Terror made in Germany

Komplizenschaft Die ruandisch-kongolesische Terrororganisation FDLR wurde jahrelang aus Deutschland gesteuert. Das Buch „Tatort Kongo“ rechnet mit der Inkompetenz hierzulande ab
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Terror made in Germany
FDLR-Soldaten fahren nach einem Friedenspakt 2005 auf einem UN-Fahrzeug Richtung Ruanda

Foto: JOSE CENDON/AFP/Getty Images

Die Zivilbevölkerung des afrikanischen Gebiets der Großen Seen ist Deutschland ziemlich egal. Zwei AfrikaredakteurInnen der Taz, Dominic Johnson und Simone Schlindwein, sowie die Menschenrechtsexpertin Bianca Schmolze, schildern das Ausmaß dieser Gleichgültigkeit in ihrem hervorragend recherchierten BuchTatort Kongo - Prozess in Deutschland: Die Verbrechen der ruandischen Miliz FDLR und der Versuch einer juristischen Aufarbeitung“.

Die politischen Verantwortlichen der Bundesrepublik haben, so die AutorInnen, ab den frühen 1990er Jahren mehrere Warnzeichen eines kommenden Gewaltausbruchs in Ruanda ignoriert. Darüber hinaus lehnten sie, sobald der sorgfältig geplante Genozid gegen die Tutsi 1994 in der ehemaligen deutschen Kolonie ausgeführt wurde, die große Mehrheit der Asylanträge ruandischen Tutsi ab.

Dass die CDU-nahe Konrad Adenauer Stiftung außerdem den Aufbau des notorischen Hetzsenders Radio Milles Collines unterstützte, der offen zur '“Ausrottung“ der Tutsi-“Kakerlaken“ aufrief, mache aus Deutschland endgültig einen Komplizen dieses Verbrechens. In den post-Genozid Jahren ging das Versagen der deutschen Behörden ungestört weiter. Sie haben schlichtweg die Augen vor den Nachfolgeverbrechen der Hutu-Terrororganisation FDLR verschlossen, so „Tatort Kongo“, deren Milizen bis vor kurzem aus Mannheim dirigiert wurden. Wie das alles geschehen konnte, dafür öffnen die AutorInnen die große Geschichtskiste – von der Kolonialzeit bis heute. Das Ergebnis ist faszinierend und verstörend zugleich.

Hausgemachte Menschenrechtsverletzer

Der Genozid in Ruanda und im Kongo kann ohne einen Rückgriff auf die bis heute stark wirkenden Diskursmuster aus der Kolonialzeit kaum vollständig erklärt werden, so „Tatort Kongo“. Die „Welterklärer des deutschen Bildungsbürgertums“ haben über Jahre hinweg kolonial geprägte Denkmuster vorangetrieben und gepflegt – besonders die Rassifizierung sozialer Unterschiede in Ruanda, wie die vermeintlich biologische Dichotomie zwischen Tutsi und Hutu.

Von den MissionarInnen über den „Fischer Weltalmanach“ bis Peter Scholl-Latour: Rassistische Klischees wurden von deutschen ExpertInnen rücksichtslos reproduziert. Wer in Ruanda nachfragt, erhält Bestätigung, denn auch die ruandische Bevölkerung verinnerlichte diese Allgemeinplätze systematisch – dafür sorgte das kolonial geprägte Schulsystem. 500.000 bis 1 Million Menschen wurden 1994 aufgrund von rassistischen Ideologien zerstückelt, zerbombt, angezündet. Dem Konflikt zweier „Stämme“, wie der Genozid in der damaligen euro-amerikanischen Presse dargestellt wurde, sah Deutschland tatenlos aus der Ferne zu.

Die Flucht großer Teile der ruandischen Hutu-Bevölkerung in den Osten Kongos, die auf die Machteroberung der Tutsi-Milizen des heutigen Präsidenten Kagame erfolgte, destabilisierte zunehmend die ganze Region, allen voran das politisch-militärisch auseinanderfallende Zaire/Kongo. Auch die ehemaligen Genozid-Milizen überquerten die Grenze und gründeten im Osten Kongos im Jahr 2000 die militärisch-politische Organisation FDLR (die Forces Démocratiques de Libération du Rwanda), die die Befreiung Ruandas von den Tutsi zum Ziel hat. Die Miliz baute im rechtsschwachen Raum des Ostkongo mit Gewalt und Terror einen „Staat im Staate“ auf. Zu ihren Blütezeiten pflegte die FDLR eine beeindruckende Bürokratie mit detaillierten Regeln – für Plündereieinnnahmen genauso wie für Eheschließungen.

