Hochmut kommt nach der Moral

Rückblick Vor 200 Jahren wurde Otto von Bismarck geboren. Aber wozu sind Gedenktage gut, wenn man an ihnen immer nur Altbekanntes neu vorgesetzt bekommt?
Ausgabe 13/2015
Nun doch würdevoll zu Grabe getragen: Richard III. (hier durch seinen Schädel vertreten)
Nun doch würdevoll zu Grabe getragen: Richard III. (hier durch seinen Schädel vertreten)

Foto: University of Leicester/AFP/Getty Images

Wie man mit Geschichte umgeht, zeigte sich soeben in England. Mit einiger Verspätung trug man König Richard III. zu Grabe. Das erste Mal war er nur schmählich verscharrt worden. Jetzt gab es einen prunkvollen Umzug durch Leicester und anglikanische Gesänge in der Kathedrale. Sie galten Gott und dem Mann, der bei Shakespeare frohgemut verkündet, er gedenke, ein Bösewicht zu werden. Er wurde es, wie zuvor Thomas More eindringlich in seiner Biografie dargelegt hatte. Ihm folgte Shakespeare durchweg, auch bei der mutmaßlich falschen Beschreibung Richards als eines hässlichen, verwachsenen Mannes. Das behauptet wenigstens Winston Churchill in seiner Geschichte der englischsprachigen Völker, in der er im Übrigen kein gutes Haar am König lässt. Aber was verschlägt es, wenn ein Heiliger, ein Dichter und ein Staatsmann gleichermaßen Verdammungsurteile fällen? „The king can do no wrong“, sagen die Engländer, „der König kann nichts Falsches tun.“ Also, da man nun seine Gebeine wiederentdeckt hat: ab ins würdige Grab mit ihm.

Was für eine Aufregung aber gab es, als man im wiedervereinigten Deutschland daranging, den Sarg Friedrichs des Großen von Hechingen nach Potsdam umzubetten. „Leichen-Shuttle“ wurde gezetert oder „peinlicher Preußen-Kitsch“. Zugrunde lag hier aber wohl die Empörung darüber, dass dem demokratisch gewordenen Land zurückgegeben wurde, was man dem kommunistischen nicht gegönnt hatte.

In diesen Tagen wird des 200. Geburtstags Otto von Bismarcks gedacht. Das Gedenken fällt, fast schon traditionell in Deutschland, so aus, dass darüber räsoniert wird, was Bismarck wert ist. Reichsgründer – das kann doch nicht alles gewesen sein. Und was da sonst noch war, war nicht gut. Auch was das Reich gewesen ist, hatte doch wohl kaum Bestand. Alles ein wenig richtig. Muss alles im Geschichtsunterricht vorkommen. Aber wozu dann Gedenktage? Zur immer neuen Untersuchung der großen Männer und Ereignisse? Zur moralischen und politisch-rechtlichen Selbstvergewisserung darüber, wie herrlich weit wir es gebracht haben seit Bismarck?

Deutsche Historiker waren oft Legitimationsbeschaffer deutscher Politik. Erst der Fürsten, für die sie Stammbäume erforschen mussten – wegen der Erbschaftsansprüche. Dann der Nation – wegen deren Vorrangstellung vor anderen Nationen. Dann der demokratischen Parteien wegen der Lehrstühle, die parteipolitisch verpflichtete Kultusminister in den Ländern zu vergeben hatten. Schlechte Geschichtswissenschaft ist dabei nicht herausgekommen, wohl aber ist die Geschichtsschreibung unterwegs auf der Strecke geblieben. Gewiss, es gibt bedeutende Ausnahmen. Aber wird Leopold von Ranke noch gelesen? Oder irgendein Historiker vor ihm? Wird Schiller als Geschichtsschreiber noch gelesen? Kein Zweifel: Bei den Geschichtsschreibern sind Engländer und Franzosen besser. Nicht erst seit heute, aber heute besonders.

Die gewichtigste und am weitesten verbreitete Hitler-Biografie stammt von einem Journalisten, der nie ein historisches Seminar von innen gesehen hat: Joachim Fest. Von den Historikern liest man Engländer, zuletzt Ian Kershaw. Im Gedenkjahr zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs machte der in Cambridge lehrende Christopher Clark mit seinem Buch zu 1914 Furore. Bei den Deutschen stach Herfried Münkler hervor, ein Politologe. Auch die beste Adenauer-Biografie hat ein Politologe geschrieben: Hans-Peter Schwarz.

Ein Geschichtsspektakel wie in Leicester bis in die Kirche hinein wäre bei den Deutschen unmöglich. Dafür sind sie von ihren Historikern zu moralisch erzogen worden. Das ist gut, solange Moral mit Demut einhergeht. Aber schlecht, wenn moralisches Selbstbewusstsein sich mit Hochmut verbindet.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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