Höchste Zeit

Rücktritt Sehr spät ist Christine Haderthauer zurückgetreten. Lange hatte sie doppelt Hilflose ausgenutzt. Schon bei Bekanntwerden dieser Tatsache war sie nicht mehr zu halten
Ausgabe 36/2014

Christine Haderthauer ist vom Amt der Chefin der Staatskanzlei in Bayern zurückgetreten. Reichlich spät, muss man sagen. Den schönen Urlaub in Schleswig-Holstein hat sie sich durch den Schritt nicht verderben lassen. Die Unschuldsvermutung muss nun auch im Fall der ehrgeizigen Ministerin gelten, wird eilig angemahnt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch.

Hier ist einem Irrtum, einer Fehlbeurteilung entgegenzutreten. Richter in Deutschland haben viel zu sagen. Aber sie sind nicht die Einzigen, die über den Rücktritt eines Politikers zu befinden haben. Es gibt einiges, wodurch sich eine Person derart diskreditieren kann, dass sie für ein hohes Amt, ein öffentliches Amt unmöglich ist. Der Weg aus einem Staatsamt ins Privatleben muss nicht in jedem Fall über den Knast führen.

Das, was Frau Haderthauer vorgehalten wird, ist völlig unbestritten, da ist keine Anklagebehörde mit auch nur einem einzigen Blatt Aktenpapier dazwischen. Der Ehemann der CSU-Politikerin hat als Gefängnisarzt psychisch kranke Schwerststraftäter – darunter ein Mörder – für sich arbeiten lassen. In der Haft haben sie erstklassige Modellautos hergestellt, die eine von der Familie Haderthauer geleitete Firma zu exorbitanten Preisen verkaufte. Für die Modelleisenbahn-Platte von Horst Seehofer wären die Stücke viel zu teuer gewesen.

Der Arzt und Gatte Hubert Haderthauer hat darin eine therapeutische Praxis gesehen. Damit mag er sogar recht haben. Die Ministerin hat noch vor kurzem das Unternehmen als „idealistisch“ gerühmt. Das ist ein Hohn. Die Familie Haderthauer hat sich an Gefangenen bereichert. Dass der Arzt als Wohltaten Einladungen in Restaurants bei Freigängen spendierte, macht nichts besser.

Die Modellbauer bekamen einen lächerlichen Lohn. Sie konnten nicht mehr fordern, sie konnten den Arbeitgeber nicht wechseln, sie waren ihm – dem für sie zuständigen Arzt – ausgeliefert. Und bei der Familie Haderthauer klingelte die Kasse. Dabei ist unerheblich, wann die Politikerin ihr Mitwirken sein ließ. Lange genug war sie dabei, doppelt Hilflose – als Gefangene und als Kranke – auszunutzen. Schon bei Bekanntwerden dieser Tatsache war sie nicht mehr zu halten.

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