Herr Piëch bittet zum Tanz

Machtkampf bei VW Ferdinand Piëch kann offenbar mit Martin Winterkorn nicht mehr. Um Geld geht es ihm dabei allerdings nicht
Ausgabe 16/2015
Vergangene Einigkeit in Wolfburg: Martin Winterkorn (links) mit Ferdinand Piëch
Vergangene Einigkeit in Wolfburg: Martin Winterkorn (links) mit Ferdinand Piëch

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Ferdinand Piëch will Martin Winterkorn loswerden. Der eine ist Aufsichtsratsvorsitzender des VW-Konzerns , der andere Vorstandsvorsitzender dortselbst. Im einfachen Leben ist so etwas kein Problem: Der Ober sticht den Unter. In den eisigen Höhen der Wirtschaftsmächtigen, die auch bei Milliardenverlusten nur mit den Achseln zucken und lächeln, ist das etwas anderes. Es hat allenfalls Ähnlichkeit mit der gr0ßen Politik, wo Machtkämpfe sich auch nicht daran orientieren, ob hier oder da ein paar Milliarden Steuergelder verplempert wurden.

Also eröffnete Piëch den Tanz mit einer Bemerkung, die der Laie für harmlos erachten mag, der Kenner aber als alarmierend einstuft. Er sei, sagt der Ober, zum Unter auf Distanz. Das sagte Piëch nicht zu Winterkorn, sondern zur geneigten Öffentlichkeit. Andere, die bei VW etwas zu sagen haben, gingen sogleich auf Distanz zum Aufsichtsratsvorsitzenden, etwa die Familie Porsche, und, verklausuliert, auch das Land Niedersachsen. Ohne die läuft nichts gegen Winterkorn. Aber dessen Vorgänger war seinerzeit abgesägt worden, als Piëch verlauten ließ, man habe den Falschen an die Spitze gebracht. Und Wendelin Wiedeking, einst mächtiger Porsche-Chef, sah seine Karriere beendet, als er mit Piëch den Tanz wagte.

Ferdinand Karl Piëch, 78, ist ein alter Mann. Winterkorn sollte sein Nachfolger werden. Aber Winterkorn ist auch schon 67. Warum tun sich alte Zivilherrscher so schwer damit, ihre designierten Nachfolger nachfolgen zu lassen? Aus der Politik kennt man berühmte Fälle: Konrad Adenauer wollte Ludwig Erhard nicht als Kanzler, Kurt Biedenkopf wollte seinen brillanten Finanzminister Georg Milbradt nicht als Ministerpräsident. Beide scheiterten, die ungewollten Nachfolger auch. Die Geschichte gab den Alten recht. Kohl traute Schäuble nicht die Einführung des Euro zu. Vielleicht zu Unrecht. Ergebnis: Der Euro kam, und Kohl wurde abgewählt.

In der Wirtschaft geht es anders zu. Da wird nicht gewählt. Und wenn da einer sauber Karriere macht, kann dies mit Eigenschaften zusammenhängen, die zwar der Karriere als Diener zuträglich sind, aber wenig für seine Aussichten als Chef versprechen. Wer jahrzehntelang die Aktentasche eines anderen getragen hat, ohne sie aufmachen zu dürfen, kann mit ihrem Inhalt vielleicht wenig anfangen, wenn er sie schließlich als seine öffnen darf. Das weiß der Chef, aber das weiß nicht der Aktentaschenträger. Winterkorn erhält pro Jahr 16 Millionen Euro Gehalt. Piëch ist wohl reicher. Um Geld geht es ihm nicht. Es geht ihm um VW und um sein Ego. Was er für seinen Kampf bewegen kann, ist abzuwarten.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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