Nackte zahlen

Porno Onlyfans hat sich als soziales Netzwerk für freizügige Bilder und Videos etabliert. Die neuen Intimfluencer*innen pochen auf Selbstbestimmung
Nackte zahlen
Onlyfans-Model Belle Delphine verhökerte sogar ihr Badewasser

Foto: ZVG

Wie Instagram, nur nackter. So oder so ähnlich wird die Plattform Onlyfans oft beschrieben. Denn obwohl das Unternehmen versucht, vom Porno-Image Abstand zu nehmen, wird Onlyfans vor allem von Menschen genutzt, die hier freizügige Bilder und Videos gegen Geld anbieten. Inzwischen ist die 2016 gestartete Plattform im Mainstream angekommen. Spätestens, seit Beyoncé im Remix von Megan Thee Stallions Song Savage (2020) sang: „She might start an Onlyfans.“

Tatsächlich funktioniert Onlyfans ähnlich wie Instagram: Menschen teilen Bilder und Videos in ihrem Feed. Followers können die Inhalte liken, kommentieren und privat mit den Anbieter*innen kommunizieren. Der entscheidende Unterschied: Bei Onlyfans muss man für jeden Inhalt zahlen. Nur wer für ein Abo im Schnitt 14 Dollar pro Monat zahlt, hat Zugriff auf den jeweiligen Feed und kann Nachrichten an die Anbieter*innen verschicken. Besonders pikante Bilder und Videos kosten in der Regel extra – und je mehr man zahlt, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt man von den Urheber*innen.

Bis zu 5.000 Euro im Monat

Auf diese Art und Weise verdienen in Deutschland laut Angaben von Onlyfans momentan knapp 4.000 Menschen Geld – und manche ihren gesamten Lebensunterhalt. Eine davon ist die 22-jährige Yma Louisa Nowak, die seit Februar 2020 auf Onlyfans aktiv ist. Heute gehört sie zu den erfolgreichsten zwei Prozent weltweit. Nach eigenen Angaben verdient sie zwischen 1.500 und 5.000 Euro im Monat. In einem Interview mit dem Spiegel bezeichnete Nowak OnyFans als einen Ort der Selbstbestimmung. Dass sie über Onlyfans mit Nacktaufnahmen Geld verdient, sei für sie Ausdruck eines modernen und sexpositiven Feminismus. Auf Instagram habe sie immer wieder mit Sperrungen und Einschränkungen zu kämpfen gehabt, da ihre Bilder zu viel nackte Haut zeigten.

Im Gegensatz zum Mainstream-Porno sind die Inhalte auf Onlyfans diverser. Queere Personen, People of Color, Menschen mit Behinderung oder jene, die gängigen Schönheitsidealen nicht entsprechen, werden hier nicht zu nischigen Kategorien gemacht und fetischisiert. Sie sind nicht länger auf Agenturen oder Managements angewiesen, sondern können selbst Inhalte anbieten und sich eine Fanbase aufbauen. Durch die Chatfunktion können sie direkt mit ihrer Followerschaft kommunizieren; die Anonymität von Pornhub oder Youporn weicht hier einer nahezu intimen digitalen Beziehung. Sie können selbst entscheiden, wem sie was für welchen Preis zeigen wollen, sie können übergriffige Personen blockieren. Außer ihnen profitiert nur die Plattform finanziell.

Diese Vorteile haben im Zuge der Corona-Pandemie und des Tätigkeitsverbots auch viele Sexworker*innen und Pornodarsteller*innen zu Onlyfans gebracht, die zuvor eher offline arbeiteten. Im April dieses Jahres – als die Arbeitslosenzahlen in der Branche in die Höhe schnellten – stiegen die Neuanmeldungen bei Onlyfans nach Angaben des Unternehmens um 75 Prozent. Auch die Nachfrage stieg durch Social Distancing und Lockdown enorm: Im Mai meldeten sich täglich 200.000 neue User an.

Wie immer, wenn es um Sexarbeit und Feminismus geht, gibt es aber auch starke Einwände. Denn selbstverständlich geht es auch bei Onlyfans vor allem darum, dass Frauen ihren Körper Männern gegen Geld zur Verfügung stellen. Wer das per se unfeministisch findet, der wird auch Onlyfans keine emanzipatorische Nuance abgewinnen können. Es wird zudem zu Recht hinterfragt, wie selbstbestimmt die Arbeit wirklich ist, solange das Unternehmen saftige 20 Prozent des Umsatzes einkassiert.

Der sehr einfache Einstieg in die Plattform kann außerdem dazu führen, dass junge Menschen auf der Suche nach schnellem Geld unbedacht beginnen, pornografische Inhalte zu teilen – ohne sich der Risiken und der Stigmatisierung bewusst zu sein. Wer einmal auf Onlyfans erfolgreich ist, der kann nur schwer in eine andere Branche zurück. Und obwohl Onlyfans bei der Registrierung nach einem Ausweisdokument fragt, ist es einer BBC-Recherche zufolge für unter 18-Jährige nicht allzu schwer, sich anzumelden.

Auch Piraterie ist ein Thema, denn Inhalte von Onlyfans tauchen nicht selten gratis auf Plattformen wie PornHub oder Reddit auf. Man muss also damit rechnen, digitale Spuren zu hinterlassen, die nicht mehr gelöscht werden können. Außerdem sind viele finanziell abhängig von der Plattform: Ändert Onlyfans die Nutzungsbedingungen, dann kann das Existenzen bedrohen.

Genau das ist im August geschehen, als der ehemalige Disney-Kinderstar Bella Thorne Onlyfans beitrat. Innerhalb eines Tages verzeichnete die 23-Jährige einen Umsatz von einer Million Dollar – nach einer Woche waren es zwei Millionen. Das Problem: Anders als angekündigt gab es auf Thornes Onlyfans-Account gar keine Nacktbilder, sondern lediglich Bikinifotos zu sehen – für 200 Dollar pro Foto. Tausende Menschen wollten ihr Geld zurück.

Anschließend verschärfte das Unternehmen ohne Ankündigung die Nutzungsbedingungen: Für exklusive Fotos darf man nun maximal 50 Dollar verlangen; Trinkgelder können maximal 100 Dollar betragen. Zuvor gab es keine Limitierung. Außerdem behält Onlyfans nun die Umsätze von Nutzer*innen für 30 Tage ein. Für viele Anbieter*innen war das existenzbedrohend – und entsprechend groß war die Wut auf Bella Thorne. Onlyfans selbst dementierte später, dass Thorne der Grund für die Verschärfungen gewesen sei.

Die Schauspielerin selbst entschuldigte sich und erklärte, sie habe Aufmerksamkeit für die Plattform generieren wollen, um so das Stigma um Sexarbeit abzubauen. Die Anmeldung auf der Plattform sei außerdem Teil der Vorbereitung für einen Film gewesen, den sie bald drehe – sie habe eine authentische Erfahrung als Onlyfans-Neuling angestrebt. Dass diese für einen Ex-Disney-Star nicht besonders repräsentativ ausfällt, bemerkte sie wohl spätestens, als die erste Million auf ihrem Konto landete.

Gentrifizierung durch Promis

Diese Gentrifizierung von Onlyfans durch prominente Personen mit großer Anhängerschaft – wie beispielsweise auch die 90er-Pop-Sensation Aaron Carter oder Rapperin Cardi B – wird von nicht prominenten Anbieter*innen seither kritisch diskutiert und verurteilt. Je mehr Menschen mit großen Followerzahlen auf anderen Plattformen wie Instagram oder Tiktok zu Onlyfans strömen, desto härter wird der Wettbewerb für die, die finanziell wirklich von der Plattform abhängig sind. Onlyfans selbst übernimmt bisher keine Verantwortung für die Gentrifizierung der Plattform und die Folgen – und dürfte glücklich darüber sein, dass sich die Wut vor allem gegen die prominenten Nutzer*innen richtet.

Mit knapp 30 Millionen Nutzer*innen weltweit ist Onlyfans zwar im Vergleich zu Facebook (2,5 Milliarden) oder Instagram (500 Millionen) noch mikroskopisch klein, doch es scheint erfolgreich zwei Tendenzen zu vereinen, die auch auf allen anderen Social-Media-Plattformen eine Rolle spielen: sexuelle Enttabuisierung und die konstruierte Authentizität und Nahbarkeit der klassischen Influencer*innen. Heraus kommt eine neue Art von Intimfluencer*innen, die der Anonymität und Unpersönlichkeit des klassischen Pornos ein Ende setzen. Ist diese Entwicklung Ausdruck einer neuen sexuellen Befreiung, die Sexworker*innen mehr Autonomie ermöglicht und sie aus der Anonymität holt? Oder handelt es sich um eine erneute, noch radikalere Objektifizierung von (Frauen-)Körpern? Wir sollten uns drauf einstellen, diese Diskussion nun öfter zu führen.

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06:00 20.10.2020
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