Rosarotes Schweineleben

Grüne Woche Auf der Landwirtschaftsmesse erleben Besucher das Bauernleben hautnah. Das sei jedoch schöngefärbt, meinen Tierschützer. An den größten Heuchler verleihen sie einen Preis

Die armen Lobbyverbände, sie haben es nicht leicht. In der Öffentlichkeit meidet man sie, bei unliebsamen politischen Entscheidungen wird meist ihnen der schwarze Peter zugeschoben. Dabei leisten sie täglich Großes. Immerhin muss jede Werbestrategie, jede Lüge sorgsam erdacht werden. Da braucht es eine gehörige Portion Kreativität, Schauspieltalent und Kaltschnäuzigkeit. Grund genug für Tier- und Umweltschützer, den ambitioniertesten Vertreter dieser Spezies auf dem Gebiet Ökologie und Landwirtschaft einmal gebührend zu ehren. Ihre Trophäe – eine rosa Brille – geht an den Deutschen Bauernverband (DBV), für „exzellente Öffentlichkeitsarbeit und professionelle Meinungsmache“.

Feierlich übergeben wurde das knallige Accessoire am Dienstag vor dem Sitz des DBV in Berlin. Rund 30 Aktivisten der Tierschutzbewegung versammelten sich zu diesem Anlass, ausgestattet mit rosa Brillen, Hüten und Schildern. Das Bündnis „Grüne Woche demaskieren“ will die Schönfärberei auf der Landwirtschaftsmesse aufzeigen. Denn die Realität industrieller Massenproduktion und ihre Folgen für Mensch, Tier und Umwelt kommen in den romantischen Bauernhofinszenierungen der Grünen Woche nur selten vor.

„Ihr verschleiert so wunderbar, drum seid ihr unser rosa Star“, rufen die Demonstranten. Eine Trommelgruppe macht zusätzlich Dampf. Den Preis habe sich der Bauernverband redlich verdient, erklärt Friedrike Schmitz vom Bündnis. Mit seinen Werbestrategie habe er sich in einem Kopf-an-Kopf-Rennen gegen den Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft durchsetzen können.

Hygiene-Revolution?

Punkten konnte der DBV bei der Jury in vielerlei Hinsicht. Denn so konsequent wie dieser bluffe fast keiner. Autoritäten würden erfunden, Experten angeblich gekauft. „Einfach beschönigen kann jeder. Der DBV macht's besser und dreht die Tatsachen gleich komplett um“, heißt es im Flugblatt, das verteilt wird. Vieles, was für Tiere schlimm sei, verkaufe der Verband in Werbekampagnen als Tierschutzmaßnahme. Der Spaltenboden beispielsweise bedeute für die Tiere ein Leben in einer Ammoniakwolke aus ihren eigenen Ausscheidungen. Vom DBV werde er hingegen als Hygiene-Revolution gefeiert.

Anfang des Jahres startete außerdem die Kampagne „Initiative Tierwohl“, an der der DBV maßgeblich beteiligt ist. Landwirte können sich – selbstverständlich freiwillig – an Maßnahmen wie den Tränkewasser- oder Stallluftcheck beteiligen. Bezahlt wird ihnen das vom Einzelhandel. Das Bündnis „Grüne Woche demaskieren“ erklärt, die Veränderungen für die Tiere seien marginal. Einziger Sinn der Kampagne nach Meinung der Tierschützer: Die Landwirtschaft könne vortäuschen, die Probleme selbstständig zu bearbeiten – so werden strengere Gesetze verhindert.

Dass die Vertreter des Bauernverbandes Meister der guten Miene zum bösen Spiel sind, beweisen sie auch bei der Preisvergabe. Als Stefan Walter, Justiziar des DBV, von der anderen Straßenseite kommt, wird die Brille feierlich auf einem roten Kissen platziert und übergeben. Er nimmt sie an, schüttelt Hände, lässt sich vor den Transparenten fotografieren und bekommt sogar ein Lächeln zustande. Zu einer kleinen Rede lässt er sich allerdings nicht überrede, auch aufsetzen möchte er das modische Exemplar lieber nicht.

Doch nicht nur der Bauernverband bekommt an diesem Morgen sein Fett weg. In Hannover überreichen sieben Tierschutzaktivistinnen zeitgleich eine rosa Brille. Dort darf sich der Geschäftsführer des Landvolks Niedersachsen – dem dortigen Landesbauernverband –, Helmut Brachtendorf, über die Auszeichnung freuen.

Kostenlose Schulmaterialien

Die rosarote Brille: Der Bauernverband bekommt sie verliehen, die Besucher der grünen Woche tragen sie automatisch. Was Kinder und Erwachsene auf der Messe spielerisch als nachhaltig und ökologisch kennenlernen, ist oft eine Mogelpackung.

„Auf der grünen Woche inszeniert sich der Bauernverband als transparent“, erklärt eine Teilnehmerin der Protestaktion. Auf dem Erlebnisbauernhof , der den Besuchern die Haltungsbedingungen von Nutztieren zeigen soll, präsentiere man sogar einen Schweinetransporter mit der Aufschrift „Wir transportieren Tierschutz“. Er solle zeigen, wie viel Platz Tiere bei solch einem Transport hätten. Die Schmerzen, Verletzungen und Quälereien verschweige man allerdings. Um auch jenseits von Events wie der Grünen Woche frühzeitig Einfluss zu nehmen, hat der DBV seine Werbestrategien auch auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet. Die hauseigene Agentur „information medien agrar e.V.“ erstellt in Zusammenarbeit mit anderen Lobbyverbänden kostenlose Schulmaterialen.

Die Teilnehmer der Protestaktion rufen: „Tiere als Ware, rosa Brille auf. Meinungsmache habt ihr echt gut drauf.“ Auch wenn der Empfänger des Preises sich bereits verabschiedet hat, haben sie ihr Repertoire an kreativen Sprüchen noch nicht erschöpft. Und weil man mit den rosa Brillen, den großen Schildern und der Trommelgruppe nun schon einmal eine spektakuläre Truppe auf die Beine gestellt hat, entschließt man sich zu einer Spontandemo zum Hotel Maritim. Der Bauernverband stellt dort auf einer Pressekonferenz die „Initiative Tierwohl“ vor.

Weitere Brillen hätte man zwar zur Hand gehabt, eine zweite Übergabe muss aber ausbleiben. Von den Teilnehmern der Pressekonferenz zeigt sich niemand vor dem Hotel. Für die Tierschützer ist das kein Problem, denn ohnehin ist die Verleihung der rosa Brille nur der Auftakt einer ganzen Aktionsreihe zur „Demaskierung der grünen Woche“.

13:34 15.01.2015
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