Johnny H. Van Hove
27.05.2016 | 12:59 18

Die Rache der Arbeiter

Rechtspopulismus Wie ticken die Arbeiter, die europaweit als rechtsextremes Wahlklientel von sich hören lassen? Didier Eribon, selbst Arbeiterkind, schrieb ein faszinierendes Buch darüber

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Johnny H. Van Hove

Die Rache der Arbeiter

Foto: Jeff Pachoud /AFP / Getty Images

In Österreich wählten 86% der Arbeiter den rechtsextremen Bundespräsidentschaftskandidaten Norbert Hofer. In Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Deutschland heißen die populären rechten Kandidaten Le Pen, Dewinter, Wilders und Petry. Warum werden sie so häufig von der Arbeiterschaft unterstützt? Eribons Rückkehr nach Reims – ein Buch aus dem Jahr 2009, das nun in der hervorragenden Übersetzung von Tobias Haberkorn auf Deutsch vorliegt –, bietet sowohl eine biographische wie auch eine politische Auseinandersetzung mit der französischen Arbeiterklasse und wandelt dabei kontinuierlich und scharfsinnig auf den Spuren ihrer gesellschaftspolitischen Umbrüche: Von Kommunisten hin zu Front National-Anhängern.

Die Ausgangslage des Buches ist ein persönliches Drama. Als sein Vater stirbt, ist Eribon nach jahrzehntelangem selbstgewählten Exil gezwungen, das alte Arbeiterviertel in der Nähe von Reims zu besuchen. Den Ort hatte der Soziologe als Jugendlicher mit voller Überzeugung für Paris eingetauscht. Die Rückkehr in die Provinz löste bei Eribon eine „Umkehr, eine Rückbesinnung, ein Wiedersehen mit einem ebenso konservierten wie negierten Selbst“ aus. Was auf den ersten Blick in eine psychologische Nabelschau über eine „Gegend seiner selbst“ abzudriften droht, mündet im Gegenteil in eine vielschichtige, wundervoll kritische Reflexion über den Einfluss der sozialen Welt auf die Subjektkonstitution sowie über die konkrete politische Entwicklung und Lage der Arbeiterschaft innerhalb der französischen Gesellschaft.

Gegen die Massenoligarchie

Anhand seiner Rückkehr fragt der Autor, welchen Anteil die „offizielle Linke“ an der Tatsache trägt, dass seine Familie nun das Front National wählt, während sie in seiner ganzen Kindheit die Kommunisten unterstützten. Das Versagen der Linken sei ein wichtiger Teil der Antwort, besonders das der Parti Socialiste. Erst leugneten die Sozialdemokraten die Existenz von Klassen und sozio-ökonomischer Unterdrückung, die zunehmend durch das Konzept der individuellen Verantwortung im politischen Diskurs abgelöst wurden. Daraufhin schrieb sich die Partei gänzlich in das Projekt des Sozialabbaus ein – eine Politik, die bis heute konsequent verfolgt werde.

Radikale linke Kreise, wiederum, die sich vehement gegen die Sozialdemokratie wehrten, reduzierten Arbeiterinnen und Arbeiter all zu häufig auf politische Chiffren. Linke Intellektuelle betteten sie in hoch komplexe Theoretisierungen ein, mit dem Ergebnis, dass die historische Arbeiterbewegung lediglich mit ihren Kämpfen und Traditionen erhalten bleibe; die individuellen ArbeiterInnen hingegen – die Tatsache, dass sie „existieren, dass die leben, dass sie etwas denken und wollen“ – verschwanden zunehmend. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Eribons Beschäftigung mit linker Klassentheorie zur endgültigen Befremdung gegenüber seinen Eltern führt, deren Verständnis von linker Politik eher pragmatischer Natur war und das sich fast ausschließlich an lokalen Alltagsproblemen orientierte. Nicht ohne Bedauern gibt der Autor zu: „Mein jugendlicher Marxismus war also ein Instrument meiner eigenen sozialen Desidentifikation. Ich glorifizierte die Arbeiterklasse, um mich leichter von den realen Arbeitern abgrenzen zu können.“

