"Die jungen Menschen waren voller Hoffnung"

Anschlag in Suruç Die 30 jungen Student-innen, die Anfang der Woche in der Türkei bei einem Attentat getötet wurden, wollten beim Wiederaufbau der Stadt Kobane helfen
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"Die jungen Menschen waren voller Hoffnung"

Foto: Gokhan Sahin/Getty Images

Am Montag wurde in der türkischen Stadt Suruç ein Selbstmordattentat auf eine Gruppe von jugendlichen Aktivist-innen verübt, die eine Solidartitäsreise in die syrische Grenzstadt Kobane geplant hatten. Ort des Anschlags war das Kulturzentrum Amara. Von hier aus wurde schon seit den Kämpfen um die nahgelegene Stadt Kobane Hilfe für die progressiven Kräfte dort geleistet.

Eren Özbek hatte das Kulturzentrum anfang des Jahres besucht und war begeistert über die kommunale und internationale Solidarität, die in der kleinen Stadt geleistet wurde. Obwohl in der Region selbst nur 100.000 Menschen leben, wurden hier über 200.000 Flüchtlinge aus dem syrischen Kriegsgebiet aufgenommen. Das Zentrum, in dem gestern mehr als 30 Menschen ums Leben gekommen sind, war hauptsächlich an der Organisation der Hilfsleistungen beteiligt.

Seinen ersten Bericht über Suruç hatte Eren Özbek Anfang des Jahres als Gastautor auf Metronaut.de veröffentlicht. Nach dem Attentat hat sich das Partnerprojekt Metrolaut um ein Audio-Interview mit dem Autor bemüht.

Dieser Artikel ist nur eine verschriftlichte Version des Interviews in lesbarer Textform. Alle Rechte liegen bei den ursprünglichen Autoren.

Metronaut: Herzlich Willkommen zu einer Metronaut Spezial Sonderausgabe, mein Name ist John F. Nebel und am Mikrofon habe ich jetzt Eren Ösbek. Eren schreibt ab und zu für Metronaut Artikel. Er ist Aktivist in der Türkei und berichtet uns von dem Anschlag in Suruc gegen das Kulturzentrum.

Eren, du warst ja selber mal in dem Zentrum, was ist das denn genau für ein Ort auf den dieser Anschlag heute verübt wurde?

Eren Özbek: Am besten kann dieses Zentrum wohl mit einer UN Versammlung z.B. in New York vergleichen. Aber zieht bitte die überteuren Anzüge aus! Dort halten sich Menschen aus aller Welt auf, alles freiwillige Aktivisten und Aktivistinnen. Als wir damals angekommen sind, habe ich spanische Aktivistinnen gesehen, die laut miteinander diskutierten, während zwei koreanische Frauen die Treppe herunterkamen. Jemand rief mit einem französischen Akzent durch den Raum und bekam seine Antwort in amerikanischen Englisch. Außerdem hörte ich kurdische, arabische und noch ganz viele andere östliche Sprachen, die ich nicht kenne. Es ist das Kulturzentrum bzw. das Hauptquartier von freiwilligen Aktivistinnen und Aktivisten überhaupt für diese Region. Sie haben sich vor allem darauf konzentriert, Flüchtlinge aus Kobane zu empfangen und für deren Wohlergehen zu sorgen. Und natürlich wollten sie auch für den Wiederaufbau und für den Nachschub für Kämpfer in Kobane Hilfe leisten.

M.: Das heißt, dieses Zentrum hat eine sehr starke Bedeutung für die linke Bewegung in der Türkei und wahrschienlich auch darüber hinaus?

E.Ö.: Absolut. Hier kann man von einem praktizierten Internationalismus reden. Es ist ein internationales Hauptquartier für Menschen, vor allem für linke Aktivistinnen und Aktivisten, die den Drang hatten, etwas für Kobane, Suruc oder die Flüchtlinge zu tun. Und das ist genau das Zentrum, wo sie sich treffen, wo sie sich organisieren und wo auch die ganze Logistik geplant und durchgeführt wird.

