Wo die List der Unvernunft regiert

Wandel Bisher galt Münster als Hochburg der CDU. Doch jetzt verweigert die Stadt dem Katholikentag plötzlich die Unterstützung. Ist das ein Wendepunkt?
Ausgabe 15/2015
Immer noch eindrucksvoll; trotzdem wird Münster heute nicht mehr durch seinen Dom charakterisiert
Immer noch eindrucksvoll; trotzdem wird Münster heute nicht mehr durch seinen Dom charakterisiert

Foto: Rüdiger Wölk/Imago

Was ist los, wenn eine Stadt wie Münster in Westfalen sich weigert, einen Zuschuss zu den Kosten des Katholikentags zu leisten? Erosion des katholischen Milieus? Ein kommunalpolitischer Betriebsunfall? Oder sind die Münsteraner verrückt geworden?

Über viele Generationen hinweg galt in Westdeutschland die Steigerung: schwarz – Paderborn – Münster. Und Köln und Aachen sind nicht weit. Ist Münster nicht mehr schwarz? Sicher ist: Münster hat sich verändert. Münster wird nicht mehr durch seinen Dom, die Lambertikirche und andere Gotteshäuser charakterisiert, sondern durch die Universität sowie den Tatort. Aber die Universität ist etwas älter.

Vor 40 Jahren war es noch so, dass mitleidig belächelt wurde, wer zum Studieren nach Münster ging. Münster galt als langweilig und die Hochschule als Arbeitsuniversität, gut genug zum Examenmachen. Erst in den 60er Jahren öffneten Wirtshäuser auch am Sonntag. Das Studentenviertel bestand aus einer 100 Meter langen Gasse mit drei, später vier Kneipen. Die Studierenden, damals schon sehr viele, verteilten sich über die ganze Stadt, in der es allerdings traditionell viele Kneipen gab, auch solche mit einigem Ruf. Aber dann begann die Erfolgsgeschichte. Die Universität wurde immer größer. Die Schönheit der Stadt – im Krieg total zerstört, aber rasch und mit viel Liebe wiederaufgebaut – sprach sich herum. Münster zog Studenten an, statt sie Bochum, Dortmund oder Bielefeld zu überlassen. Nicht alle Studenten reüssierten. Die es nicht taten, blieben da und bildeten eine missgelaunte Bevölkerungsschicht. Zu dieser stießen auch Lehrkräfte, die sich nicht nach Gebühr anerkannt wähnten. Die Menschen in der Stadt wurden andere, der alte katholische Kern geriet ins Hintertreffen.

Zuletzt reichte es noch, um in direkter Wahl den Oberbürgermeister von der CDU zu wählen. Aber im Rat der Stadt haben Sozialdemokraten, Grüne und Linke die Mehrheit. Und die wollen angesichts des Schuldenstands der Kommune nicht 1,6 Millionen Euro für die Katholiken berappen. Nun kann man sagen, die Kirche ist reich genug, auch das Bistum Münster. Das trifft es aber nicht.

Der Katholikentag ist kein Kirchentag. Den haben die Evangelischen. Der Katholikentag hat mit den Bischöfen nichts zu tun, auch wenn diese ihm nicht die kalte Schulter zeigen können. Der Katholikentag ist eine Laienveranstaltung und agiert oft genug zum Verdruss der sogenannten Amtskirche. Für Gläubige ist das nicht wichtig. Politisch regiert die List der Unvernunft. Die Dummen schwächen die Falschen.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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