Gefahrenzone Passivität

Re:publica Blogger Felix Schwenzel nimmt sich Erich Fromms Klassiker "Die Kunst des Liebens" vor und verabschiedet sich von der Ironie. Gelacht wurde trotzdem
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Gefahrenzone Passivität
Mit Erich Fromm im Nacken fällt Ironie schwer. Lustig wird es aber dennoch
Foto: re:publica/Gregor Fischer (CC)

Es ist der letzte Tag der Re:publica, Wirres-Blogger Felix Schwenzel wird in wenigen Minuten seinen Vortrag zum Thema „Update: Die Kunst des Liebens“ halten. Die Plätze im Hauptsaal sind fast alle besetzt. Jeder ist gespannt, wie sich die Krisen unserer heutigen Gesellschaft durch Ansätze aus dem alten Brocken von Erich Fromm in Luft auflösen sollen. In der Reihe vor mir höre ich eine junge Frau mit langen, braunen Haaren zu einem Mann mit markanter Hornbrille sagen: „Das wird bestimmt wieder lustig. Der Typ war beim letzten Mal super ironisch!“ Ja, dafür ist Felix Schwenzel auf der Re:publica bekannt. Diese Mal aber sorgt er für eine Überraschung. Er betritt die Bühne und entschuldigt sich dafür, dass das Werk von Erich Fromm leider keine Ironie zulasse. Als kleinen Trost zeigt er dafür ein Katzenvideo.

Humor ist definitiv ein guter Weg, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen – das stellt Felix Schwenzel auch dieses Mal unter Beweis. Weniger ironisch als bei seinen vergangenen Vorträgen, aber keinesfalls weniger witzig. Ein Bild von Lady Diana mit monströsen Schulterpolstern, Zeichnungen von Königen mit Perücken und absurden Kopfbedeckungen – Bilder, bei denen man sich fragt, was sie denn bitte mit unseren aktuellen Problemen zu tun haben. „Sieht das nicht dämlich aus?“, sagt Schwenzel. „Natürlich. Ein Trottel hat einen Trend vorgemacht und Hunderte waren mit ihm gemeinsam Witzfiguren.“ Auf spielerisch witzige Art macht er deutlich, wo gesellschaftliche Probleme beginnen – nämlich bei unserem eigenen Handeln. Eine Ansicht, die er mit seinem persönlichen Helden Erich Fromm teilt.

Die Kunst des Liebens wurde im Jahr 1956 veröffentlicht. Die Kernaussage des Buches ist, dass Liebe nur entstehen kann, wenn wir an uns selbst arbeiten. Was folgt, ist eine Information, die wohl niemanden erstaunt: Es ist die Selbstliebe, die der Schlüssel zu unserem eigenen Wohl ist und so auch zu dem der Gesellschaft, in der wir leben. Das war früher so und daran hat sich bis heute nichts geändert. „Selbstoptimierung ist im Trend! Wir haben 'ne App, die uns gesunde Ernährung und Sport ans Herz legt. Warum dann keine, die uns sagt, wie wir zum Beispiel unsere Selbstsucht überwinden können?“, sagt er. Hinter ihm auf der Leinwand ploppt ein altbekanntes WhatsApp-Emoticon auf, das Erstaunen ausdrücken soll. Wir sind ja schließlich noch immer auf einer Konferenz für mediale Themen.

Reaktion statt Aktion

Passivität – das sei die größte Gefahr für unsere Gesellschaft. Wieso? Man müsse sich doch nur einmal in sozialen Netzwerken umgucken – der Ort, an dem wir mit Likes jonglieren. Kurz gesagt: Wir reagieren, anstatt zu agieren. Klar, der Mensch an sich ist faul und wählt lieber den leichteren Weg. „Ertappt“ – das denkt sich wohl der Großteil der Leute, mich eingeschlossen. „Im Theater, da sind wir wenigstens noch etwas aktiver. Wir klatschen tatsächlich selbst und drücken nicht einfach nur einen Button!“, sagt Schwenzel. Die Reaktion auf diesen Satz, wie sollte es auch anders sein, ist Applaus.

Anfänge sind allerdings schon getan. Auf der Leinwand wird die Werbung eines Bowling Centers aus den 50er-Jahren gezeigt, die mit dem Slogan „Have some fun. Beat your wife tonight“ einen lustigen Abend verspricht. Ein Schmunzeln geht durch die Menge. Ganz so blöd scheinen wir nun wieder auch nicht zu sein, immerhin gibt es solche Werbungen heute nicht mehr, der Revolution der Frauen sei Dank. Schwenzel ist optimistisch, solange wir an uns selbst wachsen. Das ist das Stichwort. Genug Vorschläge gemacht für eine glücklichere Gesellschaft. Felix Schwenzel greift in seine Hosentasche, wirft Konfetti in die Luft und verlässt die Bühne.

Dieser Beitrag enstand im Seminar "Onlinejournalismus" der Akademie Mode & Design

17:01 11.05.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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