Eribon geht gnadenlos kritisch mit den französischen Salonsozialisten ins Gericht. Auch wenn er manchmal zu pessimistischen Verallgemeinerungen über die anti-linke Stimmung vieler Arbeiter und Arbeiterinnen neigt, gibt ihm die politische Realität zunehmend recht: Die linke Wählerschaft läuft heute scharenweise zum rechtspopulistischen Klassenfeind über. Sie tue das primär aus Notwehr und Opposition gegenüber der dominanten Massenoligarchie, wie Emmanuel Todd die Klassen oberhalb der traditionellen Arbeiterklasse in seinem sehr lesenswerten Buch Wer ist Charlie? nennt, die ihr akzeptables Bildungsniveau und Einkommen auf Kosten der populären Schichten durchsetze. Ein weiterer Grund ist, so führt Eribon an, dass die Arbeiterklasse keineswegs dazu prädestiniert sei, links oder progressiv zu wählen: Ein Denkfehler, der bis heute unter vielen Linken herrsche. Am Ende seien Rechtspopulisten in erster Linie sehr erfolgreiche Einfänger und Verstärker der negativen Passionen der Arbeiterklasse, die im Kontext ihrer zunehmend schwierigen sozio-ökonomischen Lage entstehen. Dieser Umstand wird besonders vor dem Hintergrund Eribons eigener Familiengeschichte deutlich.

Unterwerfung als Rettung

Eribon zeigt sich als ein differenzierter Chronist seiner Familiengeschichte, die er harsch und liebevoll wiedergibt und durch den sozio-politischen Fleischwolf zieht. Seine Eltern, Fabrikarbeiter mit homophoben und rassistischen Tendenzen, lebten vor den Augen ihrer Kinder einen hysterischen „Ehewahnsinn“ aus. Dadurch verkörpern sie, so verlautbart der Autor, nichts weniger als „eine Art negatives soziales Modell“. Besonders auf den Vater treffe das zu, dessen Aggressionen, psychotisches Gehabe und alkoholische Ausbrüche nichtsdestotrotz vom Autoren empathisch reflektiert werden. Unerbittlich und ehrlich sind Eribons Geschichten, und dennoch wird die Leserschaft nicht zum Voyeur einer Geschichte eines Selbsthassers gemacht. Dafür ist Eribons Gangart einfach zu analytisch, auch wenn die Geschichte eine persönliche ist.

Das Leitthema des biographischen Narratives ist die Zerrissenheit, die Persönlichkeitsspaltung, das doppelte Bewusstsein des Arbeiterkindes. Durch einen Filter aus literarischen, theoretischen und politischen Referenzen wird dieser Umstand bestechend aufgearbeitet. Der Autor ist kein politischer Held, so viel wird deutlich, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, der versucht zu überleben und etwas aus dem zu machen, was man aus ihm gemacht hat. Vermenschlichung ist ein sorgfältig erzeugter Effekt, der sich im ganzen Buch manifestiert. Auch in der Frage, warum ausgerechnet er den Bildungs- und Berufsaufstieg geschafft hat (Eribon ist zur Zeit Professor an der Universität von Amiens), trotz seines eingetrichterten Sarkasmus', seiner Verachtung gegenüber bürgerlichen Selbstverständlichkeiten und seiner oppositionellen Haltung? Seine persönliche Antwort: Entweder konnte er seinen widerspenstigen Reflexen freien Lauf lassen, und riskierte damit potentiell eine sinnvolle berufliche Karriere, oder er musste sich dem Wertekanon, der Redeweise und den Argumentationsmustern der Bürgerlichen beugen und anpassen. „Widerstand hätte meine Niederlage bedeutet. Unterwerfung war meine Rettung“, schreibt der Autor folgerichtig.

Die Rückkehr zur Arbeiterklasse muss erfolgen, so Eribon, aber es werde ein steiniger Weg. Dieses Buch ist ein wichtiger Schritt, indem es zu radikaler Selbstkritik und - Reflexion aufruft. Gleichzeitig errichtet es ein literarisches Monument für die Ursprungsklasse – ambivalent, deprimierend, hoffnungsvoll, nachdenklich und menschlich. Wie die Arbeiterklasse selbst, kurzum.

Rückkehr nach Reims Didier Eribon Suhrkamp 2016, 240S., 18€

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Kommentare (18)

goedzak 27.05.2016 | 14:56

Das hört sich für mich wie ein wirklich interessantes Buch an. Danke für diese auch gut geschriebene Empfehlung.

Ich fange natürlich gleich an zu grübeln: Das Arbeiterkind, aus dem "etwas gemacht" wurde (ein Uni-Prof)? Und das das dann als eine Art überlebensnotwendige "Unterwerfung" bezeichnet? Solche Karrieren gibt es viele. Bei einigen von ihnen wird man ganz sicher sowas wie opportunistische Anpassung feststellen müssen. Aber dieser soziale Schritt muss das nicht zwanghaft sein, und eine Unterwerfung auch nicht.

