Rind ist schlimm

Klimabilanz Wie sinnvoll wäre eine höhere Mehrwertsteuer auf Fleisch?

War das jetzt nur der übliche Aufreger im Sommerloch? Oder der Beginn einer notwendigen Debatte darum, die ökologischen Kosten unseres Konsums auf die Verbraucher umzulegen? In der Neuen Osnabrücker Zeitung hatte der Präsident des Tierschutzbundes Anfang August eine Fleischsteuer „zur Verbesserung des Tierwohles“ gefordert. Wenig später schlagzeilte die Welt „Union, SPD und Grüne offen für Verteuerung von Fleisch“ und erregte damit in erwartbarer Weise die Gemüter. Agrarpolitiker der beiden letzteren Parteien, von der Springer-Tageszeitung angefragt, hatten sich gegenüber einer Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes auf Fleisch von sieben auf 19 Prozent aufgeschlossen gezeigt. Andere, darunter Vertreter von FDP, Linke und AfD schossen dagegen. Und am Ende durfte Johannes Kahrs (SPD) im Cicero kalauern: „Mehrwertsteuer auf Fleisch: Das hilft keinem Schwein.“

60 Kilo pro Nase pro Jahr

Dabei hatten die Politiker sich bloß einer Forderung angeschlossen, die das Umweltbundesamt schon Anfang 2017 formuliert hatte. In jedem Fall gilt: Die Klimakrise ist in den Köpfen angekommen und entscheidet neuerdings Wahlen. Für viele ist sie wegen ihrer gigantischen Dimension aber zu abstrakt, um die eigenen täglichen Angewohnheiten zu verändern. Doch das ist notwendig. Passiert es nicht, liegt der Ruf nach staatlicher Intervention nah. Nur: Warum sollen wir uns ausgerechnet beim Essen, einem menschlichen Grundbedürfnis, derart einschränken?

Fleisch ist als Proteinlieferant und Delikatesse in unseren Breiten geschätztes Kulturgut. 60 Kilogramm essen die Deutschen pro Kopf durchschnittlich jedes Jahr, das entspricht einem 180 Gramm schweren Hamburger pro Tag. 2018 führten Currywurst, Schnitzel mit Pommes und Spaghetti bolognese die Liste der beliebtesten Kantinengerichte in Deutschland an. Die Produktionsmengen in Deutschland steigen stetig, auch weil weltweit immer mehr Fleisch gegessen und deshalb exportiert wird.

Doch inzwischen ist bekannt: Viehzucht ist einer der Klimakiller schlechthin. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen ist sie für 15 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich, in etwa so viel wie der gesamte Verkehr. Im Vergleich zu Transport- und Energiewirtschaft stößt die Fleischproduktion dabei vor allem große Mengen an Lachgas und Methan aus. Letzteres entsteht beim Verdauungsprozess von Wiederkäuern wie Rindern und Schafen und wird als 25-mal so klimaschädlich wie CO₂ eingestuft. Lachgas wiederum ist ein Bestandteil stickstoffhaltigen Düngers und hat sogar das 300-fache Treibhauspotenzial von Kohlenstoffdioxid.

Dazu kommt, dass für Futtermittelanbau riesige Flächen gerodet werden. Dieser Verlust von Pflanzen als CO₂-Speicher verschlechtert die Klimabilanz tierischer Produkte weiter drastisch. Grund dafür ist, dass jedes Tier ein Vielfaches von dem frisst, was es später auf dem Teller hergibt: 50 Prozent des weltweit angebauten Getreides, 90 Prozent der Sojaproduktion und 40 Prozent des gefangenen Fisches werden an Tiere verfüttert.

Würden diese Mengen direkt von Menschen gegessen, könnten sie vier Milliarden mehr ernähren als derzeit. Klimapolitik tut also not. Eins ihrer Instrumente ist es, besonders klimaschädliche Konsumgüter zu besteuern. Die Logik dahinter ist einfach: Wird eine Ware teurer, können oder wollen sie sich die Konsumenten weniger oft leisten. Mit der Nachfrage sinkt die Produktion und damit die Belastung für die Atmosphäre.

Schnitzel oder Planet

Tatsächlich werden Lebensmittel tierischen Ursprungs derzeit sogar steuerlich begünstigt: Auf Fleisch wird nur der reduzierte Mehrwertsteuersatz von neun Prozent fällig, während Babynahrung, Hafer- oder Sojamilch mit 19 Prozent besteuert werden. Dies, weil Fleisch als Grundnahrungsmittel eingestuft wird. Doch ist es das? Das Steak mag zwar noch schmecken, aber für eine ausgewogene und gesunde Ernährung ist es wohl entbehrlich. Als Proteinlieferant könnten Verbraucher Fleisch beispielsweise durch Hülsenfrüchte substituieren, deren Klimabilanz bis zu 99 Prozent besser ist als die der verschiedenen Fleischsorten.

