Männer machen Geschichte - ein muffiger Ladenhüter hat scheinbar wieder Konjunktur

Männer machen Geschichte? Die Krisen-Diplomatie dieser Tage in Sachen Ukraine-Konflikt lässt die Medien immer mehr in Titel-Texte und Titel-Bilder zurückfallen, die vielleicht im sogenannten Kalten Krieg nachvollziehbar waren, nicht aber heutzutage!

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Frisch aus der Mottenkiste: Männer machen Geschichte?

Die Medien konzentrieren sich natürlich dieser Tage auf das Thema „Ukraine“ und die hektische Krisendiplomatie und schon macht es „Klick“:

„Putin: Russland will keinen Krieg“

Fallen wir jetzt in alte Muster zurück, die sich längst als überholt und unbrauchbar erwiesen haben? Schon Brechts Gedicht vergessen: Fragen eines lesenden Arbeiters:

„Cäsar eroberte Gallien. Hatte er wenigstens einen Koch bei sich?“

Männer machen Geschichte? An diesem unseligen Slogan stimmen ja gleich zwei Gesichtspunkte nicht:

1. Es waren und sind immer auch schon viele Frauen gewesen, die im Kleinen wie im Großen tapfer mitgemischt haben. Sie machen aber eben nicht so einen Bohei daraus, bzw. die Männer dominierte Medienwelt sorgt schon dafür, dass möglichst die Männer zu Wort kamen und nicht die Frauen.

2. Es sind immer sehr viele, die mit am Rad der Geschichte drehen, ohne die die Galionsfigur (z.B.: Putin/Trump) überhaupt keine Chance hätte, dass sich etwas bewegt. In den USA nennt man sie die „Big Five“, hier in Europa spricht man von Großkonzernen und Interessensverbänden, von Geheimbünden ganz zu schweigen (KGB/CIA); allein die Macht der Rüstungsindustrien – weltweit – kann einer solchen Galionsfigur ziemlich übel in die Suppe spucken.

Da wäre eine differenziertere Diktion in den Medien – bis in die Überschriften hinein – schon dringend nötig. Oder auch die dazu gehörenden Titelbilder! Einen solchen Konferenz-Tisch, wie den in Moskau, abzubilden, dürfte doch höchstens auf der Karikaturen-Seite einen Platz finden. Dass sich zwei Männer so an einen Tisch setzen und „miteinander“ reden, würde ja nicht einmal im Karneval Applaus einheimsen. Wie da in der nüchternen Wirklichkeit? Eine typische Macho-Inszenierung, weiter nichts. Es disqualifiziert geradezu den Gastgeber als Gastgeber und ernst zu nehmenden Staatsmann. Ein wohl sehr kleines Ego möchte hier ganz groß erscheinen. Das ist nicht mal mehr Komödie, das ist höchstens kleinkarierte Farce. Da aber gerade dieses Bild in fast allen Printmedien exponiert auf den Titelseiten erschien, müssen sich die Redakteure fragen lassen, ob sie nicht insgeheim diesem Slogan „Männer machen Geschichte“ weiter aufsitzen und Muster bedienen, die mit dem Untergang des sogenannten Ost-West-Konfliktes Makulatur geworden sind.

Die vielen Interessenlagen, die derzeit im Ukraine-Konflikt nicht sichtbar gemacht werden, wären im Grunde – wie in einer Planskizze – auf den Titelseiten zu positionieren, um allen Lesern zu zeigen, dass hinter der Kulisse dieses lächerlichen Ovalen Tisches alle die grinsend warten, die dem Frontmann die Richtung vorgeben.

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Geschrieben von

Johannes Seiler

Alles Erinnern ist Erfinden und alles Erfinden Erinnern
Johannes Seiler

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