Ukrainische Mathematik

Ukraine-Konflikt Appell und Gegenappell zur Lösung des Ukraine-Ḱonflikts machen die Runde. Doch statt über die Lösung zu debattiert sollte man erst einmal Mathematik üben.
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Null Einigkeit besteht darüber, wie der Ukraine-Konflikt und die sicherheitspolitische Krise zu lösen sind, in die wir innerhalb des letzten Jahres geraten sind. Einig sind sie sich hingegen darüber, dass Putin das Problem ist. Während die einen allerdings um Verständnis für die russische Sicht werben, fordern die anderen Härte gegenüber Moskau und mehr Unterstützung für die Regierung in Kiew. Mit der Realität haben diese Einschätzungen wenig gemein.

Simple Mathematik hilft dabei festzustellen, dass es nicht nur einen Feind und einen Freund gibt. Somit gibt es auch nicht nur ein Problem das es zu lösen gilt. Eine Formel zur Lösung des Konflikts muss multifaktoriell sein. Um solch eine Formel zu erarbeiten muss man außerdem nicht entscheiden wer gut und wer böse ist. Für die Mathematik ist es Routine mal die eine Seite der Gleichung und mal die andere Seite der Gleichung negativ bzw. positiv zu setzten.

Die eine Seite der Gleichung

Russland ist zweifelsohne an dem Krieg der momentan im Donbass ausgetragen wird beteiligt. Das wird inzwischen nicht einmal mehr von Putin geleugnet. Wie der Begriff hybrider Kriegsführung aber andeutet ist dies eine indirekte Beteiligung. Die Akteure über die man Einfluss auf das Geschehen ausübt haben also ein Eigenleben und können nicht einfach aus der Gleichung gestrichen werden.

Ausgangspunkt des Konflikts bildet der Antimaidan. Von der Entwicklung des Euromaidans Enttäuschte und Gegner der Absetzung des Präsidenten gingen auf die Straße um ihren Unmut kund zu tun. Hieraus entstanden die Volksrepublik Bewegungen in Donetsk, in Lugansk, aber auch in anderen Städten wie beispielsweise Charkow. Die beiden erstgenannten übernahmen anschließend die Macht in ihrer Region und starteten einen Bewaffneten Kampf gegen die Zentralregierung in Kiew. Neben Russland gibt es also noch zwei weitere politische Akteure die gegen Kiew arbeiten. Zählt man noch die – wenn auch von Donetsk und Lugansk verbotene – Kommunistische Partei Neurusslands mit wären wir schon bei drei.

Ähnlich uneinheitlich gestaltet sich auch die militärische Lage. Zwar operieren die Einheiten inzwischen unter dem Namen der vereinten Armee Neurusslands. Die Kommandostruktur und -disziplin ist allerdings nicht vergleichbar mit einer regulären Armee. Die Erfahrung aus anderen Bürgerkriegen und Gewaltkonflikten zeigt, dass einzelne Kampfverbände stets ein Eigenleben führen und stark von ihrem Kommandierenden abhängen, die man auch schlicht Warlords nennen kann. Vostok und Oplot sind hierbei wohl die bekanntesten Kampfverbände und jetzt von Deutschland aus genau zählen zu wollen, wie viele es von ihnen momentan gibt, das wäre ein unseriöses unterfangen, das ich meinen Leserinnen und Lesern gerne ersparen möchte.

Es wird trotzdem deutlich, dass wir eine Vielzahl von Akteuren berücksichtigen müssen. Nicht nur müssen sie bei der Lösung des Konfliktes bedenken, auch jeder einzelne von ihnen muss auch bereit sein Zwischenschritte mit zugehen, beispielsweise einen Waffenstillstand einhalten. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sie dies bisher nicht wollten.

Die andere Seite der Gleichung

Was auf die Gruppierungen zutrifft, die gegen Kiew kämpfen, das gilt in gleicherweise für jene, die für Kiew kämpfen. Die ukrainische Armee ist in einem desolaten Zustand, der nicht einmal von der Bundeswehr überboten wird. Alleine wäre die Armee nicht in der Lage die sogenannte Anti-Terror-Operation durchzuführen. Nicht nur die Nationalgarde, sondern auch paramilitärische Gruppen mussten ihr zur Hilfe eilen. Zwar hat man einige von ihnen, wie das Bataillon Asow und Donbass, zwischenzeitlich in die staatlichen Strukturen der Nationalgarde integriert. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht weiterhin als eigenständige Akteure agieren. Andere Kampfverbände haben nicht einmal die formelle Integration gesucht und operieren gänzlich auf eigene Faust.

