Die Stadt im Reagenzglas

DER REPORT "REINVENTING THE CITIES" Er reflektiert das Ende des europäischen Denkens

In dieser Woche gab es in Berlin die "Weltkonferenz zur Zukunft der Städte URBAN 21", die Fortsetzung der Rio-Konferenz von 1992, auf der sich die Staaten zu einer weltweit nachhaltigen Entwicklung verpflichteten und Basisinitiativen, NGO sowie selbstorganisierten Zusammenschlüssen eine Stimme geben wollten. Doch bereits auf der Weltsiedlungskonferenz in Istanbul (1996), HABITAT II, war davon keine Rede mehr. Auf der Sonder-Generalversammlung der UNO "Rio + 5" starteten die Regierungen von Brasilien, Deutschland, Singapur und Südafrika 1997 dann ihre "Globale Initiative für nachhaltige Entwicklung", die "weltweit Lösungen für eine sozial- und umweltverträgliche Stadtentwicklung" finden will und dafür mehr fachliche Kompetenz bei der städtischen Politik anstrebt.

Höhepunkt dieser Initiative sollte die Konferenz in Berlin sein. Ziel war es unter anderem, ein Kommuniqué zur Gestaltung der Zukunft der Städte zu verabschieden, das "an stadtpolitischen Dokumenten, die in der Vergangenheit Maßstäbe gesetzt haben", orientiert sein wollte.

Der Entwurf dafür kam von der Bonner Firma empirica Gesellschaft für Struktur- und Stadtforschung mbH, die sich in den vergangenen Jahren zu einer Art Dienstleister der deutschen Sozialdemokratie, nicht aber unbedingt zu deren Think-tank entwickelt hat. Geschäftsführer Ulrich Pfeiffer bastelte zusammen mit dem Londoner Stadtsoziologen Sir Peter Hall unter dem Titel "Reinventing the Cities" (Wiedererfinden der Städte) einen ersten Entwurf, gegen den John Friedmann, Professor für Stadtplanung, polemisiert (s. unten).

Das Pfeiffer-Papier fasst die Städte der Welt darüber hinaus zu drei urbanen Formationen zusammen, die durch good governance (also "gutes Regierungs- und Verwaltungshandeln") nachhaltig gestaltet werden sollen: Arme Städte, die von überproportionalem (Bevölkerungs-)Wachstum und informeller Ökonomie gekennzeichnet sind; Städte mittleren Wohlstands, die noch einen rapiden Wachstumsprozess durchlaufen, deren Bevölkerung aber nur noch langsam zunimmt; und reife, alternde Städte mit mäßigem Wachstum. In einem globalen Netzwerk könnten all diese Abziehbildchen voneinander lernen und so Glück und Frieden über ihre Bewohner ausschütten, jedenfalls dann, wenn sie bereit sind, empirica und der Bundesregierung zu folgen.

Volker Eick / Renate Berg

(*)

www.empirica-institut.de/projekte

Die sieben Thesen des Reports "Reinventing the Cities"


Es wird behauptet, dass ...

1. zum Ende des gegenwärtigen Jahrhunderts nahezu die ganze Welt in einem einzigen globalen Netzwerk zusammenleben wird, angetrieben durch weltweiten Wettbewerb.

2. alle Menschen in allen Städten der Welt gemeinsamen Bestrebungen folgen werden.

3. Good governance das Instrument für die Förderung des gemeinsamen Ziels von nachhaltiger Entwicklung sein muss.

4. erfolgreiche Städte des 21. Jahrhunderts sich an der Erfahrung derjenigen Städte, die sich im späten 20. Jahrhundert erfolgreich entwickelt haben, orientieren können.

5. entschiedene lokalpolitische Handlungen in Kooperation mit der Zivilgesellschaft gefragt sind, um nachhaltige urbane Entwicklung zu erreichen.

6. urbane Wirtschaft sich von der Güterproduktion zur Dienstleistung hin bewegt. Dieser Wandel erlaube es den Städten, sich von ihrer traditionellen Ressourcen-Abhängigkeit zu befreien und ihre wirtschaftliche Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen.

7. die Städte des 21. Jahrhunderts größere Autonomie brauchen, um wirklich erfolgreich zu sein. Nach einer langen Ära, in der Zentralregierungen die Norm waren, müsse ein neues Machtgleichgewicht etabliert werden.

