Das Buch Hiob - Neuauflage

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Kennen Sie Hiob? Also den Typen, der immer die gleichnamigen Botschaften bekam? Er sollte auf die Probe gestellt werden ob seines Gottesglaubens. Gäbe es diese biblische Wundergestalt tatsächlich, so würde sie auch heute wieder in ihrem Glauben geprüft. Nicht Gott allerdings wird derzeit in Frage gestellt, sondern der Kapitalismus. Was kein großer Unterschied ist, da letzterer mit der Religion gemeinsam hat, ebenfalls eine Wahnvorstellung zu sein – allerdings eine, die nicht nur in den Köpfen der Menschen existiert, sondern durch ihre handgreifliche Praxis Realität geworden ist.

Hiob jedenfalls, da können wir uns sicher sein, bekäme des öfteren mal Besuch mit schlechten Nachrichten. Von Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel etwa würde dann mal vorbeischneien und verkünden: „So etwas hat es nach meiner Erinnerung noch nie gegeben. Es ist fast unbeschreiblich, was derzeit mit der Konjunktur passiert“ Der Herr Schneide allerdings käme kaum allein, sondern vermutlich in Begleitung von Kai Carstensen vom Münchener Ifo-Institut. „ Der Absturz der Produktion hat ein beängstigendes Tempo. Der Rückgang beschleunigt sich, es ist überhaupt keine Bodenbildung zu erkennen.“ Dritter im Bunde wäre vermutlich Gesamtmetall-Chefvolkswirt Michael Stahl: „Die Talsohle ist offensichtlich noch nicht erreicht“(faz) Ein paar Tage später käme dann EU-Industriekommissar Günter Verheugen nicht ganz zufällig mal bei Hiob vorbei. „Völlig neu sind Ausmaß und Geschwindigkeit der Krise.“ weiß er zu vermelden. (ftd) Und immer dann, wenn Hiob meinte, das sei doch alles gar nicht so schlimm wie allenthalben behauptet, erklärte ihm der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn in gewohnt grammatikfreier Art und Weise: „Die Leute, die da sagen, im Sommer geht es wieder aufwärts, das ist Blödsinn“. (FAZ)

Das alles wären tatsächlich keine leeren Worte. Um den Kapitalismus steht es derzeit nicht sonderlich gut – auch wenn sich nach wie vor alle an ihren Glauben klammern. Wäre Nietzsche zu Hiob gekommen und hätte ihm verkündet, Gott sei tot – wir wissen nicht, ob Hiob seinen Glauben verloren hätte. Die realexistierenden kapitalgläubigen Hiobs allerdings, sie beten weiterhin. Fest und unbeirrbar. Sicherlich, viele haben die Konfessionsrichtung gewechselt. Weniger Markt - mehr Staat, so können wir derzeit überall hören. Und das, nachdem jahrelang das Gegenteil gepredigt wurde.

Einige verwechseln das bereits mit Kapitalismuskritik. Davor wäre jedoch zu warnen. Der Staat ist für den Kapitalismus weniger der Teufel als vielmehr die Erzengel Michael, Gabriel, Raphel und Uriel zusammen. Ohne ihn liefe gar nichts. Nicht nur, das er Privateigentum und freien Warenverkehr zu garantieren hat – er hat auch die Aufgabe, in Krisenzeiten den Laden am laufen zu halten. Die Mär vom freien Markt ohne staatlichen Eingriff ist tatsächlich nicht mehr als ein Märchen. Auch in seinen Hochzeiten hat der Neoliberalismus nicht nur seine Reformvorschläge mittels staatlicher Autorität umgesetzt, er hat auch stets auf einen starken und handlungsfähigen Staat gesetzt. Hartz IV etwa war kein zurückdrängen des Staates aus der Sozialverwaltung, es war vielmehr eine Ermächtigung des Staates gegenüber den Arbeitslosen. Wenn das Leistungsprinzip, gemäß dem nur Essen soll, wer auch gearbeitet hat, durch die Produktivkraftsteigerungen der letzten Jahrzehnten schon nicht mehr realistisch umsetzbar ist, so soll es wenigstens simuliert werden. Nicht zuletzt, um den Glauben zu erhalten. Nichts gegen weniger Gängelung und mehr staatliche Transferleistungen, mitnichten. Aber Kapitalismuskritik wäre etwas anderes.

21:03 12.02.2009
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Geschrieben von

Juli

Emanzipatorisch, Dreigeschlechtlich und Fünfbeinig. Weniger Arbeiten, mehr auf dem Wasser liegen
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