Zum letzten Arbeitstag des Papsts

Kolumne In seiner Heimat war Benedikt XVI. unbeliebt. Warum eigentlich?

Die vergangenen Tage haben wie im Zeitraffer wiederholt, was Papst Benedikt XVI. in den acht Jahren seiner Amtszeit widerfahren ist. In vielen Teilen der Welt, vor allem aber in Italien, wurde er mit großer Zuneigung bedacht. In Deutschland wurde zumeist an ihm herumgemäkelt. Nun könnte man sagen: Der Prophet gilt nichts im eigenen Vaterlande. Aber das trifft es nicht. In Bayern, der Heimat Joseph Ratzingers, war er auch als Papst sehr beliebt, und das hat zwar auch – wie stets in Bayern –, aber eben nicht nur mit Folklore zu tun.

Es hat mehr damit zu tun, dass viele Deutsche sich immer noch gern als Nabel der Welt sehen. Sie halten es für die Spitze des Fortschritts, in der Anrede den Unterschied zwischen unverheirateter und verheirateter Frau abzuschaffen, und es stört sie nicht, wenn Engländer, Franzosen und andere da nicht mitziehen. Besonders gern marschieren sie voran, wenn es um Fragen der Religion geht, schließlich ist Deutschland das Mutterland der Reformation. Hierzulande gehört man erst dazu, wenn man dagegen ist. Das treibt nicht wenige Laienkatholiken zum Engagement. Wer zur Bewegung Wir sind Kirche gehört, muss immerzu ablehnende Positionen beziehen, etwa zum Zölibat. Aber es ist nicht bekannt, dass bei den Evangelischen, seit dort Frauen den Gottesdienst leiten dürfen, die Kirchen überfüllt wären. Und die Bischöfin Käßmann war doch wohl eher ein Popstar als eine spirituelle Bereicherung.

Der Grund für die zuweilen heftige Aversion gegen die katholische Kirche in Deutschland dürfte darin liegen, dass ihre übergroße Präsenz in krassem Gegensatz zu ihrer Machtlosigkeit liegt. Machtlosigkeit verzeiht das Volk nie. Die Präsenz wird gemeinhin mit einem moralischen Anspruch begründet. An dem schien lange Zeit nicht zu rütteln zu sein. Und dann kam der Missbrauchsskandal. Nähme man die Talkshows im deutschen Fernsehen zum Maßstab, würde der Heilige Vater vor allem deswegen in Erinnerung bleiben.

Die Missbrauchsfälle dürfen gewiss nicht klein geredet werden, aber man darf das Thema auch nicht um sein Maß bringen. Zur selben Zeit nämlich, da in der Öffentlichkeit die katholischen Einrichtungen gerne als ein Eldorado für Päderasten hingestellt wurden, werden Jahr für Jahr die katholischen Privatschulen mit Anmeldungen überschüttet. Und es sind nicht nur Katholiken, die ihre Kinder dort hinschicken.

Ein anderes Dauerthema sind die leeren Gotteshäuser an Sonntagen. Die gibt es zwar, aber es gibt eben auch das Gegenteil. In Berlin-Wilmersdorf, politisch fest in rot-grüner Dominanz, sind in der Ludwigskirche von vier Eucharistiefeiern pro Sonntag zwei überfüllt und zwei gut besucht. Zu den exzeptionellen Feiertagen: Wenn alle die, die Sonntag für Sonntag in die Ludwigskirche gehen, zu Weihnachten an der Christmette oder am Hochamt teilnehmen wollten, müsste die Kirche dafür mehr als dreimal so groß sein.

Tatsächlich sind die Verhältnisse in Deutschland so normal, wie es die Bedingungen mit sich bringen, an denen die Kirche unschuldig ist,im Guten wie im Bösen. Friedenszeiten, Zeiten des Wohlstands, waren und sind keine Zeiten, in denen die Leute sich Gott zuwenden. Dort, wo wenig Kinder geboren werden, wachsen in den Familien weniger Söhne auf, die den Weg zum Priesteramt wählen. Wir alle kennen die Gründe, weshalb die Kirchen in den 20 Jahren nach 1945 besonders viel Zulauf hatten. Wir wollen sie nicht wiederhaben.

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 9/13 vom 28.02.20013

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