Gabriel und die bösen Medien

Polit-Hype Kritik an der Arbeit von Journalisten ist wichtig. Aber bitte nicht immer nur über die üblichen Verdächtigen schimpfen
Ausgabe 21/2015
Die Bild-Zeitung war bös zu Christian Wulff, findet Thomas Meyer
Die Bild-Zeitung war bös zu Christian Wulff, findet Thomas Meyer

Foto: Andreas Rentz/Getty Images

Medienkritik muss sein. In dem Suhrkamp-Bändchen „Wie politische Journalisten mitregieren“ zeigt Thomas Meyer, wie man sie nicht machen sollte. Meyer, Chef der Zeitschrift Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, verdankt vieles in seinem Leben der SPD. Sein Opusculum ist Ausdruck der Dankbarkeit, die er der SPD erweist. Da Dankbarkeit in unserer Zeit ein Fremdwort geworden ist, mit dem kaum jemand mehr etwas anzufangen weiß, soll wenigstens dieses respektvoll angemerkt sein. So weit, so schön.

In seinem Buch führt Meyer drei Fälle vor. Ein Spiegel-Redakteur war gemein zu Peer Steinbrück. Eine Fernsehmoderatorin war unverschämt zu Sigmar Gabriel. Die Bild-Zeitung war bös zu Christian Wulff. Wulff? Passt der in die Reihe? Bild war bös zum Bundespräsidenten. So geht es. Der Bundespräsident hatte erklärt, der Islam gehöre zu Deutschland. Das war zwar nicht der Ausgangspunkt der Kampagnen gegen Wulff gewesen, aber das ist Meyer egal. Er hat erfahren, dass Bild mit dem Satz nicht einverstanden war.

Meyer verurteilt nicht alle Journalisten und alle Blätter. Gern verweist er auf den 2014 verstorbenen Frank Schirrmacher, der hatte als Mitherausgeber der FAZ mehrfach dafür gesorgt, dass Texte aus SPD-Schreibbüros in einem Umfang und in einer Aufmachung in der FAZ erschienen, wie das bei keiner anderen Zeitung möglich gewesen wäre. Auch ist ihm Nils Minkmar ans Herz gewachsen. Der hatte ein Buch über den Wahlkampf von Peer Steinbrück geschrieben, in dem er bekannte, dass er sich in seinem Leben noch nie so unglücklich gefühlt habe wie am Abend der Wahlniederlage. Für dieses Selbstzeugnis eines Schmocks hätte der Verleger dem verantwortlichen Lektor fristlos kündigen müssen.

Meyer macht auch Ausnahmen bei Zeitungen. So kommen bei ihm die Süddeutsche Zeitung und der Stern durchweg gut weg. Das ist beim Stern insofern allenfalls ein halbes Kompliment, als man dort auf den eigenen Anteil bei den Recherchen zu Christian Wulff und seinem Haus in Großburgwedel mindestens so stolz war wie Bild und darüber sauer war, dass es anderen gelang, bei der Geschichte den Rahm abzuschöpfen. Jetzt müssen sie auch noch lesen, sie seien zurückhaltend gewesen.

Es ehrt die Süddeutsche Zeitung, dass sie trotz des penetranten Lobs, das Meyer ihr spendet, sein Buch in einer umfangreichen Rezension im Medienteil unzweideutig verrissen hat. Medienkritik muss sein. Auch Bücher, ob sie sich mit Medien befassen oder nicht, gehören in die Welt der Medien. So weit, so schön.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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