Krieg und Frieden - Wenn der Blinde mit dem Lahmen moralische Vorbilder erfindet.

Krieg in der Gesellschaft. Wenn in diesen Tagen in den westlichen Medien der Krieg in der Ukraine als monströs verabscheut wird, fallen die täglichen monströsen Gewalttaten in Sachen Menschenhandel unversehens unter den Tisch. Wie peinlich ist das denn?

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Krieg und Frieden – das alte Lied des Pharisäerchors in Dauerschleife.

Die Wogen der Empörung gehen hoch: Was für entsetzliche Bilder liefern unsere engagierten Friedensmedien doch – nolens volens – dieser Tage in unsere immer noch überheizten Wohnanlagen! Wir können es nicht fassen, dass Menschen so böse sein können. Und das auch noch gleich am Rande von Europa.

Erst gestern konnte man in einer Tageszeitung folgenden Untertitel zu einem Artikel zum Thema „Sklaverei und Geldwäsche“ lesen:

„150 Milliarden US-Dollar verdienen Kriminelle jedes Jahr mit Menschenhandel.“

Seit der Pandemie, aber nun erst recht im Kriegsmodus, sind die Bürger mehr als überversorgt mit Nachrichten über Geldströme im Milliardenbereich, die hierhin und dorthin verschoben werden, um Löcher zu füllen, Flüchtlingen zu helfen oder Energiedefizite auszugleichen. Insofern reihen sich die eben zitierten 150 Milliarden locker ein in solche Geldsummenszenarien.

Dahinter aber verbergen sich immer einzelne Menschen – je nach dem als Gewinner oder als Verlierer.

Da ist der Krieg im Osten Europas ein probates Solidaritätsszenario, das todesmutige Soldaten zeigt, wie sie die verängstigte Zivilbevölkerung beim Fliehen unterstützen, um sie aus den Schusslinien zu bekommen, oder ein Empörungsszenario, das gewalttätige Männer in Tarnuniformen zeigt, wie sie Flüchtende beim Fliehen wie verängstigte Hasen im Felde abknallen. Daheim – in Westeuropa – weiß man natürlich, wer zu unterstützen ist.

Nun zum Frieden im Westen.

Dass allerdings währenddessen in eben diesem Westeuropa (von der restlichen Welt wollen wir aus Platzgründen an dieser Stelle in derselben „Sache“ schweigen) ein lukrativer und unmenschlicher Menschenhandel floriert, den eiskalte Männer in feinem Zwirn von anderen Männern in Szene setzen lassen und so viele junge Frauen in Sklaverei und Prostitution zwingt, darüber haben die Pharisäer keinen Mut zu sprechen oder gar machtvoll dagegen die Hand zu erheben. Wie das?

Es gehört in die lange und unselige Geschichte des Patriarchats, das in menschenverachtender Arroganz mit Gewalt eine Welt als natürlich zu verkaufen versucht, die nicht nur die Frauen, sondern auch all die Männer, die als Verlierer des Systems gebrandmarkt werden („schönes“ Beispiel nach wie vor die über 6500 Arbeiter in Katar, denen die Lebenskraft zur Empörung ausgegangen ist und über deren Gräber zu Weihnachtszeit die Medien mit einem Sport-Furor fegen werden, der seinesgleichen suchen muss.)

Vor welchem Tribunal werden denn diese Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden?

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Johannes Seiler

Alles Erinnern ist Erfinden und alles Erfinden Erinnern
Johannes Seiler

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