Fleißig, aber kein Rückgrat

Deutsche Wir sind Weltmeister. In Überstunden machen. Verhaften wir Deutsche derart in unseren eigenen Klischees?
Ausgabe 37/2014

Die Deutschen, vermeldet die EU-Kommission, sind Weltmeister bei den Überstunden. Wer wüsste das nicht längst. „Die Arbeit“, schrieb 1918 der Franzose Jacques Rivière, „ist für die Deutschen nicht die lästige Pflicht, diese Strafe, die sie für uns ist. Sie widmen sich ihr von ganzem Herzen, sie ist ihnen eine Sucht, sie ist ein Laster, dem sie nachgeben. Sie verfallen der Arbeit wie andere der Sünde.“

Jacques Rivière war einer der brillantesten Intellektuellen in Paris. 1914 zog er in den Krieg, geriet rasch in Gefangenschaft und blieb dort jahrelang. 1918 brachte er sein Buch Der Deutsche heraus (jetzt neu übersetzt im Lilienfeld-Verlag erschienen). Das Buch ist von Hass und Abscheu geprägt, lässt aber dennoch eine scharfe Beobachtungsgabe erkennen, eben bei dem Personal, auf das er umständehalber getroffen war. Der Deutsche sei „leer“, lautet seine Grundthese. „Das ist mir egal“, sagt der Deutsche gern und oft, wenn er nicht weiß, ob etwas gut oder schlecht, erlaubt oder unerlaubt ist.

„Will man einen Deutschen in Verlegenheit sehen“, schreibt Rivière, „beobachte man ihn, wenn er gezwungen ist, ein moralisches Urteil zu fällen.“ Warum? Weil „er Angst hat, sich zu irren ... Immerhin könnte doch der andere Recht haben.“ So ist das in einem Land, in dem seit Jahrhunderten zwei große Konfessionen nebeneinander existieren. Aber der Franzose sieht einen anderen Grund: Der Deutsche „ist in Sachen Moral unweigerlich Schüler, der Schüler weiß, aber er sieht nicht selbst, er erkennt nicht. Und tatsächlich erkennt der Deutsche in Sachen Moral nicht.“ Stimmt ein wenig.

„Es gibt ein Wort, für das jeder gute Deutsche eine heimliche Schwäche hat, welches das größte Lob ist, das er ausstellen kann und durch dessen steten und liebevollen Gebrauch er seine tiefgreifende moralische Haltlosigkeit verrät, all das, was sein Bewusstsein an Rückgratlosigkeit enthält. Es ist das Wort ‚anständig‘. Der Deutsche ist ein anständiger Mann, das heißt, ein Mann mit dem man reden kann, dessen Geist sich den Gegebenheiten und allen Maßgaben des Schicksals beugt.“

Was alles eben auch bedeutet: „Der Deutsche ist nach Belieben erziehbar.“ Das haben wir seither erfahren. Mehr noch: „Der Deutsche ist ungeheuerlich erziehbar.“ Jedoch nicht in Sachen Arbeit. „Tatsächlich macht der Deutsche durch die Arbeit und die Willensfluten, die er völlig mühelos ausschüttet, nicht nur seine Nachteile wieder wett, sondern er erzielt auch Ergebnisse, die uns womöglich versagt bleiben und die uns jedenfalls stets aufs Neue überraschen.“

Jacques Rivière wurde nach dem Krieg Chefredakteur der Nouvelle Revue Française. Für eine Neuauflage seines Buches schrieb er – der schon 1925 starb – 1924 ein eher selbstkritisches Vorwort. Das Buch ist voll von Berichten und Anekdoten, die seine heftigen Urteile belegen sollen. Wer beim fortschreitenden Lesen das Lachen beibehalten kann, wird irgendwann auch dem Nachdenken sein Recht einräumen, kritisch hinüber und herüber. So war es in Europa. Ist es noch so?

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