einer Schmierenkomödie herabsteigen, bitte, die anliegenden Probleme sind wirklich zu dringend und ernsthaft.“

Der eine:

„Nun gut – aber du wirst es im neuen Jahr schon noch erleben, darauf können wir wetten – lassen wir den letzten Mohikaner sich zuerst einmal warm laufen, nach Neujahr ist der bestimmt auf Betriebstemperatur. Wenden wir uns also flott dem zweiten Stichwort zu: Dem Bethlehem-Narrativ.“

Die andere:

„Moment. Ist dir eigentlich klar, dass dieses Narrativ – immerhin erst 2000 Jahre alt – von lauter alten Männern wieder und wieder erzählt und aufgeschrieben wurde, wie all die Narrative davor auch und die jetzt mit der Missbrauchsagenda noch älter aussehen, als sie sowieso schon sind?“

Der eine:

„Ja und?“

Die andere:

„Was hatten denn gleichzeitig all die Frauen, die nicht lesen und schreiben lernen durften in all den Jahrtausenden, für ein Narrativ parat?“

Der eine:

„Bin ich Moses, wächst mir Gras aus der Hand, hab ich ein Loch in der Hose?“

Die andere:

„Das ist natürlich auch eine Antwort, aber keine sehr sachbezogene. Dann will ich dir eben auf die Sprünge helfen: Das Narrativ der Frauen war keines auf Gewalt, Lüge und Macht erpichtes, nein, es war ein sich verweigerndes Narrativ, das aber nicht überliefert werden konnte, weil Sprache, Erinnerung in Texten allein von den Männern betrieben wurde. Ausschließlich. So sind uns all die Begabungen, die in diesen Frauen schlummerten verloren gegangen, unbemerkt und unwirksam verschwiegen und verkannt worden. So hätte ich auch eine andere Wette anzubieten: Die Geschichte der Menschheit wäre zu mindestens 50% anders verlaufen, wenn dieses alternative Narrativ aufgeschrieben und weitererzählt worden wäre.“

Der eine:

„Wow, jetzt kommt aber die richtig dicke Kanone raus, wow.“

Die andere:

„Schade, dass du weiter nur etwas weglachen willst, das wir besser miteinander diskutieren sollten, schade.“

Der eine:

„Ok, Asche auf mein Haupt, ich bekenne mich schuldig und verspreche Besserung – aber vergiss bitte nicht, was ich über den letzten Mohikaner gesagt hatte.“

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Johannes Seiler

Alles Erinnern ist Erfinden und alles Erfinden Erinnern
Johannes Seiler

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