Schließt euch zusammen!

Arbeitskampf Ein*e anonym*e Essenslieferat*in berichtet über die Erfahrungen als Arbeitende*r in der Plattformökonomie. Eine Antwort auf "Liebe Fahrer*innen von 'Liefern am Limit'"
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Schließt euch zusammen!
Symbolbild

Foto: imago/Marius Schwarz

Liebe Frau Scholz,

vielen Dank für Ihren Artikel im Freitag vom 19.2.über die Lieferfahrer*innen von Liefern am Limit! Ich selbst bin eine*r von ihnen, daher finde ich es gut und wichtig unsere verschiedensten Kämpfe im öffentlichen Diskurs zu halten.

Dieser Beitrag ist eine Antwort auf den Artikel "Liebe Fahrer*innen von 'Liefern am Limit'" von Nina Scholz vom 19.02.2019

Über die inhaltlichen Fehler des Artikels sehe ich hinweg und nehme die Chance wahr, hier meine Erfahrungen als Arbeitende*r in der Plattformökonomie darzustellen.

Ich schreibe „Kämpfe“, weil es nicht so einfach zu verallgemeinern ist, wofür wir eintreten und mit welchen Problemen wir zu kämpfen haben. Da gibt es prekär Beschäftigte, wie auch mich, die für den Mindestlohn (oder etwas mehr) bei foodora meist sachgrundlos befristet durch die Stadt fahren und hungrigen Menschen Essen liefern. Es gibt aber auch sogenannte „freelancer“ (oder wie ich sie nennen würde Scheinselbständige), die für deliveroo den gleichen Job machen, dazu aber noch das unternehmerische Risiko tragen.

Natürlich wäre es wünschenswert sich mit allen, auf Plattformen arbeitenden Menschen zu solidarisieren, z.B. auch Handwerker*innen und Reinigungskräften, die über solche vermittelt werden oder Kreative, die versuchen ihr kreatives Eigentum zu vermarkten. Denn nur gemeinschaftlich und untereinander solidarisch können wir genug Druck aufbauen, um unseren „Arbeitgeber*innen“ unsere Anliegen hörbar und unüberhörbar vorzutragen.

Deshalb mein Aufruf an alle, die sich in prekärer oder scheinselbstständiger Beschäftigung befinden: Schaut euch um! Findet Verbündete und Gleichgesinnte; schließt euch zusammen! Dabei ist es egal, ob ihr euch klassisch gewerkschaftlich oder in der FAU organisiert. Wichtig ist, dass ihr euch organisiert, denn wie auch der Artikel von Fr. Scholz zeigt: Wir sind sichtbar und ihr seid nicht allein!!

Das haben auch wir als Beschäftigte von foodora in Münster getan und uns für die Zusammenarbeit mit der NGG entschieden. Wir glauben an ihre Erfahrung die Interessen von Arbeitnehmer*innen durchzusetzen und wollten davon profitieren. Seit einiger Zeit befinden wir uns jetzt im Rechtsstreit mit unserer Arbeitgeberin, die unserer Ansicht nach versucht, uns unsere Mitbestimmungsrechte zu verweigern. Dabei steht die NGG immer fest an unserer Seite und unterstützt uns in unseren Kämpfen.

Auch das Grundsatzpapier der NGG in Zusammenarbeit mit dem BMAS ist ein riesiger Erfolg!

Die verbesserungswürdigen Arbeitsbedingungen sind thematisiert. Beispielsweise, dass der Mindestlohn zu zahlen ist oder dass der Arbeitgeber dafür verantwortlich ist Betriebsmittel anzuschaffen und in Stand zu halten und nicht die Arbeitnehmenden, wie in unserem Fall. Auch das Thema der betrieblichen Arbeitnehmer*innenvertretung in „Betrieben“, in denen sachgrundlose Befristung die vorherrschende Beschäftigungsform ist, findet Eingang in das Grundsatzpapier. Hier ausdrücklich der Dank an die Engagierten von Liefern am Limit, denen die Lorbeeren für diesen Erfolg gebühren!

Welche Arbeitnehmer*innenbewegung hat es nach einjährigem Bestehen geschafft so direkt auf die Politik Einfluss zu nehmen und so viel zu erreichen?

Des Weiteren schreiben Sie, dass es sich für den Fall zu rüsten gelte, wenn eines der konkurrierenden Unternehmen sich durchsetze und allein Regeln aufstellen könne, ohne sich vor der Konkurrenz fürchten zu müssen. Das ist auch uns sehr bewusst und wir fühlen uns mit der NGG so gut wie möglich vorbereitet und von ihr unterstützt. Nur leider haben wir kein Mitspracherecht, ob und wie ein Betrieb von einem anderem übernommen wird. Für uns bleibt es abzuwarten, wie delivery hero und takeaway in Zukunft aufgestellt sein werden. Sobald das klar wird, können wir weitere Schritte zusammen mit der NGG und Liefern am Limit planen und durchführen, um die Arbeitnehmer*inneninteressen durchzusetzen und für bessere Arbeitsbedingungen einzustehen.

Ich möchte hier auch klar sagen, dass wir nicht an das „soziale Gewissen der Plattformen appellieren“! Aus Erfahrung kann ich sagen, dass das nicht funktioniert.

Wir versuchen aktiv unsere Mitbestimmungsrechte wahrzunehmen und einen Betriebsrat in Münster zu gründen! Allerdings stellen wir fest, dass ein veraltetes Betriebsverfassungsgesetz, den Anforderungen der digitalisierten Welt nicht gerecht wird und uns aufgrund einer „nicht vorhandenen physischen Betriebsstätte (Büro etc.)“ unser betriebliches Mitbestimmungsrecht verweigert werden könnte. Seit gut einem Jahr wird unser Gerichtsprozess diesbezüglich immer wieder verschoben, so dass unser Kampf um einen Betriebsrat, zumindest nicht an dieser Stelle fortgeführt werden kann. Was wir tun können und auch tun, ist es beharrlich zu sein. Beharrlich zu sein, indem wir unsere Rechte stetig einfordern und indem wir Mitarbeitende über ihre Rechte informieren und sie zu motivieren das gleiche zu tun.

Aus den „fairen Arbeitsbedingungen“ lese ich auch einen fairen Lohn heraus und denke, dass dadurch das Risikoverhalten der Fahrenden verringert werden könnte. Dadurch würde die Sicherheit in unseren Jobs erhöht und niemand müsste seine*ihre Gesundheit aufs Spiel setzten um genug Geld zum Leben zu verdienen.

Ich hoffe, dass sich noch mehr Menschen melden, die in der Plattformökonomie arbeiten und schildern, was das für sie bedeutet. Wie einleitend geschildert, gibt es verschiedenste Kämpfe und ich kann hier nur einen kleinen Einblick geben. Außerdem kann ich nur nochmals an euch appellieren euch zusammenzuschließen und für eure Rechte einzutreten!

Ein*e Essenslieferat*in

P.S.: Leider ist diese Antwort auf Ihren Artikel in der Bürokratie Ihres Blattes seit dem 21.2. versumpft. Ich hoffe trotzdem noch die bebührende Aufmerksamkeit erhält!

15:15 15.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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