Es ist ein weiter Blick, den sich Pfeiffer in seinem Text erlaubt. "Reinventing the Cities" ist weniger ein Bericht politischer Maßnahmen, als vielmehr der Versuch, einen ideologischen Rahmen für urbane Entwicklung auf globaler Basis zu erstellen. Ich habe den Report in sieben Thesen zusammengefasst und werde dazu im Folgenden Stellung beziehen:

zu These 1

Hier begegnen wir der Sprache der "grenzenlosen Welt", die von Management-Gurus so geliebt wird. Netzwerk ist die modisch-coole Begrifflichkeit, mit der gegenseitige Abhängigkeiten beschrieben werden. Wer die Akteure in diesem Netzwerk sind oder wie die Struktur des Netzwerks selbst aussieht, sagt der Begriff aber nicht. Ein Hinweis wird gegeben, wenn es heißt, diese Netzwerke würden durch "weltweiten Wettbewerb" angetrieben. Und wer steht in weltweitem Wettbewerb? Auf der einen Seite große transnationale Konzerne, auf der anderen Seite Städte, die gegeneinander global um Investitionen konkurrieren?

Alles in dieser Sprache deutet darauf hin, dass die aus den vergangenen 20 Jahren bekannten Trends unverändert und ohne Widerstand für ein weiteres Jahrhundert andauern sollen. Ebenso wird keine Möglichkeit in Betracht gezogen, dass entgegengesetzte Kräfte ins Spiel kommen: inter-urbane Kooperationen, die erfolgreich die Verminderung der Macht globaler Korporation einschränken; das Erstarken des Nationalstaates im Interesse größerer Gleichheit zwischen Städten und Regionen oder im Interesse des Umweltschutzes; die globale Vernetzung von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen. Denkbar wäre beispielsweise ein völlig anderes Szenario: Urbaner Kollaps; Umweltkatastrophen; an verschiedenen Orten gleichzeitig ausbrechende Bürgerkriege mit Völkermord und ähnliche Gräuel.

zu These 2

Die blanke Absurdität. So, als würde man sagen: "Wir alle wollen mehr Geld". Nun, vielleicht. Aber als ein Rezept für die Welt kann das nicht ernstgenommen werden. Verschiedene Menschen wollen nicht nur verschiedene Dinge, sondern sie sind sich auch uneinig darin, was sie für ihre Städte wollen und in welcher Reihenfolge, zu welchem Preis, auf wessen Kosten und für wen. Die These wird vorgebracht, weil ohne sie die ganze Logik des Berichts auseinanderfallen würde. Politik beschäftigt sich gerade mit Menschen, die verschiedene Dinge wollen. Und die Autoren befürworten eine lebendige Politik! Demzufolge liegt der Widerspruch klar auf der Hand. Nur, den Autoren des Reports ist dies offensichtlich nicht klar.

zu These 3

Wer kann gegen Good Governance und nachhaltige Entwicklung sein? Diese Begriffe sind Teil des gegenwärtigen internationalen Jargons und daher gegenüber jeglicher Kritik immun. Ich frage mich, wie viele Menschen außerhalb von Deutschland den Begriff "gemeinsames Ziel" (communal goal) so verstehen, dass er sich auf "Kommunalpolitik" (local politics) bezieht. Tatsächlich besteht der Autor hier auf einer einzigen Norm: Kommunalpolitik muss nachhaltige Entwicklung als Zielsetzung zum Kernpunkt machen. Schließt das solche Begriffe wie soziale Nachhaltigkeit ein?

Und was müsste sich ändern, damit "Grundbedürfnis"-Strategien erneut auf die Tagesordnung kommen, diesmal mit dem Fokus auf Städte, und vielleicht nicht nur in "armen Städten mit überproportionalem Wachstum"? Da ungefähr ein Viertel der Bevölkerung in "reifen" Städten wie Melbourne oder Los Angeles als arm eingestuft werden kann, würde eine "Grundbedürfnis"-Strategie dort nicht genauso ansetzen müssen, wie in - sagen wir - den überproportional wachsenden Städten Nigerias? Würde dies nicht eine massive Beteiligung des Nationalstaates voraussetzen? Und wenn das der Fall ist, würde dies nicht bedeuten, dass man über den Sozialstaat neu nachdenken muss, der nach gegenwärtiger Vorstellung - selbst in Sozialdemokratien - langsam eliminiert werden soll, weil er finanziell nicht mehr tragbar ist? Offenkundig ist der Autor von einer solchen Hinwendung zu echter sozialer Nachhaltigkeit meilenweit entfernt.

