Rechte im Rathaus

Verbindungstreffen Meine Eindrücke vom Stiftungsfestkommers der Landsmannschaft Sorabia-Westfalen im Rathaus Münster am 29.10.2016, die ich so zu verarbeiten versuche.
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„Deutschland, Deutschland über alles“ – so dröhnte es gestern Abend durch den Rathaussaal im Zentrum von Münster. 250 laute Männerstimmen, die ihre Sicht der Dinge unter dem Deckmantel traditionsreicher Lieder in die Welt hinausposaunen. Das wenig abwechslungsreiche Vokabular der lustigen Liedchen macht den Kern der Aussage schnell deutlich. Hier ein „Brüder auf, erhebet die Klingen“ und dort ein kleines „Hoch, Germanias Klingen“… Da hat wohl jemand Bock zu fighten. Aber nicht nur so „Ich bin in einer 300 Jahre alten Studentenverbindung und singe der Tradition wegen diese bescheuerten Lieder“- mäßig sondern ganz in echt. Diese Verbindung (übrigens die älteste Studentenverbindung der Welt) gehört zu den „pflichtschlagenden“ Verbindungen. Das heißt, dass sich die Mitglieder alle Jahre wieder mit denen anderer Studentenverbindungen treffen, um sich mit scharfen Waffen zu zeigen, wer hier die dickeren Eier hat. Und dass die das jetzt schon seit 300 Jahren machen, wurde gestern hochfeierlich begossen.
Zuerst marschieren die „Herren Chargierten“, also die Führung der Verbindung ein. Sie zücken ihre Degen und gucken voll ernst. Die Drumherumstehenden haben ihre Smartphones schon rausgeholt und filmen das Spektakel. Sie gehören mit zur „Aktivitas“, also zu denen, die tatsächlich noch studieren. Dann gibt es noch die „Altherren“, die schon berufstätig sind – die Verbindung ist auf Lebensbundprinzip. „SILENTIUM!“ brüllt ein kahlköpfiger Mann ins Mikro. Erster Programmpunkt des Abends: „Den Gefallenen gedenken“. Nachdem der bedrückende Teil abgehakt war, konnte die Party gestartet werden. Das erste Lied des Abends, „In allen guten Stunden“, besteht aus fünf Strophen. Nach jeder Strophe wird kurz pausiert, um die Anwesenden Gruppierungen zu begrüßen und angemessen zu ehren. Exemplarisch erfolgt das so: der Kahlkopf sagt, ihm sei es „eine große Freude und ein besonderes Vergnügen“ die Vertreter vom Münsteraner Waffenring (ersetzbar durch andere Freunde & Förderer der Verbindung) zu begrüßen. Dann befiehlt er allen vom „Aktivitas“, zur Ehre der Gäste einen „Ganzen“ zu trinken. Das ist ein kleines Bier. Die Aktiven schütten sich also stolze 1,5 Liter Bier in den ersten 10 Minuten der Veranstaltung rein und finden alles was danach kommt dementsprechend wahrscheinlich totaaaaaal supi und ober funny.