Aber erstmal lesen - wahrscheinlich als Teil meiner Urlaubslektüre. :-)

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Ehemaliger Nutzer 28.05.2016 | 08:14

Gab es jenseits des Traditions-Kommunismus, der, von nur wenigen beweint, unterging, so was wie einen ernsthaften Versuch einer Definition? Der Begriff der Klasse war doch, und das unter durch aus zutreffender Berufung auf Marx, zentral im Marxismus-Leninismus.

Der hatte ganz sicher ein sehr starkes deterministisches Moment. Aber die Vorstellung, dass die individuelle Herkunft notwendig eine ebenso individuelle Prägung zur Folge haben muss, war, zumindest den klügeren Autoren, fremd. Sie bestimmt halt die soziale Stellung. Ein Bewusstsein für diese Stellung, für diese Lage, galt es zu erzeugen, anzuerziehen. Das Klassenbewusstsein eben.

Wir gingen davon aus, dass die Klasse, wenn sie sich denn ihrer selbst bewusst ist, über die wundersame Kraft verfügen würde, die Welt aus den Angeln zu heben.

Nun, ich finde es schade, dass dem wohl nicht so ist. Die Arbeiter sind bestimmt, zu arbeiten und nicht irgend was an den Angeln der Welt zu machen.

Lohnarbeit ist Ausbeutung. Und weltweit ist der Ruf der Arbeiter zu vernehmen: “Beutet uns aus! Gebt uns Arbeit“

Alles so überhaupt nicht lustig.

anne mohnen 28.05.2016 | 10:14

Danke, lieber Johnny van Hove, für den Blog.

Vorab Didier Eribon ist ein brillanter Schriftsteller. Ich lese seine Bücher, Artikel, seinen Blog, folge ihm auf FB. Das 2009 in Frankreich erschienene Buch ist dort längst zum Klassiker aufgestiegen.

Eribon wählt die Einzelanalyse: „Eribon und seine Familie". Man muss von einem Kniff sprechen, denn Eribon oszilliert ständig zwischen Autobiographie, Kulturanalyse und sozialem Traktat. Das hat in Frankreich nicht erst seit Rousseaus ‚Bekenntnisse‘ Tradition. Zur Tradition gehört dann auch, dass der eine oder andere ungerecht porträtiert wird. Bei Eribon kriegt Raymond Aron die ganze Verachtung ab. Bei allem Respekt vor Eribons sprachlicher Brillanz, ist das einfach nur ungerecht.

Ist Bildungsaufstieg "Unterwerfung"? Es kommt nicht von ungefähr, dass Eribon seine Bildungskarriere und sozialen Aufstieg mit Bourdieu zementiert und Freud ausdrücklich nicht gelten lassen will. ;)

Aber klar, es gibt die verkrustete Clique von ENA & Sciences Po-Absolventen in Frankreich, und „Kaviarlinke“, weshalb Gustav Seibt (;)) auch voll des Lobes ist, denn Eribon liefert in seiner reaktiven Betrachtungsweise viel Entlastung für jene, die Erosionsprozesse in der Politik und Demokratie einhegen wollen, indem der Fokus auf „den Arbeiter“, den (ominösen) „kleinen Mann“ verschoben wird. Die Statistiken über den FN & da, da und dort sprechen jedoch noch andere Bände.

Eribon widmet sich nicht der aktuellen Politik. Warum verzeichnen die Rechten den Zulauf gerade junger Menschen/Männer oder des Juste Milieus? usw., usw.

Eribons Traktat reicht zwar nicht zur Verallgemeinerung. Am Allerwenigsten lässt sich daraus ableiten, dass Schröder, Gabriel, Raab Unterdrückt sind! ;)

Unbedingt- lesen sollte man es, wegen des Blicks auf die Kultur, die Milieus Frankreichs in den letzten Jahrzehnten und weil Eribon so gut schreiben kann.

LG am

Heinz 28.05.2016 | 16:19

»Wie ticken die Arbeiter?«

Ich frage mich, ob das heute noch die richtige Frage ist. Ein Bezug auf die Klassengesellschaft des Feudalismus im 19. Jahrhundert scheint mir verfehlt zu sein, seit die Gesellschaft sich mit der Weimarer Republik auf demokratisch umgestellt hat.

Frei Gleich Sozial ist (eigentlich) der Anspruch.

Die Wirklichkeit ist anders:

50% haben nichts mehr zu verlieren,
40% verlieren ihre Besitzstände,
10% zocken ab.

