Die Marotten der Marionetten

Debatten im BT Debatten im Bundetag haben eine primäre Wirkung auf die Bevölkerung: Abschreckung. Inhalte sind nicht mehr vorrangig. Der Harmoniewunsch wirkt somit verständlich.
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Das heutige Debatierverhalten im Bundestag ähnelt einem schlechten Puppenspiel. Es betreten dabei die Bühne: die Marionetten. Hölzern, starren Schrittes bewegen sie sich langsam, um nicht den Anschein von Unsicherheit zu erwecken, auf das Rednerpult zu. Die Plenarsitzung ist eröffnet. Das aufgeführte Stück: Der Kampf um den Atomausstieg. Ein Klassiker.

Eine beliebige Plenarsitzung soll uns die rhetorische Einöde in der Bundesrepublik veranschaulichen: der 9. Juni vor zwei Jahren.

Gleich beginnen die nicht enden wollenden Anschuldigungen und mit Ironie verfeinerten Vorwürfe. Sieben volle Stunden dauert so ein Spektakel. Der eigentliche Adressat, der potenzielle Wähler, hält davon gerade mal 10 Minuten aus. Warum eigentlich? Was macht die Tagespolitik für die allgemeine Bevölkerung so unattraktiv?

Die Medien transportieren die demokratisch legitimierenden Vorgänge im Parlament nicht ausreichend ins Publikum.“1

Derart lautet die These des Altkanzlers Helmut Schmidt zur Unzufriedenheit der Bevölkerung. Es gibt jedoch zahlreiche Möglichkeiten die Debatten zu verfolgen. Sowohl im Fernsehen als auch im Internet. Früher, das ist richtig, wurden die Diskussionen noch regelmäßig in den großen öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF ausgestrahlt. Damals begeisterten sich sogar Jugendliche noch für die Plenarsitzungen. Wenn so rhetorisch gewandte Persönlichkeiten wie Franz-Josef Strauß, Willy Brandt und Helmut Schmidt sich über den Bundeshaushalt, die Ostverträge oder die RAF die Köpfe heiß diskutierten, saßen viele Zuschauer bis in die späten Abendstunden gebannt vorm Fernseher. Lag das jedoch daran, dass die Plenarsitzungen stärker in den Medien vertreten waren oder lag es nicht vielmehr an den mitreißenden Vorträgen der damaligen politischen Charaktere?

Wie sieht es hingegen heute im Bundestag aus?

Das zieht einem doch die Schuhe aus!“

Frank-Walter Steinmeier betritt die Bühne.

Er wirkt von der Seite betrachtet zweidimensional. Seine Beine stehen parallel zueinander. Nicht versetzt. Sein Standpunkt ist dadurch instabil. Um dieses Manko auszugleichen schweben beide Hände parallel zum Rednerpult, als wolle er sich jederzeit abstützen können. Er wolle niemandem, den die Realität zur Einsicht zwänge, einen Vorwurf machen.

Dennoch werden im Folgenden nur diese im Fokus seiner Rede stehen. Vorwürfe über Vorwürfe. Somit kann die eröffnende Gestik der mit der Handfläche auf das Rednerpult herab fahrenden Hände auch als ein Versuch der Selbstmäßigung verstanden werden.

Die linke Hand wandert nach der ersten Pause dann sogleich in die Hosentasche. Die rechte erhebt sich geballt zu einer Faust im Takte seiner den Pathos der Gegner verschmähenden Worte. Diese werden in einem starren Rhythmus mit lauter Stimme hervorgebracht.

„Das zieht einem doch die Schuhe aus!“ Dem ist Herrn Steinmeier zuzustimmen, jedoch stehen nicht seine Parteigenossen barfuss dar, sondern sein eigentliches Publikum, die Wählerschaft.

Emotionen! Emotionen!

Die Debatte, die uns kalte Füße beschert, dreht sich um das Thema Energiepolitik. Sie wird mit einer Heftigkeit geführt wie jede andere Debatte auch. Als ginge es um die persönlichsten Anliegen. Emotionen sollen gezeigt und auch hervorgerufen werden. Man engagiert sich für das Thema! Die Mittel dazu sollen in den nächsten 15 Minuten alle aufgebracht werden. Das zu Anfang der Rede noch angeprangerte Pathos erblüht in seiner vollendetsten Form.