zu These 4

Eine weitere geläufige Plattitüde: best practices ("beste Praktiken"). Sollen diejenigen, die uns folgen, von unseren Erfolgen lernen! Welches sind die Modellstädte der Vergangenheit? Zwei fallen uns auf Anhieb ein: Curitiba (Brasilien) und Singapur. Diese Modelle werden seit mindestens einem Jahrzehnt gepriesen, aber bislang habe ich noch keine Beispiele für Curitiba II oder Singapur II entdeckt. Warum ist dies der Fall, trotz aller Publizität, die diese Städte begleitet hat? Der einfache Grund ist, dass keine zwei Städte identisch sind. Wenn man sich eine Stadt genauer ansieht, und das muss man in der Tat tun, wenn man ein Politikrezept vorschreiben möchte, findet man schnell heraus, dass zum Beispiel das öffentliche Transportsystem der Stadt, in der ich heute lebe - Melbourne - weder mit Curitiba vergleichbar ist, noch mit der vielzitierten Stadt Toronto. Und das nicht, weil die Verkehrsplaner in Melbourne diese Modelle nicht kennen, sondern weil diese Modelle für die einzigartigen Umstände von Melbourne im Jahr 2000 nicht gelten. Es scheint die Vorstellung zu bestehen, dass man "Lösungen" aus ihrem spezifischen Kontext isolieren kann, etwa wie in den Naturwissenschaften, um dann in einer Art Transplantationsprozess die Stadt Melbourne ein bisschen mehr wie Toronto zu machen. Es gibt nur wenige Fälle, in denen ein solches Transplantat tatsächlich "anwächst".

zu These 5

Entschiedene kommunalpolitische Handlung - ja, natürlich. Aber welche Art von Politik? Der Autor erklärt: "In Kooperation mit der Zivilgesellschaft". Bedeutet das, eine Zivilgesellschaft autonom vom (lokalen) Staat? Eine organisierte Zivilgesellschaft? Und handelt es sich dabei um eine Zivilgesellschaft mit einem freundlichen Gesicht (eine Damengartengesellschaft) oder eher um eine bösartige (die örtliche Mafia)? Worin besteht die Arbeitsteilung zwischen Lokalstaat und Zivilgesellschaft? Die internationale Buchstabensuppe von NGO, CBO (community based organizations, etwa: Nachbarschaftsinitiativen), QUANGO (Quasi-Nichtregierungsorganisationen), ist in den vergangenen Jahren eingespannt worden, sich mit den "bequemen" Sozialproblemen von Armut und Gemeindeentwicklung in Entwicklungsländern auseinander zu setzen. Aber selbst mit Regierungshilfe hat man nur die Oberfläche von Problemen gestreift, die viel tiefer liegen, die in der Struktur selbst begründet und im Wachstum begriffen sind. Viele dieser Initiativen werden von internationalen karitativen Organisationen unterstützt. Manche von ihnen verfolgen ideologische oder religiöse Programme. Ihr bruchstückhafter Ansatz ist nicht in der Lage, über karitative Arbeit hinauszugehen. Sporadische Versuche landesweiter oder zumindest regionaler Koordination sind gescheitert. Sieht so die "kooperative Zivilgesellschaft" aus? Und sieht so die Rollenverteilung aus: Dass der Lokalstaat die wirtschaftliche Entwicklung vorantreibt und die Zivilgesellschaft für sich selbst sorgt? Dem muss hinzugefügt werden, dass es in vielen Ländern, wie zum Beispiel in Russland und China, gar keine Zivilgesellschaft gibt, die diese Bezeichnung verdient.

