Beeindruckende Forschung: Alles Natur

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Viel wird in den letzten Wochen und Monaten über die Ursachen der Wirtschaftskrise spekuliert. Doch nicht genug damit, dass die Schuld immer wieder dem individuellen Fehlverhalten einzelner gegeben wird. Immer wieder können wir auch von sog. „wissenschaftlichen“ Untersuchungen lesen, die die Schuldigen ganz eindeutig festzumachen in der Lage sind: unsere Gene.

Die Psycholog*Innen Camelia Kuhnen und Joan Chiao von der Northwestern-University hat unlängst eine Studie veröffentlicht, mit der die Neigung zur Zockerei durch Genvariationen erklärt wird. Es handelt sich dabei um „zwei Genvarianten, die die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin regulieren. Um die Wirkung der Gene untersuchen zu können, wurden den Versuchspersonen Geldscheine in die Hand gedrückt, die diese mehr oder weniger riskant investieren konnten. Damit stellt sich nun heraus, dass ProbantInnen mit bestimmten Konstellationen von Genen weniger riskant investierten als die mit einem übrigen. Herauskamen unglaublich beeindruckende Werte von 25 bzw. 28% zusätzlicher Risikobereitschaft. (Heise / Spiegel)

Laurie Santos und Venkat Lakshminaryanan von der Yale-University lassen sich jedoch nicht lumpen und weisen in Verhaltenstests mit Kapuzineraffen nach, dass sich durchschnittliche Anleger*Innen noch immer ihren naturhaften Trieben verhaftet seien. Sie haben die Affen in einem umfangreichen Setting zwischen unterschiedlichen Entlohnungssystemen wählen lassen. Die Affen erhielten Münzen und sollten sie gegen Apfelstückchen tauschen. Zu Beginn gab es ein Apfelstückchen pro Münze, nach einer Weile sogar anderthalb. An einer Umtauschstation wurden den Affen jedoch zunächst zwei Äpfel gezeigt, um dann bei jedem zweiten Mal einen einzubehalten. Bei der anderen wurde einer gezeigt, der dann bei jedem zweiten Mal um einen weiteren erhöht wurde. Im Durchschnitt gab es es also überall gleichviele Äpfel, die Affen jedoch gingen zu der Station, an der sie nur einen Apfel sahen, aber von Zeit zu Zeit einen weiteren dazubekamen. Für die WissenschaftlerInnen ein klarer Fall: das fiktive Plus gleiche in diesem Fall der möglichen Wertsteigerung der Aktien im Depot, weshalb Anleger*Innen dazu neigen würden, ihre Aktien erst viel zu spät abzustoßen. (Süddeutsche)

Doch nicht nur an der Finanzkrise und dem irrationalen Verhalten der Akteur*Innen am Markt sind die Gene schuld. Letztlich, so belegen Studien, sei der gesamte Kapitalismus genetisch bedingt. Lachen Sie nicht, das ist doch ganz logisch, der Wirtschaftshistoriker George Clarke hat es bereits vor einiger Zeit der Süddeutschen Zeitung erklärt:

„Sie müssen den Tatsachen ins Auge sehen. Wir wissen, dass die englische Bevölkerung seit 1200 klaum anstieg. Deshalb konnte jede Familie im Schnitt kaum mehr als zwei Kinder haben. Der Mittelstand aber – große Bauern, wohlhabende Handwerker – hatte im Schnitt vier oder fünf Kinder, die überlebten. Die Armen hatten weniger als zwei Nachkommen. Der Adel konnte mit dem wohlhabenden Mittelstand auch nicht mithalten, wie ich in langjährigen Archivstudien feststellen konnte. Die zahlreichen Kinder dieser Reichen konnten aber nicht in ihrer Schicht bleiben, weil die Ressourcen nicht ausreichten – also stiegen sie sozial ab und verdrängten dort die Armen. Und mit ihnen breiteten sich die bürgerlichen Werte aus – etwa Tugend, Tüchtigkeit, geringe Gewaltbereitschaft, harte Arbeit, Sparsamkeit statt Konsum. Und erst die ermöglichten die industrielle Revolution.“ (Süddeutsche)

Damit erweist sich Clarke in gewisser Weise als antiimperialistischer Theoretiker. Denn in Indien und England habe es im 19 Jhd dieselben institutionellen Voraussetzungen gegeben, die Löhne seien wesentlich niedriger gewesen als in England und das Kapital hätte grenzenlos flotieren können. Der Aufstieg Englands lasse sich nicht durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen erklären – da muss schon die Biologie her.

Sagt der Wirtschaftshistoriker und fabuliert wild über genetische Veränderungen seit der Steinzeit. Mit dieser Selektion übrigens, so durften wir unlängst lesen, ist es jetzt auch vorbei. Der britische Biologe Steve Jones nämlich hat ganz nüchtern festgestellt, das die Menschheit dem guten, alten Darwin den Garaus gemacht habe. Die habe nämlich solch scheußliche Dinge wie Sozialstaat und Medizin hervorgebracht. Da könne dann eben nicht mehr, wie noch im Jahre 1200, das gute von dem bösen, das erfolgreiche vom unnützen Erbgut geschieden werden. Und genau dasselbe wiederholt sich nun gerade im Rahmen der Finanzkrise: anstatt gemäß dem survival of the fittest einfach die kranken Unternehmen auszusortieren, wird vehement versucht, sie zu retten. Das ist widernatürlich und verhindert, das sich die Spreu vom Weizen trennt. Damit jedenfalls wäre der Kreis geschlossen und wir erkennen, dass wir gegen unsere Gene einfach nicht ankommen. (Baz)

Lange Zeit übrigens habe ich überlegt, ob ich das kommentieren sollte. Aber was will mensch dazu sagen? Verwundern tut mich mir, dass es für solch einen Unsinn tatsächlich wissenschaftliche Stellen und Gelder gibt. Da fehlt es scheinbar an darwinistischen Selektionsmechanismen im Wissenschaftsbetrieb....

13:52 23.02.2009
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Geschrieben von

Juli

Emanzipatorisch, Dreigeschlechtlich und Fünfbeinig. Weniger Arbeiten, mehr auf dem Wasser liegen
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