Zunächst ist da die Krawatte. Schmal und rot. Rot ist die Farbe der Emotion. Der sehr modern gehaltene Schnitt trägt zur Geradlinigkeit der Gesamterscheinung Steinmeiers bei. Dabei sticht das kleine Stück Stoff aus dem Meer aus Grau geradezu heraus. So als wolle es eine wohl dosierte Menge an Emotionalität in einem ansonsten seriösen Charakter symbolisieren. Dann sind da die großen Gesten. Die Arme wechseln in einem wohldurchdachten Verlauf die Position. Mal hämmern sie auf dem Pult, mal verhelfen sie dem Körper durch Stütze zu einer lässigen Position und immer wieder schnellen sie durch die Luft als gelte es den Gegner klein zu hacken. Um dem ganzen die militärische Schärfe eines Generals zu nehmen wird dabei stets zwischendurch eine Hand in die Hosentasche gesteckt oder beide Handflächen nach oben gedreht und dem Publikum vorgestreckt. Das soll, so steht es in Rhetorikratgebern geschrieben, beruhigend wirken und die Natürlichkeit der Person verdeutlichen.

Der sinuskurvige Stimmverlauf folgt der Gestik.

Langsam steigt die Lautstärke. Sie erreicht einen Punkt unter den sie die gesamte Rede nicht mehr fallen wird. Von diesem Punkt aus gilt es jetzt nur noch die zahlreichen Höhen zu erklimmen. Der rechte Arm wippt wieder auf und ab. Mit den Worten „Meine Damen und Herren“ wird gleich mal wieder einer dieser Gipfel der Rede erreicht sein.

Im Kopf des Zuschauers dröhnt es. Die Pausen, die nach jedem entscheidenden Argument gemacht werden, erscheinen als Oase der Ruhe, die es schnell wieder zu erreichen gilt. Das aggressive Gepolter stört. Es scheint als ob der Redner nicht in sich ruhe.

Die sich planmäßig abwechselnden Gesten mit der sich gleichförmig erhebenden Lautstärke vermitteln etwas Routiniertes, was im deutlichen Widerspruch zum gewünschten Effekt der Emotionalität steht. Ob die Zukunft der Energie oder tagespolitische Themen auf dem Plan stehen, macht dabei kaum einen Unterschied.

Wären nur die Stimme und die Körpersprache einstudiert, könnte man an den Augen, an den Gesichtszügen die Überzeugung ablesen, wäre damit alles wieder wett gemacht. Genau dieser letzte Aspekt ist es jedoch an dem das ganze Unternehmen letztendlich scheitert. Die Gesichtszüge des Herrn Steinmeiers machen seinem Namen alle Ehre. Versteinert. Es bewegt sich nur ein oder zwei Mal der Mundwinkel zu einem ironisch süffisanten Lächeln.

Unaufrichtigkeit

Was ist das vordergründige Ziel der Ansprache?

Das vordergründige Ziel ist es wohl den politischen Gegner zu diskreditieren. Das Pathos des Gegners, die „Unaufrichtigkeit“ wird bemängelt. Schließlich stand der Atomausstieg ja schon einmal im Gesetz. „Die Energiewende war eingeleitet (...).“ Dennoch stelle sich die Frau Bundeskanzlerin als Erfinderin der Energiewende hin.

Herr Steinmeiers Rede gehört somit in die judiziale Gattung der Rhetorik. Die Funktion ist die Anklage. Der Affekt, die Strenge. Was ist jedoch das eigentliche Ziel?

Die Wähler zu überzeugen. Es soll deutlich werden, dass der eigene Standpunkt der richtige ist. Glaubwürdigkeit in die eigene Politik soll hergestellt werden. Glaubwürdigkeit ist dabei das entscheidende Kriterium. „Die Rede ist die Kunst Glauben zu wecken“, so Aristoteles. Doch für Aristoteles sind die geeigneten Mittel dafür die Eigenschaften der Einsicht, Tugend und des Wohlwollens. Steinmeiers Taktik schlägt daher genau die falsche Richtung ein. Das Pathos des Gegners mit eigenem Pathos zu verdeutlichen ist kein Weg zu mehr Glaubwürdigkeit. Einsicht ist nirgends zu finden. Die Tugend ist beim Anblick der verbalen Attacken auf den Gegner zusammengeschreckt und verkriecht sich in die hinterste Ecke des Saales. Das Wohlwollen irgendjemandem gegenüber versteckt sich hinter den überdimensionalen Wortgerüsten.

Der letzte Akt

Das Ende der Rede ist in Sicht. Ein letztes Mal wird der Finger der Ermahnung in die Höhe katapultiert. Ein letzter ironischer Kommentar, eingeleitet mit der einzigen bemerkenswerten „rhetorischen Figur“ dieser Rede. „Meine Damen und Herren (Fettdruck Verf.), es hat 25 Jahre gedauert, genau ein Vierteljahrhundert, bis die heutige Regierung und die Regierungsparteien an dem Punkt angekommen sind. Das ist eine bemerkenswerte Lernkurve, Frau Merkel. Dazu gratuliere ich.“ Eine kurze Verbeugung und der Vorhang fällt. Das Theater ist vorüber. Die steinerne Figur kehrt an ihren Platz zurück.

Der Zuschauer bleibt zurück. Denn bei allem Gebrüll und Gepolter kann er bei Weitem nicht verstehen, warum der Herr Steinmeier sich dermaßen zu Tode schreit. Die Gefühle des Redners können nicht geteilt werden. Die einzige emotionale Regung ist die der Erleichterung, dass das Schauspiel ein Ende genommen hat.

Ist vielleicht schwer (...) sich das vorzustellen.“

Nachdem der Vorhang nun gefallen ist, widmen wir uns einem Ausschnitt aus der deutschen Realität.

Helmut Schmidt betritt das Rednerpult vor dem Bundestag im Jahre 1968. Die außerparlamentarische Opposition (APO) beherrscht das Thema der heutigen Debatte. Herr Schmidt ist Fraktionsvorsitzender der SPD, die gemeinsam mit der Union das Land regiert.

Durch den zeitlichen Abstand scheint die emotionale Erreichbarkeit des heutigen Zuschauers eine Sache der Unmöglichkeit. Es fällt schwer sich das vorzustellen.

Eine unwahrscheinliche Arbeitsanstrengung“

Herr Schmidt schaut auf seine voll geschriebenen Blattpapiere vor ihm hinab. Ein kurzer Blick ins Publikum und die Rede beginnt.

Ein Versprecher und wieder Pause:

„Das, was wir heute haben an Staat, an Wirtschaft und Gesellschaft hat ja dieses Volk nacheinander...äh miteinander so aufgebaut... wie es ist.“ Herr Schmidt sucht den Anfang. Die Augen huschen über seine geschriebene Rede. Im Folgenden soll Verständnis für die älteren Generationen, die von ihren Kindern aufs Heftigste zur Rechenschaft gezogen werden, erzeugt werden. Doch wie? Herr Schmidt sucht seinen Weg.

Daher wird zunächst nach Protokoll verfahren. Nach jeder Pause erheben sich beide Arme. „In einer gemeinsamen Anstrengung (Arme oben, Anmerkung Verfasser) derjenigen, die gearbeitet haben, derjenigen (Arme oben), die zuhause den Haushalt geführt haben, derjenigen, die die Verbände (Arme oben), die Unternehmungen (Arme oben), die Gewerkschaften (Arme oben), die Politik (Arme oben) betrieben und geführt haben. Eine unwahrscheinliche Arbeitsanstrengung.“

Etwas erschöpft werden beide Hände in die Hosentaschen gesteckt.

Die Anstrengung steht somit auf zweifache Weise im Mittelpunkt.

Herr Schmidt guckt wieder auf seine Rede. Es folgt ein abschätziges Kopfnicken und ein selbstkritischer Blick. Als frage er sich selbst, warum er diese leeren Worthülsen gerade von sich gegeben habe.

Und dann? Eine komplette Abkehr von der vorgeschriebenen Rede. Herr Schmidt hat innegehalten, hat gemerkt was Anstrengung bedeutet. Seine Schultern sind nach oben gezogen. Der Rücken krümmt sich leicht. Er fühlt sie nun. Er fühlt die „Kette von Katastrophen, von Unglück, von Irrtum, von Schuld“, die das deutsche Volk seit über vierzig Jahren trägt. Er schickt sein Publikum in den nächsten Minuten durch die historischen Abgründe Deutschlands: „Das fing an im August 1914, über die Steckrübenwinter von 1917 und den Zusammenbruch und die Inflation und die inneren Unruhen und die Schießereien überall im Reich und die Ruhrbesetzung und die Abstimmung in den Grenzgebieten.“ Dabei spiegelt seine Stimmlage stets die derzeitige Sachlage in Deutschland wieder. Die Lautstärke wird gesenkt als er nach den „Abstimmungen in den Grenzgebieten“ zu den „fünf halbwegs normalen Jahren“ nach der Roggenmarksstaabilisierung kommt. Sie schnellt in die Höhe als er gleich darauf zur Schilderung der Entstehung des Dritten Reiches gelangt.

