Geh zu Ihnen und lass deinen Drachen steigen!

Wolf Biermann Von einem Auftritt Wolf Biermanns zwischen Morbidität und Verhärtung
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Auf heller Lichtung beruft der Präsident das Haus und die Sitzung ist eröffnet.

Der Hochsitz des Drachentöters ist ein kleines Fußbrett vor einem Standmikrofon.
Gespannt sind Zuschauer und Büchse.
Ein echter Drachentöter hält etwas auf sich: das sechsläufige Arbeitsgerät aus Holz und Stahl erzittert; ist zum Blattschuss bereit.
Doch gezielt geschossen wird heute nicht, denn der Drachentöter sieht sich amtsunfähig.
Erlegt ist der Drache!
Und die elenden Überreste sind des Schußes nicht würdig.
Doch wohin schießt der Drachentöter in einer Zeit, in der die Arbeitsgruppe „Gegen die Diskriminierung von Eidechsen durch Drachentöter“ das Drachenähnlichste ist?
In den Himmel – wie es die Drachentöterschule lehrt?
„Ich schieße doch nicht in den blauen Himmel!“, sagt noch ein jeder Drachentöterlehrling in der ersten Lehrstunde zu seinem Meister, „Weiß der Herr, wen ich dabei träfe!“, eifert er, „und selbst wenn ich niemanden träfe, so würde meine Kugel doch wohl den Himmel teilen!“
Der Drachentöter - schon von Ausbildungs wegen ein Idealist!
Aber den Vorwurf der Gefährdung anderer durch die Drachenjagd, will er nicht gelten lassen. Mit Bedacht soll der Jäger seine Büchse spannen, denn wer als der Jäger kennt die Gefahren der Jagd!
Daher spricht er der Arbeitsgruppe „Gegen die Diskriminierung von Eidechsen durch Drachentöter“ auch den Namen ab, nennt sie stattdessen Kadaververwalter.
„Als ihr noch an der Macht wart“, ruft er ihnen zu.
Die kleine Katja wundert sich: „Ich war nie an der Macht!“
Und der ernste Klaus ruft:“Ich auch nicht!“
Doch ein beirrbarer Siegfried, ist ein toter Siegfried!
Wie ein Barde im Refrain singt er „Als ihr noch an der Macht wart...“
und mit ausgestrecktem Arm hält er die Eidechsen im Zaume.


Der Drache war bräsig, primitiv und plump – ein lächerliches Antlitz!
Doch er konnte dich töten, mit dem Hieb oder dem Feuer, mit einem Schlag seines Schwanzes.
Die Eidechsen sind bräsig, primitiv und plump – und auch sie können dich töten; aber nicht durch willkürliche Kraft, durch Zorn oder Angst, sondern durch Krankheit und Ansteckung. Sie sind die Kadaververwalter, infiziert mit den Krankheiten, die den Leib des Ungeheuers zersetzen.
Lass sie nicht an dich heran, Drachentöter!
Halte deine Handfläche wie eine Mauer zwischen dich und sie und sprich die Schutzformel „Als ihr noch an der Macht wart...“!

Indes dem Präsidenten zweifelt:

Des Schußes wegen kam der Jäger und wes Wortes wird er bleiben?
„Den Jägerstand, mein holder Siegfried, sollst du hier bekleiden!“
„Ich hab zur Zeit des Drachen schon“, der Blutgetränkte sagt,
„von keinem Worte abzuhalten lassen mich gewagt!“,
„Da werd ich hier, der Echsen wegen,
doch nicht zweimal überlegen!
Raunte er und unter gleichen
hieß es „einmal würd' uns reichen!“


Und ach, der Präsident gedachte Siegfrieds Schwert und Schild,
und wenn ein eil'ger Bote seine Worten bringt in Bild,
und aus Versehn es hieße, dass der Drachentöter nicht,
sondern von den Echsen Einer ins Gesicht
des Hohen Hauses diese Worte hätt' gespeit,
es hieße „Echse gleicht das Hoh' Gericht
mit schlimmster Drachenzeit!“

Doch ach, der Töter hat das Wort gesagt
und begeistert ist die Runde!
Wer nächste Woche danach fragt,
wird seligen Erinnerns kunde.


Und der Präsident wiegt seine Sorgen zur Ruhe, als der Siegfried endlich setzt den Fuß in die Luft, die trägt.
Den Hochsitz erklimmt der Jäger und lässt seinen Drachen steigen,
singt von Verhärtung und ihrer Not und mahnt den Freund zur Ermutigung,
denn in dieser harten Zeit – der Zeit des Drachen – ist für Verhärtung kein Platz.
Aber eben nur in dieser Zeit!
Nun ist die Zeit, in der von Drachen nur Eidechsen geblieben sind.
Bist du jetzt hart, Drachentöter?
Oder bist du schon gebrochen?

14:28 07.11.2014
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