Schwarz/weiß oder Grautöne?

Gewalt-Narrative in Europa Angesichts der Gewalt-Debatte in Europa mausern sich die Moralisten als üble Heuchler. Denn wann war je in Europa - seit der gewaltsamen Entführung der phönizischen Prinzessin Europa durch den Schürzenjäger Zeus - das Thema Gewalt out?

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Schwarz/weiß oder Grautöne?

In hellen Farben malt sich der sogenannte Westen schön: „Wir verkörpern Freiheit, Unabhängigkeit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, während die „anderen“ Unfreiheit, Bevormundung und Diktatur erzwingen und der übrigen Welt überstülpen wollen. Wir sind deshalb logischerweise „die Guten“ und die anderen natürlich „die Bösen“. Zwischentöne können wir uns zur Zeit leider nicht leisten, weil die Bösen wie ein Rollkommando alles überrollen, was ihnen im Wege steht.

Wie selbstgerecht, wie pharisäisch!

Nur weil in den letzten 7 Jahrzehnten (was für eine kleine Zeitspanne!) kein Krieg in Westeuropa tobte – Irland, Baskenland, Jurassen und den Balkan wollen wir jetzt mal unerwähnt lassen (es waren ja „nur“ Geplänkel im Vergleich zum Ersten und zum Zweiten Weltkrieg!) - sind die subkutanen Gewaltfantasien und Vorurteile den Völkern im Osten und im Süden gegenüber längst nicht ausradiert oder bloß noch Vergangenheit. Im Gegenteil: Seitdem Männer den Mythos von der gewaltsamen Entführung Europas durch den listenreichen Schürzenjäger Zeus erfunden hatten, galt und gilt Gewalt gegen Frauen genauso wie Gewalt gegen „die anderen“ als geradezu selbstverständlich und natürlich. In jeder Narratio – rückblickend – immer wieder die gleichen Muster, die gleichen „Helden“ und die gleichen Opfer.

Wo ist sie denn, die Freiheit, Gleichheit und Unabhängigkeit – zum Beispiel der Frauen in den USA oder Südamerika oder Japan, von den nach wie vor ungleichen Lohnverhältnissen hierzulande ganz zu schweigen? Wo?

Warum sind nach wie vor Kindermissbrauch und häusliche Gewalt im Westen wie im Osten Gang und Gebe? Warum kommt es immer wieder zu Vergewaltigungen marodierender Soldaten?

Wie war das doch gleich noch auf dem Balkan in den 90er Jahren? Unser gnädiges Gedächtnis hat die damaligen Berichte längst gelöscht. Sie sind deshalb aber nicht ungeschehen.

Und wenn die Grünen jetzt der militärischen Verteidigung moralisierend das Wort reden, ist das nur ein weiteres Beispiel dafür, wie tief im europäischen Bewusstsein Gewalt als Mittel der „Politik“ präsent war und ist. Hat da die öffentliche Empörung bestimmter Medien und Kritiker nicht geradezu etwas Verräterisches, etwas Entlarvendes?

Und dann wird flugs der schwarze Peter an den bösen Putler weiter gereicht. Wir Europäer waschen unsere Hände in Unschuld – Lumumba lässt grüßen – und sehen uns viel lieber als die Hüter von Recht, Ordnung, Freiheit und Unabhängigkeit – machen aber gleichzeitig schnell noch neue Verträge mit undemokratischen, autoritären Regimen, um unseren schier unstillbaren Hunger nach Öl und Gas und Lithium zu stillen und pirschen uns möglichst lautlos an die Bodenschätze in der Nord-West-Passage heran, damit wir nicht von den bösen Konkurrenten aus dem Osten und dem noch

ferneren Fernen Osten ausgetrickst werden. Die wollen diese Bodenschätze doch nur für ihre Rüstungsindustrien, wir aber wollen sie selbstredend nur für friedliche, zukunftsweisende und ökologisch verträgliche Projekte in Anspruch nehmen. Was für eine Heuchelei! Sieht der Lärm um diesen Krieg in der Ukraine nicht eher nach einem üblen Wettstreit aus, wer die besseren Lügen aufzutischen weiß?

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Johannes Seiler

Alles Erinnern ist Erfinden und alles Erfinden Erinnern
Johannes Seiler

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