M.: Jetzt sind heute morgen bei einem mutmaßlichen Selbstmordattentat, so ganz genau ist das noch nicht raus, mehr als 30 Menschen getötet worden. Wer waren diese Leute und was haben sie da gemacht?

E.Ö.: Vor allem handelt es sich hier um eine Universitätsgruppe, die zu der sozialistischen Partei der Unterdrückten (ESP) gehört. Sie sind sozusagen deren Universitätsfraktion und nennt sich Sozialistischer Jugendverband. Sie sind in fast allen Universitäten in der Türkei vertreten. Vor einigen Wochen haben sie einen Aufruf gestartet, dass sie beim Wiederaufbau von Kobane helfen möchten.

Um diese Partei genauer zu verstehen: Die haben verschiedene und auch radikale Fraktionen. Und diese Partei hat seither sehr viele Aktivisten, Militante und auch Jugendliche an die Mafia und die Polizei verloren. Und einige Angehörige der Partei haben auch in Kobane unter der Fahne der MLKP gekämpft.

Der Aufruf war: “Jetzt haben wir zusammen verteidigt, jetzt bauen wir zusammen auf”. So haben sich dann in allen Großstädten der Türkei, in Istabul, Izmir usw. diese Jugendlichen zwischen 18 und 22 Jahren organisiert. Sie haben Straßenverkäufe veranstaltet, Strassenmusik gemacht, Kleider und Spielzeuge gekauft und gesammelt. Sie hatten vor, in Kobane einen Kindergarten zu eröffnen und einen kleinen Wald mit mehren hunder Bäumen anzupflanzen, also beim Mitaufbau zu helfen.

Deshalb haben sie sich organisiert und gestern abend sind 300 Studenten und Studentinnen in Suruc angekommen. Sie haben sich auch in diesem Kulturzentrum aufgehalten und wollten heute morgen eigentlich nach Kobane marschieren. An der Grenze gab es dann aber die ersten Auseinandersetzungen, bei denen zwei oder drei von ihnen verhaftet wurden. Sie haben sich dann ins Hauptquartier, also ins Kulturzentrum, zurückgezogen um dort eine Pressekonferenz abzuhalten. Unter den Menschen dort waren aber auch viele andere AktivistInnen, leider auch einige direkte Freunde von mir, die sich in dem Kulturzentrum aufhielten als die Bombe hochging.

M.: Und war diese Pressekonferenz schon vorher angekündigt, also war es klar, dass die da sein würden ?

E.Ö.: Nein, die Konferenz selber wurde erst angekündigt als die Gruppe keinen Durchgang an der Grenze bekommen hat. [..] Die 300 AktivistInnen aus den Großstädten, Aktivistinnen und Aktivisten vor Ort und natürlich auch Mitarbeiter des Kulturzentrums haben dort zusammen gefrühstückt und sind dann zu der Grenze gegangen. Nachdem dann der Grenzübergang verweigert wurde, sind sie zum Kulturzentrum zurückgekehrt [..]. Vorher hatten schon einige Künstler eine Pressekonferenz abgehalten, danach wollten sich die Studentinnen und Studenten zu Wort melden. Da ging dann die Bombe hoch.

M.: Und was wird jetzt diskutiert, wer das gewesen sein kann? Die offizielle Version ist ja, dass das der IS bzw. ISIS waren. Welche Vermutungen werden denn jetzt in der Türkei angestellt?

E.Ö.: Also die Art und Weise des Anschlags deutet natürlich auf Al-Qaida, ISIS oder all die anderen radikalen islamischen Organsisationen hin. Noch hat sich ISIS nicht dazu bekannt, noch gibt es keine offiziellen Beweise oder Stichpunkte. Aber wen man auch fragt, seien es jetzt staatliche bzw. Regierungsnahe Quellen oder seien es AktivistInnen aus dem Gebiet, jeder deutet auf ISIS hin.

