Das Leben, allein, als Vater

Father and Son Wie das Leben als allein-erziehender Vater oft sein kann. Die Zeiten der Gemeinsamkeit und die Zeiten der Einsamkeit
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Mein Sohn ist nun schon wieder seit Tagen, seit Wochen nicht bei mir und ich merke, wie mein Tagesablauf sich radikal verändert hat, wie der Fokus meines Alleinseins ein vollkommen anderer ist als der in den gemeinsamen Zeiten, wie sehr ich ihn in manchen einsamen Momenten vermisse und mir seine erfüllende Anwesenheit herbeisehne.

Seit nun beinahe zweieinhalb Jahren, mein Sohn war damals gerade zwei Jahre alt geworden, haben seine Mutter und ich uns in einem großen Streit und nach längerer Zeit der gelegentlichen Dauerkrisen getrennt. Seit dem Tag im Sommer 2010 mache ich mir täglich Gedanken darum, wie ich meinem Sohn trotz allem ein gutes Leben ermöglichen kann. Ich selbst komme aus einer Familie, in der es zwar ab und zu Streitigkeiten zwischen meinen Eltern gab aber niemals große Krisen, einer nahezu harmonischen Familie der deutschen Mittelschicht. Mein Bild von Familie und meine Erfahrungen mit und in Familie waren damit stark positiv geprägt. Dieses Gefühl von behütet sein, von Gemeinschaft, von Zusammengehörigkeit hatte ich mir gewünscht meinem Sohn weitergeben zu können, als ich als Mitzwanziger Vater wurde. Ich fühlte mich dafür bereit, wir wollten dieses Kind – gemeinsam.

Als wir uns dann nach zwei Jahren endgültig trennten, brach für mich persönlich meine kleine heile Welt zusammen, die ich mir für mich aber vor allem für meinen Sohn gewünscht hatte und die wir uns gemeinsam aufgebaut hatten. Ohne wirklichen Plan B, zumal ich damals in den letzten Zügen meines Studiums lag, wusste ich nicht mehr weiter. Ich zog wieder zu meinen Eltern – mehrere Stunden Zugfahrt von meinem Sohn entfernt–, da ich hoffte nach dem Studium schnell eine vernünftige Einstellung irgendwo in Deutschland zu bekommen, was sich als Mensch meines Abschlusses zu dem Zeitpunkt und ohne große Beziehungen als nicht realistisch erwies. Über ein Jahr war ich arbeitslos in der deutschen Provinz, wohnte bei meinen Eltern, machte zwei Praktika und suchte hauptberuflich Jobanzeigen und schrieb Bewerbungen.

Auch wenn das Leben bei meinen Eltern kein Problem – sondern vielmehr entschleunigend – war, wie es sich vielleicht einige vorstellen, ist es einfach unerträglich ohne wirkliche Perspektive in den Tag zu leben. Wofür hatte ich denn bis dahin gelebt? Was war der Inhalt meines Lebens und wie hatte er sich verändert? Nur wenn mein Sohn alle zwei Wochen für ein langes Wochenende von Donnerstag bis Montag bei mir war, sah ich den Sinn und konnte mich morgens freuen aufzustehen. Ich lebte quasi nur für ihn. Wartete, bis er wieder da war. Wartete auf ihn hin. Auf ihn zu. Zu ihm hin. Doch das war, das wusste ich auch, keine dauerhafte Lösung.

Inzwischen lebe ich wieder in der Stadt, wo ich studiert habe. Und ich studiere wieder. Diesmal möchte ich definitiv Lehrer werden, was als Quereinsteiger nach dem ersten Abschluss – neben den hundert anderen gescheiterten Alternativen – nicht funktionierte. Seit einem Jahr besuche ich Vorlesungen und Seminare wie „Professionalisierung und Professionalität im Lehrerberuf“, was als deutlich Älterer schon manchmal ziemlich merkwürdig aber auch oft sehr unterhaltsam und amüsant sein kann, und verdiene mir mein Leben als studentische Hilfskraft. Meinen Sohn sah ich nun regelmäßig und konnte auch ein wenig Alltag mit ihm erleben und war nicht mehr nur der Wochenend-Freizeit-Papa. Konnte wieder Kontakt mit den Eltern der Kita aufnehmen, die ich mehr als ein Jahr aus den Augen verloren hatte und die ich zumeist ohne eigene Erklärung zurück ließ, als ich die Familie verließ. Konnte mir und meinem Sohn eine neue Routine aufbauen. Konnte Tage gemeinsam genießen mit ihm und musste Tage alleine verbringen, aber es war erträglich, die Abstände kurz und die Distanzen ebenfalls. Vergangenheit!

Seit nun zwei Monaten hat die Mutter meines Sohnes (schrecklich, aber: Was ist eine vernünftige Alternative dazu?) sich entschieden mit ihrem neuen Freund in eine weit entfernte Stadt zu ziehen. Die eigentliche Entscheidung war schon im Sommer letzten Jahres gefallen, der Umzug erfolge dann Ende 2012. Wieder musste ich mir die Frage stellen nach der eigenen und der gemeinsamen Zukunft. Wieder wurde die kleine Routine abgebrochen. Wieder die Suche nach dem neuen Pfad. Wieder die große Distanz und die lange Zugfahrt. Letztlich sind die Zeiten nun länger und intensiver aber dafür seltener. Ich sehe meinen Sohn nun jede vierte Woche für neun Tage. Es ist schön ihn hier zu haben, aber es ist umso schwerer ihn nach solch intensiver Zeit wieder gehen zu sehen und es ohne ihn auszuhalten.

Nun, es ist absehbar, dass mein Studium auch bald (oder noch nicht ganz soo bald) wieder beendet sein wird und es wird sich wieder die Frage stellen, was tun? Sollte ich meinem Sohn – und damit letztlich seiner Mutter – nachziehen und dort mein Referendariat mach? Oder kommt es darauf an, das eigene Ego an erste Stelle zu stellen? Glücklicherweise ist noch ein wenig Zeit, denn momentan könnte ich mich nicht entscheiden. Ich möchte meinem Sohn beide Elternteile ermöglichen und es verlangt mich danach ihm nahe zu sein, aber ich bin mir und ihm auch verpflichtet an meine (berufliche), seine persönliche und unsere gemeinsame Zukunft zu denken. Das Dilemma zwischen Beruf und Familie, aus dem ich hoffe durch die Zeit und sich ergebende Lösungen heraus geholt zu werden. Bis dahin warte ich, dass mein Sohn wiederkommt, dass wir die Zeit genießen können, dass wir zusammen sind, und stürze mich auf Seminararbeiten und die beruflichen Verpflichtungen.

17:28 08.02.2013
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Geschrieben von

Jota G

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