Die einzigartige Gemengelage in Osteuropa medial angemessen beschreiben.

Ukraine-Krise - altes Muster? Die einzigartige Gemengelage in Osteuropa sollten wir medial nicht mit verstaubten Werkzeugen traktieren, sondern mit aller Vorsicht betrachten, um nicht in die eigenen bequemen Denkmuster zu verfallen.

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Als würde jemals jemand ohne eigene Interessen in der Politik aufschlagen! Das müsste dann schon ein Buddha sein – und das weisen alle interessierten Politiker natürlich weit von sich. Mit solch einem Image könnte man doch keine Wahlen gewinnen.

Also: natürlich verfolgen die Europäer eigene Interessen, natürlich auch die Russen, die Balten und die Amerikaner. Nur bei den Chinesen sind sich derzeit alle einig, dass sie ganz, ganz massive Interessen verfolgen. Im eigenen Land genauso wie in Afrika oder Europa und und und.

Die Medien laufen heiß: Schon werden Tabellen mit Rubriken für Landstreitkräfte, Seestreitkräfte, Raketen, Drohnen und Fußvolk einander gegenüber gestellt. Regierungsmitglieder dürfen sich mit ernster Miene äußern, sie dürfen warnen, mutmaßen, vergleichen, Hypothesen ausbreiten.

„Einflusssphären“, „Bündnisse“, „Hoheitsgewässer“ und andere hehre Begriffe werden in kunstvollen Sprachbildern miteinander verknüpft. Statt vom Dreibund oder Zweibund ist nun von Allianzen, der NATO und anderen multilateralen Verträgen die Rede. Und vor allem hat eine besonders herausgeputzte Galionsfigur Konjunktur: Die Lüge. A l l e beteuern unentwegt, dass sie die Wahrheit sagen – während hinter den jeweiligen Kulissen fleißig das Hauen und Stechen stattfindet.

Solange wir Europäer in diesem bescheidenen Schwarz-Weiß-Muster genüsslich baden: WIR SIND DIE GUTEN und DIE SIND DIE BÖSEN stricken wir nur weiter an dem Lügenmuster, dass wie ein träger Nebel über Europa liegt und unseren Blick für die wirklichen Interessen beider Seiten verstellt.

Und die Angst war schon oft ein schlechter Berater.

Dabei ist die Angst Triebfeder bei unseren Einschätzungen und unserem Aktionismus: Wir wollen uns doch nur schützen, deshalb müssen wir uns verteidigen. Und die andere Seite? Gibt es da nicht die gleiche Angst und die gleiche Leier?

Wir sind doch gar nicht so verschieden, wie wir gerade in diesen Tagen in den Medien gebetsmühlenartig dargestellt werden.

Wir – und damit meine ich eben nicht nur die Europäer – brauchen alle Kräfte, allen guten Willen und alle Ideen für die Rettung des blauen Planeten, der von uns allen bisher so unerbittlich massakriert wurde.

Wir könnten es schaffen.

Aber nur, wenn wir aufhören zu lamentieren: Was kann ich denn schon verändern – oder – warum fangen die denn nicht an – oder – ist doch sowieso zu spät – oder – man kann ja eh niemandem trauen…

Krieg jedenfalls ist keine Option, die dazu beiträgt, diesen Planeten zu retten. Auf keinen Fall. Warum ihn dann überhaupt erst führen?

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Johannes Seiler

Alles Erinnern ist Erfinden und alles Erfinden Erinnern
Johannes Seiler

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