Europa, deine Flüchtlinge

Migration Es geht nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie. Die Antworten, die wir darauf geben, werden Europa verändern
Ausgabe 36/2015
In Europa angelangt: Flüchtlinge auf der griechischen Insel Kos
In Europa angelangt: Flüchtlinge auf der griechischen Insel Kos

Foto: Louisa Gouliamaki/AFP/Getty Images

Griechenland war gestern. Heute sind die Flüchtlinge das große Thema. Der Unterschied: Griechenland war und ist immer noch weit weg. Die Flüchtlinge sind da. Griechenland war – zumal für die Linke – auch ein Projekt: Ist eine Revitalisierung linker Politik in Europa möglich? Die Flüchtlinge sind ein Problem. Sie sind ein Problem, das sich gleichsam von unten nach oben stellt: in den Kommunen, in den Ländern, im Bund und schließlich in und für Europa. Etwas getan wird zunächst unten. Je weiter es nach oben geht, umso zögerlicher werden die Aktivitäten.

Dabei geht es bei der großen Wanderungsbewegung von Süden her nach Europa, besonders nach Deutschland – Wanderung im ursprünglichsten Sinne des Wortes –, nicht mehr um ein Ob hinsichtlich der Aufname der Menschen, sondern nur noch um das Wie. Hier ist die Mehrzahl zumindest der Deutschen offensichtlich weiter als die Politiker. Deren Beiträge sind zumeist beschämend. Schweigen wir darüber. Nur zwei der ärgerlichsten Vorbeiredereien seien erwähnt. Sie sollten sich nicht in den Köpfen festsetzen.

Die Flüchtlingswanderungen haben, erstens, nichts mit Vor- und Nachteilen eines Einwanderungsgesetzes zu tun. Abgesehen davon, dass man von dort sogleich bei irgendwelchen Kriterien ist, nach Ausbildungsständen, wer kommen darf und wer nicht, verkleinert man mit solcher Diskussion die Dinge auf gefährliche Weise. Wer für Einwanderung nach Gesetz ist, hat ein vermeintlich gutes Gewissen bei der Abwehr von Einwanderern, auf die das Gesetz nicht passt. Aber auch die lassen sich nicht abwehren.

Unakzeptabel ist, zweitens, die Fokussierung auf Kriegsflüchtlinge, etwa aus Syrien. Richtig ist, dass ihre Not am größten ist. Doch auch sie bilden lediglich einen Teil der Flüchtlingsbewegung, der man nur noch mit einem Wie der Aufnahme begegnen kann. Und Europa ist weit weg.

Der Begriff der Globalisierung liegt näher. Nehmen wir einen großen Topf und stellen zwei Krüge daneben, einen mit heißem, einen mit kaltem Wasser gefüllt. Wenn wir nun aus beiden Krügen zugleich Wasser in den Topf gießen, werden wir es nie und nimmer schaffen, das heiße Wasser auf der einen und das kalte Wasser auf der anderen Seite des Topfes zu halten. So viel zum Thema Arm und Reich im Zeitalter der Globalisierung.

Die Flüchtlingswanderung wird uns wahrscheinlich über Jahrzehnte hinaus beschäftigen. Die Antworten, die wir geben, werden so oder so Europa verändern. Die Wanderungen infolge des Klimawandels beginnen ja erst noch.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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