zu These 6

Hier gibt es eine Vorhersage: Urbane Wirtschaft wird sich von der Güterherstellung zur Bereitstellung von Dienstleistungen wandeln. Dies "befreit" Städte von ihrer "bisherigen Ressourcen-Grundlage" und erlaubt es ihnen, die Herren ihres eigenen wirtschaftlichen Schicksals zu werden. Diese Vorhersage hätte ihre Berechtigung haben können, wie sie sich auf eine bestimmte Klasse von Städten, wie zum Beispiel "global cities", beschränkt hätte. Aber so, als generelle Regel? Wenn sich die Weltbevölkerung auf zwölf Milliarden Menschen verdoppelt hat, von denen 70 Prozent in Städten leben werden, wer soll sich dann diese Bevölkerung mit ihren Bedürfnissen nach Fertiggütern, von der Armbanduhr über den Traktor zum Flugzeug, versorgen? Und wo sollen diese Güter produziert werden? China war außergewöhnlich erfolgreich in der Förderung "ländlicher Industrien", aber nach wie vor sind die Großstädte die wesentlichen Zentren der Güterproduktion. Sollen wir denn glauben, dass die Städte künftig hauptsächlich Kontrollfunktion ausüben und jegliche Fabrikarbeit dem Hinterland oder den Regionen überlassen werden? Zumindest im asiatisch-pazifischen Raum, immerhin die sich am schnellsten industrialisierende Globalregion, gibt es wenig Beweise dafür. Und was sollen wir davon halten, dass Städte die "Herren ihres eigenen wirtschaftlichen Schicksals" werden? Mir scheint, dass dies herzlich wenig mit "bisherigen Ressourcen-Grundlagen" zu tun hat, ganz im Gegensatz zu dem, was die Autoren des Berichts in diesem Fall behaupten. Hier und da sind Schornsteinindustrien durch die Elektronik ersetzt worden. Aber es lässt sich schwerlich behaupten, dass San Jos in Kalifornien, Herz des Silicon Valley, im Vergleich zum Nachbarn Oakland, das eher von traditionellen Ressourcen abhängt, "befreit" worden und nun für sein eigenes Glück verantwortlich wäre. Oder dass das Rhein- und Ruhrgebiet "befreit" worden ist, weil Stahl- und Kohleindustrie in andere Teile der Welt verlagert worden sind. Dies zu behaupten, ist nichts als ideologisches, leeres Geschwätz.

zu These 7

Dies ist der Ruf nach der Restrukturierung des Nationalstaates in Richtung Quasi-Stadtstaaten der Zukunft. Es gibt in der Tat in vielen Städten einen von den Autoren erkannten Trend hin zu einer pro-aktiven Städtepolitik. Städte sind "unternehmerisch" geworden, wie man sagt. Aber es ist eine Sache, dies in der Bundesrepublik Deutschland mit ihrer starken Tradition kommunaler Selbstbestimmungsrechte zu vertreten, denn der gleiche Vorschlag wäre als Modell für Japan, das eine ebenso starke zentralistische Tradition hat, nahezu undenkbar. Für Länder, die gerade eben in der Lage sind, zentrale Regierungsposten mit leidlich kompetenten Berufspolitikern zu besetzen, Moçambique oder Bolivien beispielsweise, wäre größere kommunale Autonomie genau der falsche Ansatz. Darüber hinaus stehen in vielen Ländern die Beziehungen zwischen Staat und Kommunen bereits in einem prekären Ungleichgewicht, je nachdem welche Partei oder welcher politische Clan gerade an der Macht ist. Im spanischen Teil Lateinamerikas - Mexiko und Kolumbien ausgenommen - sind städtische Angelegenheiten überall auf die Hauptstädte konzentriert und schon von daher von überwältigender Wichtigkeit für die Zentralregierung. Viele Länder sind bereits so etwas wie Stadt-Staaten, aber dennoch keineswegs in der Lage, Singapurs Marsch in den Wohlstand nachzuahmen. In anderen Ländern ist die nationale Regierung so schwach, dass die Befürwortung einer weiteren Machtdezentralisierung katastrophale Folgen haben würde. Kurz, es gibt keine großartigen, allumfassenden Lösungen für urbane Governance-Arrangements und territoriale Machtverteilung.

Am Ende überwiegt der Eindruck, dass der Report "Reinventing the Cities - Urban 21" den Untertitel "Das Ende des europäischen Denkens" tragen sollte. Es ist der Bericht einer fixen Idee, die davon ausgeht, dass die Welt auf ein einziges Modell der Stadtentwicklung zusteuert. Ein Bericht, der nicht in der Lage ist, alternative Szenarien in Erwägung zu ziehen und daher einfach annimmt, der gegenwärtige Trend werde sich die nächsten hundert Jahre fortsetzen.

Aus dem US-Amerikanischen von Volker Eick und Eva Ballin

John Friedmann war Professor für Stadtplanung an der UCLA-University of California, Los Angeles. Auf ihn geht die Auseinandersetzung um die sogenannten "world cities" maßgeblich zurück. Zu seinen letzten Veröffentlichungen zählen: Empowerment: The politics of urban development (1992), Cities for citizens (1998, Mitherausgeber) und Urban and regional government in the Asian Pacific (1999, Mitherausgeber). Die Langfassung des Artikels kann im Berliner Mieter-Echo nachgelesen werden.

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