Das kleine Buch gegen den großen Blödsinn

Rezension Das Buch "Einwanderung und Asyl" will die Debatte anhand der 101 wichtigsten Fragen versachlichen. Ganz gelungen ist das nicht
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Das kleine Buch gegen den großen Blödsinn
Flüchtende warten im Mittelmeer auf ihre Rettung
Foto: ALBERTO PIZZOLI/AFP/Getty Images

In einer besseren Welt wäre das Einführungsbuch "Einwanderung und Asyl" von Karl-Heinz Meier-Braun, Integrationsbeauftragter und Honorarprofessor für Politikwissenschaft, überflüssig. In einer besseren Welt wären Fragen über die Quantität und Qualität von Geflüchteten – die Hauptfaszination vieler Medien und der Politprominenz – eher ein Nebenschauplatz.

In dieser Welt wären Solidarität, Eigenverantwortung, Menschenrechte, Nächstenliebe oder wie auch immer man eine halbwegs affirmative Grundhaltung zu Einwanderung benennen möchte, der Maßstab für die Diskussion über Menschen, die aus guten Gründen ihre Heimat verlassen. Auch in Meier-Brauns Buch fehlt ein solcher, neuer Maßstab, der ebenfalls das Potenzial hätte, zur Versachlichung beizutragen.

Im Zentrum stehen dagegen Fragen, die bestenfalls aus den Federn wohlwollender Skeptiker und Skeptikerinnen stammen – Fragen eben, wie der Autor in seinem Vorwort erwähnt, die „nach Beiträgen in Funk und Fernsehen, nach Diskussionen und Vorträgen gestellt werden“.

Realitätssinn

Wie viele Ausländer gibt es in Deutschland, wie viele wollen noch zu uns kommen und brauchen wir sie überhaupt? So könnten die Hauptfragen des Buches zusammengefasst werden. Der Autor begegnet diesen zwar mit nüchternem Realitätssinn, wertet die teilweise unseriösen Fragen gleichzeitig aber auch auf.

Der Fragenkatalog fokussiert häufig – gemäß ihrer imaginierten, skeptischen Urheber – die Wirtschaft und die Nützlichkeit der Zuwanderer für Deutschland. Warum überhaupt auf diese fast pathologisch-obsessive, neoliberale Art über Asyl und Migration debattiert werden muss, fragt oder beantwortet das Buch kaum.

Was ebenfalls fehlt, ist die explizite Benennung der vielen Kontinuitäten innerhalb der langen, polarisierenden und ereignisreichen Einwanderungsgeschichte aus und nach Deutschland. Das stärkere Herausfiltern von dominanten Haltungen und Prozessen in der BRD hätte dem Buch sicherlich gut getan. In jedem Fall hätte es Lesern und Leserinnen einen griffigen Erwiderungsleitfaden auf rechte Parolen anbieten können. Stattdessen dominieren Zahlen.

Drei übergeordnete, implizite Kontinuitätslinien lassen sich dennoch herausarbeiten.

Kontinuität Nr. 1: Die Deutschen wandern gerne aus

In der Mitte des 19. Jahrhunderts, beispielsweise, machten es sich die etwa 120 000 deutschen Einwanderer in New York heimisch in 'Kleindeutschland'. Ob Bäckerin, Metzger, Apothekerin oder Pfarrer: Alle waren dort so deutsch wie Wurst und Sauerkraut. Die Einheimischen empfanden das zwar als ein episches Problem, genutzt hat ihr Gemotze allerdings nichts: Die Deutschen überquerten weiterhin fleißig den Atlantik. Bereits im 18. Jahrhundert war ein Drittel der Einwohner in Pennsylvanien deutscher Herkunft.

Nach dem 2. Weltkrieg wanderten Deutsche ebenfalls massiv aus, auch wenn häufig nur temporär. 100 000 machten sich im Schnitt jährlich auf den Weg, zwischen 2009 und 2013 sogar 700 000. Wenn man selbst so gerne das wohlhabende Land verlässt, sollte es nicht verwundern, wenn andere, aus bombardierten Gegenden beispielsweise, das Gleiche tun, könnte man Pegida-Anhängern folgerichtig mitteilen.

Kontinuität Nr. 2: Die Deutschen mögen keine Geflüchteten

Und zwar noch nie – egal von welchem Kontinent Geflüchtete kamen, egal mit welcher Religion. Menschen aus Italien, Spanien, Griechen, der Türkei und anderen trugen seit den Fünfzigern zwar erheblich zum Wirtschaftswunder bei, diffamiert wurden sie trotzdem, nicht selten mit nationalsozialistischer Rhetorik.

Meier-Braun erinnert auch an die 13 Millionen Geflüchteten des 2. Weltkrieges, die sogenannten Heimatvertriebenen, die nur extrem widerwillig wieder aufgenommen wurden. Aus der alten Heimat wurde die kalte Heimat. Meier-Braun: „Es hält sich die Legende, Heimatsvertriebene und Flüchtlinge seien rasch integriert worden. In Wirklichkeit waren sie keineswegs gleich willkommen, vielmehr Anfeindungen und Vorurteilen ausgesetzt.“

Die Deutschen tun sich offensichtlich schwer mit enteigneten, entwurzelten, hoch motivierten Menschen. Warum eigentlich? Besonders im Hinblick auf die letzte Kontinuitätslinie sei die Frage erlaubt.

Kontinuität Nr. 3: Die Deutschen wären ärmer ohne Zuwanderung

Einwanderer können die BRD nicht retten: Deutschland wird in den nächsten Jahrzehnten schrumpfen und altern, meint Meier-Braun. Ohne Ausländer wäre die demographische Katastrophe allerdings noch viel schlimmer. Wenn die acht Millionen Ausländer das Land verlassen würden, wären acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf einen Schlag weg, zusammen mit den 50 Milliarden Steuereinnahmen, die sie erarbeiten. Und die Gastronomie und Automobilwirtschaft Würden zusammenbrechen. „Die Migranten haben den deutschen Arbeitsmarkt bereichert und ihm neue Dynamik gebracht“, schreibt der Autor folgerichtig. Letztere Feststellung ist die vollendete Umkehrung des populistischen Mainstreams – Ohne Einwanderung schafft Deutschland sich irgendwann tatsächlich mal ab, lieber Herr Sarrazin. In einer besseren Welt, wäre das allen bewusst.

Fazit: Dieses Buch ist zwar eine gelungene Umkehrung des diskursiven Mainstreams, aber kein Schritt zur Erschaffung eines neuen und ausgewogeneren Diskurses. Solange man sich nicht komplett vom allgemeinen Blödsinn der Verwirtschaftlichung und Verdinglichung von Menschen lösen kann, bleiben die wichtigsten Fragen offen.

Die 101 wichtigsten Fragen: Einwanderung und Asyl Karl-Heinz Meier-Braun CH Beck 2015, 159 S., 10,95 €

19:49 28.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Johnny H. Van Hove

Historiker, Brüsseler und Berliner. Autor des Buchs "Congoism: Congo Discourses in the United States from 1800 to the Present."
Johnny H. Van Hove

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