Lest Thukydides!

NSA Was uns der Peloponnesische Krieg über den Abhörskandal und die deutsch-amerkanischen Beziehungen lehrt
Ausgabe 44/2013
Lest Thukydides!

Foto: Sean Gallup/ AFP/ Getty Images

Auch Weltmächte können sich nicht alles erlauben. Als auf dem Höhepunkt der Macht Roms Gallien in einem langen und grausamen Krieg erobert wurde, runzelten einige Beobachter skeptisch die Stirn: Das kann nicht gut ausgehen. Und richtig – knapp 500 Jahre später ging das Römische Reich unter.

Bei den deutsch-amerikanischen Beziehungen freilich schauen Beobachter aktuell mehr auf die nächsten fünf Jahre. Oder, noch zutreffender: auf die nächsten vier. Wenn die Sozialdemokraten bei den nächsten Bundestagswahlen Angela Merkel als Kanzlerin ablösen wollen, was immerhin möglich ist, möchten sie gute Verhältnisse im Umgang mit den USA vorfinden. Spätestens dann werden sie über die Beziehungen zwischen einer Weltmacht und einer Regionalmacht ganz anders denken, als das derzeitige Gezeter vermuten lässt.

Da hat sich seit der Antike wenig verändert, und für das Verständnis der internationalen Politik ist Thukydides immer noch eine nützliche Lektüre. Athen machte im attischen Seebund mit den dazugehörenden Städten, was es wollte, und nicht jeder, der an einer von der jeweiligen Opposition angetriebenen Renitenz Freude hatte, durfte erleben, wie Athen selber besiegt wurde.

Die Europäer, darunter vielleicht wirklich am meisten die Deutschen, haben Grund, an ihre amerikanischen Partner vorwurfsvolle Worte zu richten. Sie haben aber auch Grund, sich klar zu machen, dass sie mehr nicht tun können. Sie haben keinen Einfluss auf die Zusammenarbeit der US-amerikanischen Regierung mit ihren Geheimdiensten. Das schließt die Rolle des US-Präsidenten mit ein.

Nichts an den bisher auffällig gewordenen Abläufen ist überraschend. Wenn es eine Technologie gibt, mit der jeder überall auf der Welt mit jedem überall kommunizieren kann, dann kann auch jeder überall und in welcher Absicht auch immer sich da reinschalten. Und er wird es tun, wenn es nützlich und mit Bestrafung wegen Verstoßes gegen irgendwelche Rechte nicht zu rechnen ist. Wenn daraufhin ein Geheimdienst Hunderttausende von hochqualifizierten Leuten anstellt, um die technischen Möglichkeiten zu nutzen, ist es natürlich, dass das nicht verborgen bleibt. Die Motive des Whistleblowers Edward Snowden gehören zur Ausstattung zivilisierter Staaten wie die Begabung, Computer zu hacken.

Wenn die abgehörte Kanzlerin naiv war, beweisen ihre angeblich empörten Kritiker ihre Naivität jetzt. Was soll ein Untersuchungsausschuss des Bundestages ohne die zuständigen Beamten der amerikanischen Administration, am besten der NSA? Man wünscht Snowden als Zeugen in Berlin zu haben, möchte ihm Asyl gewähren. Sehr schön gedacht. Aber wer soll ihn hier schützen? Brave Polizeibeamte, vielleicht das SEK, gegen Kommandoeinheiten von der Art, wie sie in Pakistan Osama bin Laden töteten? Eine Entführung könnte gelingen, und wieder dürfte Präsident Obama auf seinem Fernsehsofa im Oval Office der Live-Übertragung im Kreis der Seinen zuschauen. Undenkbar? Wer weiß das?

Präsident Putin könnte sagen: „Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich euren Wunsch, Snowden in Berlin zu haben, erfüllen will. Ich schicke ihn hin unter Bedeckung durch 200 schwer bewaffnete Elitesoldaten. Dann kann der Untersuchungsauschuss in unsere Botschaft kommen und Snowden befragen. Zu trinken wird es auch einiges geben.“ Nur: Wer will denn so was?

Was also könnte man tun? Man könnte versuchen, mit den anderen Europäern ebenfalls riesige Abhörkapazitäten zu schaffen. Man könnte aber auch sagen, Teilnahme an Telekommunikationsprozessen kostet Geld. Alle Bürger zahlen anstandslos, also müssen die Abhörer auch zahlen. Millionenfach.

Jetzt schnell sein!

der Freitag digital im Probeabo - für kurze Zeit nur € 2 für 2 Monate!

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen