Der Ja-Sager oder der Nein-Sager

Grexit Soll Griechenland im Euro bleiben? Wirtschaftswissenschaftler haben auf solche und ähnliche Fragen stets eine Antwort. Leider sind sie total widersprüchlich
Ausgabe 26/2015
Die Antwort liegt in den Bäumen
Die Antwort liegt in den Bäumen

Foto: Ye Aung Thu/AFP/Getty Images

Was einige Jahrtausende lang im Vorderen Orient und in Europa die Astrologie war, das sind heute die Wirtschaftswissenschaften. Da wird hochtrabend von der Zukunft geredet, ungern von der Vergangenheit und autoritär über die Gegenwart. Was der eine sagt, dem widerspricht der andere.

Wo früher die Feldherren ihren Astrologen befragten – Wallenstein seinen Seni –, da müssen sich heute die Politiker anhören, was etwa die fünf Wirtschaftsweisen meinen. Die einen sagen, es wäre prima, wenn Griechenland den Euro verlassen würde. Die anderen: Ein Grexit wäre die Katastrophe. Die Dritten: Man kann es nicht wissen. Ausdiskutieren können sie es nicht. Das dauert zu lange und niemand hört ihnen zu. Wie die Astrologen von ehedem hantieren sie mit Tabellen und Kurven, mit kaum verständlichen Begriffen. Als Laie kann man sich darauf nicht einlassen.

Aber auch der Laie kann sich auf die Empirie berufen. Und die belehrt jeden, der hinschaut: Astrologie ist Unfug. Und jeder, der Wirtschaftswissenschaftler historisch betrachtet, kann feststellen, dass es auch damit nicht weit her ist. Als Ludwig Erhard, der Vater des Wirtschaftswunders, gleich nach der Währungsreform die Rationierung von Gebrauchsgütern teilweise aufhob, rüffelte ihn der oberste Amerikaner in Deutschland, Lucius D. Clay: „Meine Berater sagen mir, das sei falsch.“ Erhard erwiderte: „Machen Sie sich nichts draus. Meine Berater sagen mir genau das Gleiche.“ Ist die Volkswirtschaft überhaupt eine Wissenschaft? Karl Marx, der von vielen unter die Klassiker der Ökonomie gezählt wird, sagte, es gebe für ihn nur eine Wissenschaft, und das sei die Geschichte.

Astrologie und Wirtschaftswissenschaften haben auch so ihre Kernsätze, die in ihrer Schlichtheit unübertrefflich sind. Bei Wallenstein: Nacht muss es sein, wenn Friedlands Sterne leuchten. Natürlich, bei Tage kann man sie nicht sehen. Wirtschaftswissenschaftler: Das schlechte Geld verdrängt das gute Geld. Logisch: Wer schlechtes Geld in der Tasche hat, möchte es möglichst schnell auf dem Markt loswerden gegen gute Ware. Das gute Geld behält er lieber zu Hause. Darum heben die Griechen derzeit eifrig ihre Euros von den Konten. Das alles klingt nach Aussagen wie: Der Ball ist rund.

Darüber kann man nicht diskutieren. Aber politische Entscheidungen leben davon. Als der Philosoph Rudolf Carnap einmal bei einer Diskussion zugegen war, in der es stürmisch hin und her ging, wurde er schließlich gebeten zu sagen, was richtig und was falsch sei. Carnap antwortete: „Was ist richtig oder falsch an Holladio?“

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

Jetzt schnell sein!

der Freitag digital im Probeabo - für kurze Zeit nur € 2 für 2 Monate!

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen