Macron, Korea und Republikaner

Onkel-Tom-Journalismus Wie zumeist finanzielle Fakten und Hintergründe von vordergründigen Erzählungen überlagert und versteckt werden.
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In meinem letzten Beitrag schrieb ich über Onkel-Tom-Journalisten. Der Einfachheit halber auch hier die Begriffsklärung.

Was sind Onkel-Tom-Journalisten?

Onkel-Tom-Journalisten sind Journalisten, die immer tun, was man von ihnen erwartet. Sie schreiben streng nach Tendenzschutz, Blattlinie, Bindung, Weisung.

Allerdings handelt es sich bei den Onkel-Tom-Journalisten um eine verschwindende Minderheit der Journalisten, wenn auch in herausgehobener Stellung. 90 Prozent der Journalisten analysieren die Sachverhalte genau und wissen um die Tatsachen und Hintergründe. Nur bekommen sie keinen Raum für ihre Analysen. Wenn, dann irgendwo am Rande, einmal, kaum bemerkt.

Zum Geschehen.

1. Macron

Direkt nach der Wahl treten mehrere Minister zurück, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die mediale Resonanz ist erstaunlich gelassen, im Gegensatz zu den Geschehnissen in den USA. Dass gegen die Minister ermittelt wird, war schon vor den Wahlen bekannt, wurde aber von der Staatsanwaltschaft zurückgestellt und von den Onkel-Tom-Journalisten nicht thematisiert. Diese Zurückhaltung hatte Auswirkungen auf das Wahlergebnis.

Worum geht es?

Das aktuell gültige Narrativ, die Rahmenerzählung zu Macron lautet:

Macron ist gut. Er ist politisch unvorbelastet. Er ist ein Reformer. Seine Politik ist sozialliberal.

Alle Geschehnisse werden dem angepasst und mit dem entsprechenden Spin versehen. Zumeist agieren PR-Argenturen und Onkel-Tom-Journalisten Hand in Hand.

Was ist der Hintergrund?

Das zentrale Problem in der EU ist weiterhin die Bankenrettung. Insbesondere deutsche und französische Banken stehen unter Druck. Dass notleidende Banken in der EU einen Banker zum Staatsoberhaupt machen, ist nicht neu. In Italien war es so und auch Griechenlands Regierung wurde und wird letztendlich so regiert, dass notleidenden deutschen Banken das vorgeblich als Hilfe deklarierte Geld zufließt. Da das Thema nicht populär ist, wird es durch populistische Rahmenerzählungen ersetzt.

Aufgaben von Macron sind die weitere Bankenrettung und einschneidene Veränderungen bestehender Arbeitsgesetze. Dies wird zynisch, aber nicht ohne Grund "sozialliberal" genannt.

All das würden die 90 Prozent der kritschen Journalisten genau analysieren und darauf hinweisen, so sie eine Plattform hätten.

2. Korea

Den Tod von Warmbier erläuterte ich schon in einem eigenen Beitrag.

Interessant sind die westlich-imperialen Reaktionen der Onkel-Tom-Journalisten, von denen ich eine heraushebe.

Martin Ganslmeier, NDR, spielt verscheidene Varianten durch. Einen Militärschlag gegen nordkoreanische Atomanlagen oder Raketenlagen. Die weitere Verschärfung der Sanktionen. Hackerangriffe.

Die Selbstverständlichkeit, mit der ein bisher nicht geklärtes Geschehen auf persönlicher Ebene in gravierende Strafmaßnahmen umgewandelt wird, von denen die Bevölkerung eines ganzen Landes betroffen sind, ist atemberaubend. Ganz zu schweigen davon, dass die USA seit Jahren Foltergefängnisse betreiben.

Auch hier würden die 90 Prozent der kritischen Journalisten faktisch und deeskalierend schreiben, so sie die Möglichkeit hätten.

3. Republikaner

Es fanden Nachwahlen in US-Bundesstaaten statt, da Mandate wegen Aufrücken in die Regierung zurückgegeben wurden.

Insbesondere der Nachwahl in Georgia wurde enorme Bedeutung beigemessen. Dort trat ein großer Hoffnungsträger der demokratischen Partei an, der erst 30-jährigen Jon Ossoff. Die strukturelle Ähnlichkeit mit Macron könnte für interessierte Journalisten lohnend sein.

Die Nachwahlen wurden von den Republikanern gewonnen, wie alle Nachwahlen bisher.

Aufschlussreich die fast gleichlautende Kommentierung der Onkel-Tom-Presse:

  • Die Demokraten sind erneut mit dem Versuch gescheitert, die geringe Popularität von US-Präsident Donald Trump bei den Wählern auszunutzen.
  • Die Demokraten in den Vereinigten Staaten sind abermals mit dem Versuch gescheitert, die geringe Popularität von Präsident Donald Trump bei den Wählern der Republikaner auszunutzen.
  • Dem Demokraten Jon Ossoff ist es ersten Hochrechnungen zufolge nicht gelungen, die schlechten Umfragewerte von US-Präsident Donald Trump auszunutzen.

Hier lässt sich gut erkennen, was passiert, wenn das Narrativ, die erzählerische Rahmenhandlung, mit der Realität kollidiert. Ähnlich war es schon bei der Präsidentschaftswahl.

An den Kommentaren, so diese noch zugelassen werden, lässt sich gut nachvollziehen, dass immer mehr Leser schadenfroh reagieren. Auf der Strecke bleibt eine sachlich fundierte Kritik sowohl an Trump als auch an der Politik der Republikaner, wie sie von den 90 Prozent der Journalisten geliefert würde, so sie denn die Möglichkeit hätten.

Ergebnis

Zusammenfassend kann ich festhalten, dass die Unzufriedenheit mit dem Onkel-Tom-Journalismus stetig wächst. Das eröffnet die Chance auf neue journalistische Konzepte, von denen 90 Prozent der Journalisten profitieren würden. Die Situation ist offen für disruptive Prozesse, allerdings scheitert es zumeist am Verständnis für das Management solcher Prozesse und an der sich daraus ergebenden Umsetzung.

Auch der Freitag scheint in dem Punkt in eine bekannte Falle gelaufen zu sein.

12:52 22.06.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Journalist

Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit.
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