Diese verkürzte Darstellung zeigt gleichzeitig die Fronten. In den Nachkriegsjahren sah es mal so aus, als gäbe es einen Ausgleich. Mit den 1980er Jahren schwand diese Illusion. Die untere Hälfte der Bevölkerung wurde mit einem Mindestkonsum ruhig gestellt. Die sogenannten Funktionseliten glaubten weiter an ihre Wichtigkeit, mußten aber zuschauen, daß ihre Besitzstände weniger wurden, weil der gesamte Kuchen kleiner und kleiner schrumpfte. Die Gewinne wanderten ins globale Dorf zur Maximierung der leistungsosen Einkünfte - zur Abzocke.

Wen bezeichnest du da als Arbeiter?, betroffen sind alle Menschen, egal welche Ausbildung oder welchen Beruf sie haben - und deren Familien natürlich auch.

karamasoff 28.05.2016 | 16:43

Und damit jedem fleissigen deutschen Arbeiter klar wird wieviel selbst 45 Jahre Maloche mit anschliessender Halbverkrüppelung so wert ist, wenn der kleine Mann keinen satten Mehrwert mehr liefert, sei hier ein Beispiel genannt:

Nach-45-Jahren-Arbeit-nicht-mal-Hartz-IV

aus dem Schatzkästlein des ÖR. Solange es noch online ist.

Ich gehe davon aus, daß nichtmal so ein Fall irgendwen wachrüttelt. Die "kleiner Mann"-Erstreaktion dürften eher sein:

- Der hat was falsch gemacht

- Der hat die provoziert

- Der wurde angeschwärzt

- Das ist nur ein Einzelfall

usw blabla

Da is selbstverständlich der Ausländer dran schuld...

goedzak 28.05.2016 | 18:05

Von unterwegs: Ich hatte es heute mit einem Transportarbeiter zu tun. Transportarbeiter - schon lange ein wichtiger Teil der Arbeiterklasse. Thälmann z.B. war einer... :-)

Also, wir nähern uns dem Ziel, großen Stadt im Osten Deutschlands, um nicht zu sagen, dEr Bundeshauptstadt. Der Busfahrer, eher auch nicht so gut bezahlt, die günstigen Fernbuspreise müssen ja irgendwo herkommen, hebt an zu der routinemäßigen Warnung von Gepäck- und Taschendieben am ZOB. Und dann, dann fügt er plötzlich noch folgendes an: Aus Berichten der Polizei gehe hervor, das die allermeisten dieser Diebstähle von deutschen Tätern, nicht von Ausländern begangen würden. Er wolle darauf mal ausdrücklich hinweisen, denn es würde ja gerade soviel geredet...

Naja, die Arbeiter, die jetzt alle rechts wählen... Das ist hier im Aufmacher schon eine fragwürdige Pauschalisierung. Das Problem ist eigentlich eine schon i.G. über 100 Jahre andauernde Stigmatisierung der unteren Schichten.

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anne mohnen 29.05.2016 | 09:55

Lieber Johnny van Hove, es ist unbestritten, dass den Sozialisten in Frankreich „Arbeiter“ davonlaufen, was einen nicht wundert, wenn man sich die Situation z.B. in Nord-Frankreich anschaut, worauf die Sozialisten keine Antwort haben. Sie haben auch keine Antwort auf die Abwanderung z.B. in Burgund oder warum junge Männer FN-affin sind oder vor allem Kleinunternehmer, die noch an einen französischen Kapitalismus glauben, den der FN ja propagiert. Unbestritten ist, dass die französische Wirtschaft in einer tiefen Krise ist. Aber das ist hier nicht das Thema (incl. der Knüppelpraxis mit der die französischen Armee und Polizei aktuell gegen Demonstranten vorgeht).