Interessanterweise schloss sich der deutsche Tierschutzbund dem Vorschlag einer Mehrwertsteuererhöhung nicht an, sondern plädierte für eine von der Mehrwertsteuer unabhängige Fleischabgabe, wofür es Zuspruch von Vertretern der Union gab. Er fordert eine explizite Steuer auf Fleisch, weil dann die Einnahmen, anders als im Fall einer höheren Mehrwertsteuer, zweckgebunden zur Verbesserung der Haltungsbedingungen der Masttiere eingesetzt werden könnten.

Die Linkspartei bezeichnet eine Steuer als unsozial, würden doch die Ärmsten am stärksten getroffen, wenn Fleisch sich verteuere. Hinter dieser Kritik verbirgt sich das grundsätzliche Problem sozialer Ungleichheit: Ist Fleisch ein Luxusgut? Oder besser: Sollte es wieder eins werden? FDP und AfD kritisieren die Steuer als unverhältnismäßige Einschränkung der persönlichen Entscheidungsfreiheit. Auch dieses Argument ist im Grundsatz berechtigt, greift aber hier gerade nicht: Persönliche Freiheit endet dort, wo sie das Wohlergehen anderer einschränkt. Dass die Erde infolge einer Klimakatastrophe für kommende Generationen unbewohnbar werden könnte, kann wohl als Einschränkung des Wohlergehens anderer begriffen werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt alleine aus gesundheitlichen Gründen, dass die Deutschen nur halb so viel Fleisch essen sollten. Eine Untersuchung der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaus kommt sogar zu dem Ergebnis, dass ein geringeres Körpergewicht infolge verringerten Fleischkonsums auch den Bedarf an anderen Lebensmitteln senkt. Eine Steuer würde daher auch das Gesundheitssystem entlasten und damit an anderer Stelle Geld für alle einsparen. Wohlgemerkt geht es bei alldem nicht um einen kompletten Verzicht, sondern um eine Reduktion des Verzehrs auf ein verträgliches Maß.

Es könnte allerdings sogar sein, dass eine Steuer kaum spürbare Auswirkungen auf die Konsumenten hat: Laut einer Studie des MIT neigen Unternehmen dazu, Preise für ihre Produkte in Stufen zu ordnen. Statt graduell anzusteigen, „springen“ Preise von 2,99 auf 3,49 Euro und umgekehrt. Passt ein Produkt in keines der bestehenden Preisniveaus, passen Anbieter das Produkt anstatt des Preises an. Eine naheliegende Stellschraube ist dabei im Fall von Lebensmitteln die Menge pro Packung. Der Brexit lieferte hier anschauliche Beispiele: Die Schweizer Hersteller der Toblerone-Schokolade hätten nach dem Verfall des Pfunds ihre Preise in Großbritannien erhöhen müssen. Stattdessen verkleinerten sie die Schoki um einige ihrer Zacken – bei gleichbleibendem Preis. Das hieße: Trotz Steuer bliebe das Schnitzel nach wie vor leistbar, es würde nur etwas kleiner – vielleicht sogar gesünder.

In jedem Fall wäre eine Fleischsteuer, also das Modell des Tierschutzbundes, im Hinblick auf den Klimaschutz von Vorteil: Bei Discounterfleisch machen 19 statt sieben Prozent Mehrwertsteuer nur wenige Cent mehr aus und würden keine signifikante Reduktion des Konsums zur Folge haben. Andererseits würden Käufer teureren Fleisches einfach in billigere Preissegmente greifen.

Was aber in der Diskussion bislang sträflich vernachlässigt wird: Die Art des Fleisches macht den Unterschied. Rindfleisch- und Käseproduktion sind drei- bis viermal so klimaschädlich wie die von Schweine- und von Hühnerfleisch. Käse? Ja, Käse. Werden Schweineschnitzel durch Camembert und Hähnchendöner durch Halloumi aus Kuhmilch ersetzt, verschlechtert sich die Klimabilanz sogar. Grund dafür sind der hohe Futterbedarf der Rinder und die großen Mengen an Methan, die sie freisetzen.

Das Tierwohl einmal außen vor gelassen, macht es klimatechnisch also einen großen Unterschied, welches Fleisch gegessen wird – und genau das müsste eine Steuer berücksichtigen: Produkte aus der Haltung von Rindern wären stärker zu besteuern. Dadurch hätten die Verbraucher einen Anreiz, besonders klimaschädliche Erzeugnisse durch weniger klimaschädliche zu ersetzen, ohne auf Fleisch gänzlich verzichten zu müssen.

Problematischer wird es, wenn man die Frage global betrachtet: Eine Verringerung der Fleischnachfrage in Deutschland oder der EU würde wahrscheinlich zu fallenden Preisen auf dem Weltmarkt führen. Diese ließen die bereits jetzt stark wachsende außereuropäische Nachfrage weiter steigen. Während hierzulande der Konsum sänke, stiege er anderswo. Der Effekt wäre gleich null. Das aber zeigt bloß, dass ein globales Problem wie der Klimawandel auch globale Lösungen notwendig macht.

Josa Zeitlinger studiert Volkswirtschaftslehre an der Humboldt-Universität und hospitiert derzeit in der Freitag-Redaktion

06:00 16.09.2019
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