M.: Wie schätzt du denn die politischen Folgen ein? In der Türkei zeichnet sich ja gerade ab, dass es keine Koalititonsregierung geben wird und daher wohl Neuwahlen angesetzt werden. Wie ist jetzt die Reaktion? Man hat gehört, dass es große Demonstrationen in Istanbul gab, die mit Wasserwerfern und Tränengas aufgelöst wurden. Wie schätzt du das ein, wie das jetzt weitergeht?

E.Ö.: Die Wut ist groß. Die Wahl des Anschlagsorts und die Wahl der Gruppe, die hier vor allem mit dieser Bombe verletzt und getötet worden ist, deuten darauf hin, dass das wahrscheinlich so geplant wurde. Man muss wissen, die 300 Studentinnen und Studenten kommen aus fast alle Ecken der Türkei, ob sie nun dort aufgewachsen sind oder dort nur studieren. Von dem Anschlag ist also jede Großstadt in der Türkei betroffen und auch verschiedene kleinere Städte und Dörfer. Es geht um 300 Menschen die von ihrer Herkunft her sozusagen die ganze türkische Landkarte abdecken.

Außerdem handelt es sich um eine sozialistische Organisation. Das heißt, keine kurdische Partei oder eine kurdisch geführte oder eine die zugehörig zu einer bestimmten ethnischen Gruppe ist. Es handelt sich um eine sehr bekannte sozialistische Partei. Die Opfer sind wirklich junge Menschen, aufgeladen mit Hoffnung. Sie haben wochenlang auf der Straßen Ketten und Perlen verkauft oder haben Musik gemacht. Sie haben aus fast nichts heraus Hilfsmaterial herbeigeschafft und sind mit großen Hoffnungen nach Suruc gekommen.

Deshalb ist auch der Einschlag sehr groß, Menschen die heute auf die Straße gegangen sind waren nicht nur Kurden oder Aktivisten die in einem politischen Umfeld groß geworden sind. Es waren auch viele Menschen von der Straße mit dabei, wir reden hier von zehntausenden Menschen, die in Istanbul auf die Straße gegangen sind.

Ich war zu der Zeit in Izmir, das liegt ganz an der westlichen Küste der Türkei, weit entfernt von Kobane. Izmir ist auch gesellschaftlich am weitesten von den kurdischen Regionen entfernt. Damit meine ich, dass es sich um eine sehr moderne laizistische Stadt handelt, die allerdings möglichst wenig mit den Kurden und Kurdistan zu tun haben möchte. Aber selbst hier sind tausende Menschen auf die Straße gegangen und haben ihre Wut ausgesprochen. Der Einsatz der Polizei in Istanbul hat diese Wut natürlich verschärft. Wir erwarten, dass heute Nacht vor allem in den kurdischen Städten militante Jugendliche auf die Straßen gehen werden. Und so sehr wir auch hoffen, dass es nicht so ist, es scheint so dass es in einigen Regionen eskalieren wird.

M.: Kann so eine Eskalation aus Wut und Trauer für Erdogan in den Neuwahlen behilflich sein? Oder ist das noch zu lange hin?

E.Ö.: Es ist noch lange Zeit bis zu den Neuwahlen, vor allem wenn man betrachtet wie schnell sich hier die politische Agenda ändern kann. Wenn überhaupt möglich, sind die Neuwahlen erst für den 15. November angedacht. Man sagt allerdings hier in der Türkei, dass Erdogan schon Wasser aus Steinen geholt hat. Man darf nicht vergessen, er ist Populist, ein Rechtspopulist der immer irgendeinen Zweck aus solchen Vorkomnissen zieht und Schuld sind immer die anderen.