Was mich irritiert ist, 1. wie die 86% zustande kommen. Mal abgesehen davon, dass die Erhebungspraxis in Frankreich, vorsichtig formuliert, nicht immer nachvollziehbar ist, muss das Label „Arbeiter“ arg gedehnt werden, um auf die Prozentzahlen zu kommen. Inzwischen tauchen z.B. Kleinunternehmer als “Arbeiter“ in den Statistiken auf. Doch das nur nebenbei. 2. Der FN, wie überhaupt rechtes Gedankengut, ist erfolgreich in die ominöse Mitte der europäischen Gesellschaft vorgedrungen, worauf ich mit meinen Links hinweisen möchte und weshalb ich meine, dass man sich keinen Gefallen tut die Problematik als „europaweite Rache der Arbeiter“ einzuhegen. In Polen hatte ausgerechnet in Boom-Town Breslau mit einer 3,5 % Arbeitslosenquote & wichtigsten Forschungs-& Bildungszentren des Landes unlängst der NOP starken Zulauf. In Ungarn ließ Viktor Orbán in öffentliche Gebäude Verfassungsaltäre einrichten, glasbelegte Tische nebst Stuhl in einem eigenen Raum, dekoriert in den grün-weiß-roten Landesfarben und bewacht von einem eigens dafür abgestellten öffentlichen Bediensteten. Das alles hat nichts mit der „Rache des Arbeiters" zu tun ( genauso wenig wie der ekelhafte Antiziganismus ( , der in der EU nicht nur hingenommen wird, sondern durch Aushebelung der Roma-Schutzklausel befeuert wird). Die wichtigste flämische nationalistische und rassistische Partei, die 1979 gegründet wurde und die bis im November 2004 als Vlaams Blok (VB, Flämischer Block) firmierte, um sich dann in Vlaams Belang (VB, Flämisches Interesse) umzubenennen, nachdem der oberste Gerichtshof Belgiens die Partei als rassistisch eingestuft und ihr deswegen das Anrecht auf staatliche Parteienfinanzierung entzogen hatte, rekrutierte seine Wählerschaft zunächst im Kleinbürgertum, in den 80ziger Jahre kamen die Underdogs (u.a. abgehängte junge Leute, Arbeitslose) hinzu und in den 1990ziger Jahren Wähler der Christdemokraten, ab den 2000Jahren zielt der VB auf die Wählerschaft der Liberalen ab, die ja in Belgien und den Niederlanden immer schon rechter als die Christdemokraten waren und hinsichtlich Einwanderung, sowie innere Sicherheit dem VB in nichts nachstehen. (…) Um in diesem Umfeld zu mausern, tritt der VB gegen den bestehenden Sozialstaat an, sodass er auch neo- oder wirtschaftliberalen Tendenzen politisch im nationalistischen Sinne zu reformulieren vermochte. Bruno Valkeniers stand/steht stellvertretend für die Verzahnung von Wirtschaftsprofil und flämischem Nationalismus und lieferte die Expertise für viele Rechtsanhänger in der EU.
Zusammengefasst: Die Entwicklungen in den einzelnen Länder sind zu beobachten und die Frage zu stellen: Was haben die etablierten Parteien mit dieser Entwicklung zu tun. Warum schmiert die Linke derart ab? Wer führt "die Identitätsdebatte" an in den Medien, auf den Kathedern? Vor allem, wie wird darauf geantwortet?

Da tut sich für mich plötzlich ein Potpourri auf, in dem „die Rache der Arbeiter“ allenfalls zur Fußnote wird.

Der Kommentar wurde versteckt
Johnny H. Van Hove 29.05.2016 | 11:30

Vielen Dank für die Erörterungen, die ich für sehr richtig halte und mit viel Interesse gelesen habe. Das Problem der Statistik zeigt, wie tief die Wissenskrise über 'Klasse' ist und wie nötig es ist, darüber zu sprechen - ein Sprechen, dass grundsätzlich hadert mit dem richtigen Vokabular und mit der Frage der Repräsentation. Die 'Arbeiter' sind in der Tat nur ein Teil der Frage, warum Rechtspopulismus in den verschiedenen Ländern so stark geworden sind und die Linke so schwach (ich fokussierte mit Absicht zunächst die westeuropäischen Ländern, die ich gut kenne), ich bin einverstanden, obowhl ich denke, dass die 'Arbeiter' wichter als eine Fußnote in dieser Geschichte sind. Ich werde weiter über das Thema Klasse/Migration/Rechtspopulismus schreiben -- auch an der Schnittstelle von anderen Differenzkategorien. Vielleich macht am Ende das Gesamtwerk dieses Blogs deutlicher, wo der Hase für mich läuft...

gelse 29.05.2016 | 12:08

>>Und weltweit ist der Ruf der Arbeiter zu vernehmen: “Beutet uns aus! Gebt uns Arbeit“<<
Genau dadurch wird die Erkenntnis eliminiert: „Wir können für uns nützliche Arbeitsergebnisse besser erstellen ohne Parasiten, die Profit absaugen“.
Es scheint sehr mühsam, sich aus der dröhnenden Propaganda zu befreien, dass wir ohne die "Führung" der Ausbeuter nichts wissen, nichts können nichts wollen...