Stimme einer Epoche

Nachruf Mit Hans-Ulrich Wehler verbinden sich zwei Epitheta. Er war der Vater der Gesellschaftsgeschichte, und er war der Doyen der Historiker in der Bundesrepublik
Ausgabe 28/2014

Deutschland wird, seit man von Deutschland sprechen kann, nicht durch Grenzen definiert, sondern aufgrund von Gedanken. Hierzulande stehen Historiker seit langem schon in dem Ruf, Legitimationsbeschaffer für unser Selbstgefühl zu sein. Der Jüngste, der diese Rolle perfekt ausfüllte, Hans-Ulrich Wehler, ist jetzt im Alter von 83 Jahren gestorben.

Mit Wehlers Namen verbinden sich zwei Epitheta. Er war der Vater der Gesellschaftsgeschichte, und er war der Doyen der Historiker in der Bundesrepublik. Gesellschaftsgeschichte formte er in der Orientierung an amerikanischen Gelehrten. Wehler gehörte jener Generation an, die in den Fünfziger Jahren entschlossen daran ging, dort, wo sie tätig war, alles neu zu machen. Geprägt von Leuten, die in den Jahren der Nazi-Diktatur Karriere gemacht hatten, und den Umständen unterworfen, nicht unabhängig genug, sich von ihnen zu lösen, setzten sie, sobald es ging, ihre eigenen Ziele und Methoden mit großer Energie durch.

Für die 68er gehörten sie damit oft zum alten Schlag. Wehler war seinem Lehrer Theodor Schieder treu geblieben, aber die Geschichtswissenschaft, die er zumal an der Reformuniversität Bielefeld seit 1971 prägte, hatte mit dem, was Schieders Generation getrieben hatte, nichts mehr zu tun. Gesellschaftsgeschichte war Geschichte nach dem verordneten Gusto eines Landes, das fortan eine Gesellschaft, aber keine Nation mehr sein wollte und sollte. Dafür kämpfte Wehler.

Er kämpfte wirklich. Er war hart in seinen Urteilen über andere und emphatisch, wo er zustimmte. Als Autor und Rezensent ging es ihm weniger darum, was richtig war oder nach Lage der Forschung für richtig gelten musste, sondern darum, was die Gesellschaft als richtige Einsicht weiterbringen konnte. In seiner vermutlich letzten Publikation lobte er maßlos das Buch eines jungen Kollegen über den Ersten Weltkrieg, nutzte aber die Hälfte der Rezension, um die erfolgreichen Autoren Clark und Münkler niederzumachen, weil bei ihnen die sakrosankten Auffassungen von Fritz Fischer schlecht wegkamen. Hans-Ulrich Wehler war eine Epoche, diese Epoche wird auch in ihm erkannt und von Historikern zu analysieren sein.

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