Auf der Suche nach dem Schuldigen

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Dieser Beitrag versteht sich als Versuch, die Piratenjagd von Michael Schneider in der Printausgabe des Freitag etwas zu unterfüttern: wer genau ist da eigentlich Schuld an den Verheerungen des Kapitalismus? Braucht es tatsächlich ein "internationales Tribunal für Großspekulanten? Oder müssen wir vielleicht sogar in noch größeren Dimensionen denken?

Es ist eine der unangenehmen Eigenschaften des Kapitalismus, das er einfach nicht macht, was die Menschen von ihm wollen. Zwar ist es unzweifelhaft richtig, das er von den Menschen gemacht wird – und das Tag für Tag -, doch ändert diese simple Tatsache nichts daran, das sie nicht wissen, was sie da tun. Alle versuchen günstig zu kaufen und teuer zu verkaufen – und am Ende passiert irgend etwas. Etwas, das niemensch von denen, die da gekauft und verkauft haben, vorher gewollt hätte.

Menschen im Kapitalismus sind Warenmondaden. Das macht sie einerseits zu Arbeitstieren und andererseits KonsumentInnen. Als KonsumentInnen wollen sie möglichst viel Waren für möglichst wenig Geld einkaufen. Als Arbeitstiere wollen und müssen sie ihre Arbeitskraft verkaufen und dafür möglichst viel Geld kriegen. Allerdings sollten nicht alle viel Geld kriegen, denn dann werden ja die Waren teurer und sie selber können weniger davon in den Einkaufswagen stellen. So werden die Menschen – zu allem Überfluss – auch noch in Konkurrenz zueinander gesetzt. Alle gegen jeden – das ist die fundamentale Grundlogik des Kapitalismus. Um zu gewinnen, musst Du gut sein. Was nicht damit verwechselt werden sollte, das alle die, die auch wirklich gut sind, am Ende gewinnen.

Dies stete Gegeneinander wird ergänzt um die allseitige Abhängigkeit aller voneinander. Die Menschen, die über die produzierten Waren ihre Arbeitszeiten miteinander vergleichen, verwandeln durch diesen Vergleich ihre Autonomie in Unterordnung: nicht sie machen durch ihr Handeln diese Gesellschaft, sondern die Gesellschaft ordnet sich die Einzelnen und deren Handlungen unter. „Sie wissen es nicht, aber sie tun es“, bemerkte Marx.

Der allseitig begrenzte Geldbeutel der KonsumentInnen etwa bringt sie dazu, auf dem Markt stets das günstigste Produkt zu erstehen. Weshalb günstige Produkte sich besser verkaufen. Und so beginnen die Unternehmen, bedacht darauf, nicht vom Markt verdrängt zu werden, ihre Produktion zu rationalisieren. Immer mehr Arbeitstiere werden durch Maschinen ersetzt. „Bei Strafe des Unterganges“, wie schon Engels wusste.

Das geht solange gut, wie immer mehr und immer neue Produkte hergestellt und verkauft werden können. Wenn allerdings die technische Entwicklung derartige Sprünge macht, das in der Masse die kapitalistisch Überflüssigen nicht mehr in neuen Bereichen der Produktion unterkommen können – dann ist Schluss mit lustig. Dann ist es möglich, mit so wenig Arbeitskräften alle benötigten Waren herzustellen, das nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung schlichtweg nicht mehr benötigt werden. Nicht einmal zu dem, was einstmals Industrielle Reservearmee hieß, taugen sie dann noch.

Unglücklicherweise beruht der Kapitalismus nun aber nicht darauf, Menschen mit Gebrauchsgegenständen zu überschütten. Das wäre schön, ist aber leider nicht so. Nützlichkeit ist schlichtweg kein Kriterium, das hier zählt. Gesellschaftlich anerkannt wird der Reichtum nur dann, wenn er sich als Verausgabung von Arbeit darstellen lässt. Das ist im Laufe der aktuellen Krisenprozesse auch denen, die dies niemals wahrhaben wollten, wieder bewusst geworden. Was aber Tun, wenn Arbeit mehr und mehr überflüssig wird? Lohnt es sich in diesem Fall überhaupt, noch in das zu investieren, was gemeinhin als „Realwirtschaft“ gilt?

Wir haben in den letzten Monaten feststellen können: es lohnt sich nicht. Stattdessen wurden die wildesten Möglichkeiten ersonnen, die selbstzweckhafte Vermehrung von Euros zumindest virtuell am Laufen zu halten. Daher rührt das Phänomen, das Heute als „Abheben der Finanzmärkte“ bekannt ist: zuerst wurden die in die Produktion investierten Werte virtuell verdoppelt: sie wurden als Wertpapiere an die Börsen verwiesen und konnten dort – relativ unabhängig von den realen Werten, die sie repräsentierten – ihren Preis je nach gesamtgesellschaftlicher Psychologie mal erhöhen und mal senken. Das ist es, was Marx als „fiktives Kapital“ bezeichnet hat.

Dieses fiktive Kapital ist von vornherein zumindest relativ unabhängig von der Entwicklung in der Produktion. Doch mittlerweile haben wir eine Situation erreicht, in der sich die Verhältnisse geradezu auf den Kopf gestellt haben: würden nicht von den Gewinnen, die die halsbrecherischen Finanz-Stunts des fiktiven Kapitals abwerfen hier und da ein paar Euros wieder benutzt, um via Luxuskonsum die Produktion anzuheitzen, dann wäre da noch totere Hose, als das ohnehin schon der Fall ist.

Es ist also weniger die unersättliche Gier Einzelner, als vielmehr die irre Logik des Kapitalismus als solchem, der wir die Verwüstungen zu verdanken haben, die das Finanzkapital überall zu hinterlassen scheint. Wenn durch Transaktionen an der Rohstoffbörse in Chicago die Getreidepreise in die Höhe schnellen, dann lag es keineswegs im Interesse der MarktteilnehmerInnen, in den Slums von Rio für Unterernährung zu sorgen. Sie folgen lediglich einer gesellschaftlichen Logik – wenn auch zugegebenermaßen einer Perversen.

Warum das Handeln der SpekulantInnen nicht „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ eingestuft würde, fragte Michael Schneider im Freitag und ergänzte: „Sind solche Verbrechen nur deshalb keine Verbrechen im juristischen Sinne, weil sie die Folge anonymer ökonomischer Handlungen sind und die Täter an der Chacagoer Rohstoffbörse scheinbar in keinerlei Beziehung zu ihren Opfern in den brasilianischen Favelas stehen?“

Wir sehen nun: die Anklage geht an die falsche Adresse. Nicht der Broker an der Rohstoffbörse gehört vor Gericht geschleift, sondern der Kapitalismus als solcher. Der widerrum ist leider ein gesellschaftliches Verhältnis und lässt sich als solches nur sehr schlecht verklagen. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf das Kapitalverhältnis: der Staat ist allem Anschein nach nicht das Mittel der Wahl, um es loszuwerden. Dazu braucht es schon mehr. Menschen etwa, die selbstbewusst und selbstbestimmt ihr Leben nach ihren Interessen einrichten – ohne länger der selbstzweckhaften Bewegung von Arbeit und Geld zu folgen.

Damit wäre die Suche nach dem Schuldigen beendet. Wer es ist: Du. Und ich. Wir alle. Dumme Sache. Darum: weg damit!
15:37 07.02.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Juli

Emanzipatorisch, Dreigeschlechtlich und Fünfbeinig. Weniger Arbeiten, mehr auf dem Wasser liegen
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 5