Ich sitze in der hintersten Ecke des Festsaals, dort wo ich eben hingehöre. IMMERHIN BIN ICH EINE FRAU. Hier gilt nämlich noch die gute alte Geschlechtertrennung. Von meinem Platz aus sehe ich die Bühne nicht, wenn ich aufstehe kann ich den Glatzkopf erahnen. Es liegen gute 30 Meter zwischen mir und dem Geschehen. Für die Fotos dürfte ich aber auch mal zu den Männern rüber, wurde mir auf meine Nachfrage hin gesagt. Ich fühl mich voll komisch. Soll ich dann jedes Mal durch den kompletten Saal zur Bühne laufen? Dann glotzen mich die ganzen Besoffskis ja alle voll an. Die Frauen um mich herum sind alle superschick angezogen, es gibt einen Tisch nur mit Omis, die die Lieder mitsingen und auf den Tisch klopfen, wenn die Herren das tun. Ich sitze an einem Tisch mit jüngeren Frauen, die sich nach der dritten Runde „Ganze“ aufzuregen beginnen. Das wäre nicht normal, heißt es. So viel würde da sonst nie gepient. Sie sorgen sich um den raschen Alkoholkonsum ihrer Freunde und Ehemänner. Ich komme mit ihnen ins Gespräch. Die Eine: „Ist schon ganz schön mutig von der Zeitung, hier eine Frau hinzuschicken“. ÖÖÖÖHM. Kurz überlegen... „Ich glaube, für die Berichterstattung ist das Geschlecht egal“. Oh man, ist das awkward. Ich frage, ob das nicht komisch wäre hier so getrennt zu sitzen. Nein, gestern habe es ja einen Galaabend gegeben und da hätten sie auch gemischt. Von daher geht das dann. Sie erzählt, dass die Verbindung im Moment keine Probleme habe, neue Studenten zu finden… das habe auch schon einmal anders ausgesehen. Ich will wissen, was die Voraussetzungen sind, um in die Verbindung eintreten zu dürfen. Man müsse nur ein „unbescholtener“ Student sein, erklärt sie. Die Verbindung wäre traditionell unpolitisch und nicht religiös, also könnte eigentlich jeder mitmachen. Ohne dass ich etwa antworte beginnt sie, sich zu verteidigen. „Also hier sind keine Rechten. Aber der Rechtsstaat wird bei uns hochgehalten“.
Zwischen den Strophen des nächsten Lieds treten verschiedene Männer ans Rednerpult. Die Landsmannschaft Brandenburg, deren Vertreter sich etwas absolut Geniales überlegt hat. Er lässt die letzten 300 Jahre Revue passieren. Welche Ereignisse er dabei rauspickt, ist so herrlich random. Vom Verschenken des „einmaligen Bernsteinzimmers“ durch Friedrich Wilhelm den I. im Jahr 1716 über 1946: „Schleswig-Holstein wird Deutsch“. Zwischendurch wird noch das Jahr 1966 eingeworfen, in dem sich ein Beluga-Wal in den Rhein verirrte (HÄÄ?!). Schließlich sind wir im Jahr 2016 angekommen. „Ein neues Sexualstrafrecht wird eingeführt“. Hier appelliert der Redner ganz konkret an seine anwesenden „Brüder“: „Nehmt euch in Acht, man lebt gefährlich mit diesem Gesetz“. Ich sitze da und kann das langsam alles nicht mehr so richtig glauben. Ein leises „Wie bitte?“ kann ich nicht verhindern. Die Frauen um mich herum gucken mich verwirrt an. Ich will einfach nur noch weg hier.
Das große Finale der ganz und gar unpolitischen Veranstaltung folgt zugleich. Der „Festredner“ der Veranstaltung ist Klaus-Peter Willsch, CDU-Politiker und Bundestagsabgeordneter. Titel der Rede: „Von Rettern und Rebellen“ – genauso heißt ein Buch des Politikers, das im letzten Jahr erschienen ist. Co-Autor: Thilo Sarrazin. Was folgt, ist offene Kritik am Euro. Es geht um Griechenland. „Wer heute die Bildzeitung gelesen hat, hat gesehen, dass bald der vierte Rettungsschirm für Griechenland ansteht“. Die Krise wird simpel runtergebrochen und mit bekanntem Vokabular erklärt, sodass es auch der letzte Holzkopf versteht. „Wenn jemand deinen Deckel in der Kneipe bezahlt, ist es wahrscheinlich, dass man mehr trinkt als man zahlen kann“. Ahh ja, das macht Sinn. Zustimmung, Applaus, Zurufe. Als ich merke, dass ich auch hier kein einziges sinnvolles Zitat für meinen Artikel herausspringen wird (die Festrede war bis dahin meine letzte Hoffnung) nehme ich meine Jacke und stehe auf. Die Frau, die mich vorher in die Basics der Verbindung eingeweiht hat, guckt mich an und fragt: „Reicht‘s ihnen?“. Ich nicke. „Bitte schreiben sie nichts zu Gemeines“ … Als ich mich nochmal umdrehe, sehe ich wie die Damen nun auf einmal ganz angeregt diskutieren. Ich nehme die letzte Stufe der Treppe des Rathauses und stehe wieder auf dem belebten abendlichen Prinzipalmarkt. In diesem Moment schwanke ich zwischen flennen und schreien.

20:04 15.11.2016
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