Es wird eng

Sport Berlins Sportplätze sind überfüllt, die Fußballvereine überfordert. Viele Kinder finden keinen Platz mehr
Es wird eng
Viele Kinder müssen warten, bis Plätze frei werden – oder fangen nie an, im Verein Fußball zu spielen

Foto: imago images / Panthermedia

„Die vier Wochen Probetraining sind jetzt ja vorbei, wie sieht es denn aus?” Elias und sein Vater stehen vor uns und schauen uns erwartungsvoll an. „Du hast wirklich super mitgemacht.” Dann wende ich mich an den Vater: „Aber die meisten Kinder bei uns spielen jetzt schon seit zwei oder drei Jahren, und wir können im Training nicht mehr auf die ganz elementaren Grundlagen achten. Deshalb würden wir euch vorschlagen, es nochmal bei einem anderen Verein zu probieren.” Aus Elias' Gesicht weicht mit einem Schlag jede Freude. Aus Unglaube wird erst große Enttäuschung, dann noch größere Verzweiflung. Er dreht sich von uns weg und vergräbt sein Gesicht an der Hüfte seines Vaters. Wieder einmal bricht vor unseren Augen eine kleine Welt zusammen.

Ich weiß genau, wie er sich fühlt. Ich selbst wurde, als ich jünger war, auch von Rotation weggeschickt. Damals, vor gut zehn Jahren, ging ich zu einer anderen Mannschaft im Bezirk, spielte da ein Jahr, und kam dann nochmal, dann klappte es. Aber das war vor zehn Jahren. Die Kinder an andere Vereine zu verweisen wird immer mehr zur Ausrede. Denn die sind mittlerweile genauso überlaufen wie wir.

Wer die Dunckerstraße in Prenzlauer Berg entlangläuft, erwartet hier keinen Fußballplatz. Urplötzlich taucht der „Tesch”, eingekesselt von Brandwänden, zwischen den Häusern auf. Neben dem Kunstrasen sind keine zehn Meter Platz, dann geht es 22 Meter senkrecht nach oben. Wenn es mal etwas voller ist, wird es schnell hitzig. Und wenn es stürmt, wird der Platz zum Windkanal. Das Ambiente macht Bock.

Hier ist Rotation zu Hause, mein Verein. Hier spiele ich Fußball und betreue außerdem mit zwei Freunden eine Kindermannschaft. Seit bald zwei Jahren sind wir Trainer. Zweimal pro Woche trainieren wir nachmittags unsere Mannschaft, und am Wochenende haben wir frühmorgens Spiele. Wir machen das, weil es uns Spaß macht, unser Wissen weiterzugeben und wöchentlich die Fortschritte der Kleinen zu bestaunen. Auch wenn es viel Zeit kostet, zumal wir ehrenamtlich tätig sind und man mit Anfang Zwanzig meist anderes im Kopf hat, als am Sonntag um halb sieben aufzustehen, um pünktlich um halb neun bei Kälte und Nieselregen in Friedrichshagen mit der Erwärmung zu beginnen. Es raubt einem immer wieder aufs neue die Nerven, 25 Neunjährige im Zaum zu halten. Unser Jugendkoordinator hat uns von Anfang an geraten, nicht zu viele Spieler aufzunehmen. Aber Nein zu sagen ist schwer, vor allem zu einem Kind. So sind wir inzwischen an unserer Kapazitätsgrenze angelangt – und müssen deshalb jetzt doch immer wieder Nein sagen.

Ein soziales Umfeld, neue Freunde und Vorbilder gehen verloren

Der Andrang ebbt nicht ab: Beinahe wöchentlich erhalten wir Anfragen von Eltern, die ihre Kinder zum Probetraining schicken wollen. Anfangs war das komfortabel. Doch mittlerweile beschleicht uns mit jeder neuen Mail das beklemmende Gefühl, bald wieder jemanden enttäuschen zu müssen. In Berlin sind wir damit weiß Gott kein Einzelfall. Von einigen Trainerkollegen und Eltern weiß ich, dass die Zustände in Kreuzberg oder Neukölln noch viel extremer sind. Teilweise müssen Vereine ganze Jahrgänge ablehnen. Manche verlosen die verfügbaren Plätze, bei manchen malt, wer zuerst kommt. Bei Rotation gilt: Wer jetzt noch dazukommen möchte, der muss schon ein wenig Fußball spielen können, damit er im Training mitkommt.

Eines ist all diesen Lösungswegen gemeinsam: Sie schaffen es nicht, die gesamte Nachfrage zu bedienen. Viele müssen warten, bis Plätze frei werden, oder fangen vielleicht nie an, Fußball zu spielen. Ihnen geht nicht nur ein wunderbarer Sport verloren, sondern auch ein soziales Umfeld, neue Freunde und Vorbilder. Wie viele Kinder tatsächlich in keiner Mannschaft unterkommen, ist nicht beziffert.

Die Zahl dürfte einem jedoch das Herz brechen – andererseits wäre sie vielleicht bitter nötig, um für mehr Sportflächen in Berlin zu werben. Denn deren Fehlen in den dicht bebauten und stetig wachsenden Innenstadtbezirken ist der Hauptgrund für die frustrierende Situation.
Wer wochentags auf den Tesch kommt, kann sich davon selbst einen Eindruck machen. Bis zu sechs Mannschaften teilen sich den Platz gleichzeitig. Von 16 bis 22 Uhr herrscht Betrieb: Erst trainieren die Kinder, dann die Jugendlichen, abends die Herren. Neben Rotation ist noch ein zweiter Verein hier untergebracht, dazu einige Freizeitmannschaften, mittags findet Schulsport statt. Der Platz ist vollends ausgelastet, und dabei hat Rotation noch nicht einmal eine Mädchenabteilung. Ginge es nach den Anfragen, könnte man die Zahl der Mannschaften wohl verdoppeln, selbst im Herrenbereich. Die Mannschaft, in der ich selbst spiele, zählt 35 Mann.

Doch statt neue Flächen zu schaffen, muss man teilweise sogar um die bestehenden bangen. Die Grundstücke sind hochattraktives Bauland – und Rendite macht man nicht mit Breitensport, sondern mit Luxuswohnungen. So dürften von den verbleibenden Flächen kaum welche für Sportanlagen zur Verfügung gestellt werden. Wenn sonntags gespielt wird, stört das außerdem die Mittagsruhe. Und wer schon egoistisch genug war, nahezu sämtliche Clubs aus der Berliner Innenstadt zu klagen, in die er freiwillig gezogen ist, dem ist am Ende des Tages nicht nur das nächtliche Vergnügen, sondern auch der tägliche Sport der anderen egal genug, um vor ein Gericht zu ziehen, das ihm auch noch Recht gibt.

Die Gemeinschaft muss sich hinten anstellen, wenn Partikularinteressen ihr in die Quere kommen. Bei Rotation war zumindest das bisher noch kein Thema. Auf dem Tesch spielen die Kinder weiter Fußball – zumindest die, die einen Platz bekommen haben.

06:00 31.08.2019
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