In der Ukraine gibt es zwar keine wehrhafte Demokratie, aber allen Anschein nach eine wehrhafte Zivilgesellschaft. Für eine friedliche Beilegung des Konflikts müsste man auf Seiten Kiews also auch die Unterstützung dieser nicht-staatlichen Kriegsakteure gewinnen. Doch bevor es soweit kommt müssen natürlich auch alle politischen Akteure mit ins Boot geholt werden.

Es besteht keineswegs Einigkeit in Kiew und folglich gibt es dieses Kiew nicht. Korrekterweise lässt sich feststellen, dass bei der Wahl die pro europäischen Parteien gewonnen haben, nicht zuletzt da außer den Kommunisten keine Partei gegen die Annäherung an die EU war. Weiterhin wird die Politik aber von den Interessen der Oligarchen und Oligarchinnen bestimmt werden. Nicht nur Poroschenko und Jazenjuk stehen sich gegenüber. Der Bürgermeister von Lviv ist auch an der Regierungskoalition beteiligt und hat ein Bündnis von Groß- und mittelständischen Unternehmen und einiger Maidan-Aktivisten um sich geschart. Schwergewichte wie Kolomojskyj und Firtasch üben weiterhin im Hintergrund ihre Macht aus. Einige ihrer Interessen mögen sich Überschneiden, andere aber nicht. Wie sehr die neue Regierungskoalition allerdings um einen gemeinsamen Kurs im Kampf um das Donbass ringt zeigt, dass wir es auch auf dieser Seite der Gleichung mit vielen verschiedenen Akteuren zu tun haben.

Die großen Unbekannten

Während hinsichtlich der Anzahl der Akteure, die sich an einen Waffenstillstand halten müssen, schon einige Unklarheit besteht, gibt es zur Lösung des Konflikts noch zwei weitere unbekannte Variablen.

Achmetow, der noch immer reichste Mann der Ukraine, ist eine von ihnen. Zum einen ist mit dem Oppositionellen Block weiterhin eine Partei im Parlament über die auch er versuchen wird seine Interessen in Kiew abzusichern. Zum anderen liegt ein Teil seiner Vermögenswerte in den Gebieten der Volksrepubliken Donetsk und Lugansk. Allem Anschein nach hat er mit den Machthabern dort auch Vereinbarungen getroffen, um die Arbeit seiner Fabriken und Firmen weiterhin zu ermöglichen. Was genau er möchte und welche Rolle er in dem Konflikt spielt bleibt aber unbekannt.

Die andere große Unbekannte ist die ukrainische Bevölkerung selbst. Nur rund 50 Prozent der Bevölkerung haben sich an der letzten Wahl beteiligt. Das Land auf einem Eindeutigen Kurs Richtung EU zu sehen trifft deshalb bestenfalls zur Hälfte zu. Zumal die alles dominierende Frage momentan nicht ist, wie weit die Kooperation mit der EU gehen soll, sondern Krieg oder Frieden im Donbass.

Die Lösungsformel

Ich bin bei weitem kein Mathematiker. Mit dem Rechnen und mit Politik und Konflikten kenne ich mich aber gut genug aus um zu wissen, dass keiner der Akteure und Faktoren bei der Lösung des Konflikts ausgelassen werden darf. Natürlich kann man einige der genannten Akteure ignorieren, insofern man vom NATO-Russland-Konflikt spricht. Vielleicht kann man dann sogar alles auf Putin reduzieren. Ein jeder spricht jedoch vom Ukraine-Konflikt. Wer an der Lösung dieses Konflikts arbeiten möchte, der muss alle Akteure in seiner Formel berücksichtigen. In der Mathematik kann man mittels Rechenoperation eine Variable von der einen Seite der Gleichung auf die andere Seite der Gleichung holen. In der Politik funktionieren die Operationen anders, möglich bleibt es trotzdem. Man kann also die andere Seite mit ins Boot holen und ein Frieden ist möglich. Vor allem – und das ist nun mein Appell – sollte man die gesamte Bevölkerung der Ukraine mit ins Boot holen.

17:26 12.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joniemeyer

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