Aber wir müssen auch beachten, dass das Kulturzentrum Amara, in dem diese Menschen nun zu Opfern geworden sind, keine 50 Meter von einer Polizeistation entfernt liegt, also einmal quer über die Straße. Die 300 Studentinnen und Studenten wurden schon von Istanbul und Ankara aus von der Polizei verfolgt und mehrfach kontrolliert. Das heißt, auf der einen Seite werden diese Studenten mit Spielzeug und Bäumen in ihren Händen mehrfach kontrolliert und auf der anderen Seite hast du jemanden, der sich eine Bombe um den Bauch binden und in das Kulturzentrum hineinlaufen kann.

Und das erkennen die Menschen hier, auch wenn wir noch nicht wissen, was Erdogan für sich aus der Sache herausholen wird.

M.: Also das heißt, viele werfen der Polizei vor, dass sie eigentlich nichts zum Schutz der Leute im Amara Zentrum getan hat?

E.Ö.: Richtig.

M.: Wie geht es jetzt weiter? Auch wenn es jetzt wahrscheinlich noch viel zu früh ist diese Frage zu stellen.

E.Ö.: Das ist wahr, der Horror sitzt tief. Wir haben ein kleines Krisennetzwerk eingerichtet und versuchen jetzt, die Angehörigen zu erreichen. Ich kann leider nicht ersparen zu erwähnen, dass die Kraft der Bombe so groß war, dass wir einige der Körperteile nicht zuordnen können. Man weiß immer noch nicht ganz genau, wieviele Menschen eigentlich gestorben sind. Wir reden von ungefähr 100 Verletzten. Vor einer halben Stunde wurde uns leider der Tod von einem schwer verletzten Freund gemeldet. Wir wissen immer noch nicht, wieviele von diesen verletzten Menschen überhaupt überleben werden.

Die Identifizierung von den Leichen wird noch ein bisschen dauern, an den Telefonen warten Freunde und Familienangehörige, die wissen wollen wie es ihren Töchtern, Söhnen, Cosuins oder Neffen geht. Außerdem warten wir auch noch auf Nachricht von mindestens vier bisher nicht gefundenen Personen.

Hier heißt es erst einmal Ordnung reinzubringen und sichere Informationen zu bekommen. Ich glaube, vor der Wut waltet jetzt erst einmal das Leid bzw. der Schock. Das erinnert uns an letzten Oktober, als Kobane fast gefallen ist. Und nun der Schock, dass über 30 junge Menschen zwischen 19 und 22 Jahren quasi mit Spielzeugen in der Hand gestorben sind, macht unseren Schmerz gerade größer als die Wut. Aber das wird sich in den nächsten Tagen wahrscheinlich ändern.

M.: Vielen Dank nach Izmir an Erin, vielen Dank für die Einblicke und für deine Schilderungen.

E.Ö.: Was ich kurz noch hinzufügen möchte: Es ist noch nicht offiziell, aber wir möchten den Traum dieser jungen Menschen, die jetzt von uns gegangen sind weiterleben lassen. Wir möchten einen Kindergarten in Kobane errrichten und vielleicht gibt es ja noch ein paar Zuhörer und Zuhörerinnen [und Leser-innen] die uns z.B. mit Spenden von Spielzeugen damit unterstützen möchten. Wir werden auf jeden Fall versuchen, die Sachen nach Kobane zu bringen. Wir werden nicht zulassen, dass der Terror, egal von welcher Seite er kommt, dazu führt, dass wir uns einkerkern oder einmauern. Wir werden nicht zulassen, dass der Terror die Straße übernimmt, darum vielleicht hier ein kleiner Aufruf über Metronaut: Leute steht zu uns, zum Beispiel als Protest vor türkischen Konsulaten. Ihr könnt dort Spielzeuge ablegen und wir werden versuchen, das irgendwie zu organisieren, dass sie nach Kobane kommen. Es wäre toll zu sehen, wenn vielleicht in Berlin einige Leute vor dem türkischen Konsulat ein paar Kerzen anzünden, für die verlorenen 30 jungen Menschen, die wir dann versuchen, in diesem Kindergarten wieder zum Leben zu erwecken.

18:51 21.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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