Die das Gesagte untermauernden Gesten sind dabei zahlreich. Der Zuschauer geht mit Herrn Schmidt in die Knie. Herr Schmidt zieht mit seiner rechten Hand etwas aus der Luft und zerquetscht es. Der Zuschauer bekommt die „physische und psychische Auszehrung“ der damaligen Generation zu spüren.

Sein Ziel ist erreicht. Das Verständnis geweckt. Es kann nun die Anklage der „jungen Leute“ folgen.

Mancher könne sich heute nicht vorstellen wie das ist, wenn jemand arbeiten will und es keine Möglichkeit dazu gäbe. Die Spießbürger würden die Vollbeschäftigung für selbstverständlich halten.

Aufgebracht wandern bei seinen vorgebrachten Anschuldigungen die Arme vom Pult in die Höhe. Keine Performance ist erkennbar. Hier ist nichts einstudiert.

Schmidt ist empört während er spricht. Empört über die Tatsachen, die er gerade ausspricht. Manchmal wird der Satz daher gar nicht zu ende gesprochen, die Worte fehlen. Ein Gedanke kommt auf, ein Gefühl entsteht und der Körper wechselt in Sekunden schnelle von einer entspannten Position in eine angespannte.

Schmidt erzeugt Mitgefühl für die einen und Verständnis für die anderen und das im stetigen Wechsel. Alle Seiten werden beleuchtet. Eine Abwägung findet statt.

Auf die Anklage der „jungen Leute“ folgt somit der Eintritt für ihre Rechte. „Ich denke die Erwachsenen in diesem Land müssen verstehen, dass die jungen Leute das Recht haben nach ihren eigenen absoluten Maßstäben zu messen.“ Er geht noch weiter und betont ihre Pflicht Kritik vorzubringen. „Denn anders kann die Demokratie nicht leben.“ Demokratie sei ein Prozess und kein Zustand.

Nach Professorenart erhebt Schmidt den Zeigefinger. Er will die Lage durch Erklären klären.

Beide Seiten haben nun gegenseitige Einsicht in die Situation des jeweils anderen erhalten. Die Argumente für die eine Seite wurden mit den Argumenten für die andere Seite abgewogen. Er will alle erreichen. Ihm liegt es dabei sehr am Herzen, dass jeder sich gehört und verstanden fühlt.

Er erzeugt durch Wohlwollen Einsicht. Aristoteles wäre entzückt. Man glaubt diesem Mann. Man vertraut ihm. Seine Performance zeigt Wirkung dadurch, dass sie keine Performance ist, sondern eine simple menschliche Reaktion auf ein bewegendes Thema.

Das Theater muss geschlossen werden – Es verursacht zu viele Umkosten

Die politische Sphäre ist keine Bühne, sie ist nicht dafür da dem Einzelnen zu dienen. Die politische Sphäre ist ein Raum. Ein gesellschaftlicher Raum, der dem Austausch dient. Dem öffentlichen Austausch, der letztendlich zur Gestaltung der Gesellschaft führt. Somit sage ich, nein ich fordere: Schließt die Bühne! Schließt gleich das ganze Theater! Und an die Marionetten gewandt: Ein Diskurs kann nur unter Lebenden stattfinden. Hört auf euch selbst zu dienen. Hört auf vorzutäuschen und zu lügen. Schneidet eure Fäden ab, lasst eure Nasen wieder schrumpfen und dann, vielleicht, nachdem ihr euch der Gesellschaft verdient gemacht habt und euch das große Glück zuteil wurde in wahre Menschen verwandelt zu werden, dann kommt voller Dankbarkeit wieder und beginnt eure ersten Worte zu sprechen...

13:48 08.01.2014
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Geschrieben von

JRGlatzer

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