Entgegen aller UN-Sanktionen, konnte ihr Präsident, Ignace Murwanashyaka, von seiner bescheidenen Mannheimer Mietwohnung aus gemeinsam mit seinem Vize die FDLR-Strategie bestimmen, eine Strategie, die systematisch zu sexueller Gewalt führte, sowie zu der Vernichtung von ganzen Dörfern. In Ruanda und im Kongo war das allen Beteiligten zur Genüge bekannt. Die FDLR-Kämpfer gewannen sogar den Eindruck, dass Deutschland das von der Terrororganisation besetzte Gebiet als Staat anerkennt. Dieser Eindruck muss sich noch verstärkt haben, als ihr Präsident im Gründungsjahr der Miliz in einem bis heute kaum übertroffenen Tempo politisches Asyl sowie einen deutschen Pass von der Bundesrepublik ausgestellt bekam.

Was ebenfalls allen bekannt war: Deutschland war nicht nur politisches Asylland der FDLR-Führer, sondern auch ihr „militärisches Vorbild“. Der Militärführer der FDLR im Kongo, Sylvestre Mudacumura, wurde von der Bundeswehr in Hamburg ausgebildet und ist für seine ausufernde Brutalität während des Völkermords von 1994 bekannt. Die FDLR hält außerdem große Stücke auf die deutsche „Wehrmacht“: Sie gab ihren Offizieren Namen wie „Rommel“ und hegte eine Rassenideologie, die auch in Deutschland bekannterweise einmal überaus populäre war. 2009 flogen die Machenschaften dieser Führungsriege schließlich auf und der Präsident musste sich ab 2011 in dem ersten Prozess dieser Art überhaupt in Deutschland verantworten. 2015 verurteilte das Oberlandesgericht Stuttgart den Ruander aufgrund von Rädelsführerschaft einer terroristischen Vereinigung zu 13 Jahren Haft.

Fakt und Fiktion

Tatort Kongo“macht ernst mit der Frage der Faktizität – eine Ausnahme in der Historiografie dieser Region. Behauptungen werden minutiös belegt, subjektive Reportagen werden gekonnt verflochten mit nüchternen und ausgewogenen Analysen. Doch wer sich etwas länger mit dem afrikanischen Gebiet der Großen Seen auseinandersetzt, weiß irgendwann lediglich Eines ganz genau: In diesem von Gewalt, Misstrauen und Raubzugkaptalismus durchzogenen Gebiet sind Fakt und Fiktion manchmal sehr schwer zu trennen. Skepsis sollte die unvermeidliche Leseart der Bücher über diese Region sein.

Augenzeugenaussagen, häufig auch vor Gericht, sind die zentralen Wissensressourcen der AutorInnen – von den FDLR-Mitläufern, über deren Opfer bis hin zu den Strippenziehern der Organisation. Einige werden sich sicherlich entlasten wollen auf Kosten von Anderen; ein Umstand, der ungenügend reflektiert wird. Beschreibungen von Hauptdarstellern ähneln manchmal denen eines Charaktermordes. Der federführende General Mudacumura, beispielweise, wird als ein psychotischer, unfähiger, „schwerer Alkoholiker“ dargestellt – eine Beschreibung, die nur schwer vereinbar ist mit der Überzeugung der AutorInnen, dass die FDLR eine stramm organisierte, streng disziplinierte Organisation sei.

Auch seine legendäre Fähigkeit, sich so gut wie unsichtbar zu machen, steht in einem Spannungsverhältnis zu dieser Beschreibung. Die Ironie, womit Mudacumura, sowie seine Soldaten und Offiziere, beschrieben werden, ist manchmal unangebracht. Immerhin handelt es sich hier um Mörder und Vergewaltiger. Es wäre völlig indiskutabel, wenn eine ähnliche Haltung im Kontext der Sexualübergriffe in der Kölner Silvesternacht auftauchen würde, beispielsweise.

Nichtsdestotrotz: Diese Monographie ist in seiner detaillierten, transnationelen Spurensuche der FDLR bahnbrechend zu nennen. Der Ort der Großen Seen ist kein Ort der mitreißenden, sensationellen Geschichten, wie andere AutorInnen ihn gerne beschreiben, sondern vielmehr ein Ort, wo die Banalität des Bösen reichlich und mit internationaler Mitschuld gedeiht.

Tatort Kongo - Prozess in Deutschland. Die Verbrechen der ruandischen Miliz FDLR und der Versuch einer juristischen Aufarbeitung Dominic Johnson Simone Schlindwein Bianca Schmolze CH Links Verlag 2016, 504S., 30,00 €

08:32 15.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Johnny H. Van Hove

Historiker, Brüsseler und Berliner. Autor des Buchs "Congoism: Congo Discourses in the United States from 1800 to the Present."
Johnny H. Van Hove

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