Die Krise macht's möglich: Zelte statt Häuser

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Das Bild des Jahres 2008 zeigt einen Polizisten, der mit gezogener Waffe gerade eine zu räumende Wohnung durchschreitet. Durch die Immobilienkrise konnten Besitzer respektive Besitzerin die Raten an die Bank nicht mehr zahlen – und dann kam die Polizei.
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Aber was machen nun eigentlich die Menschen, die seinerzeit diese Wohnung als ihr zu Hause bezeichnen konnten? Die Wohnung selber wird vermutlich leerstehen, wie so viele geräumte Wohnungen dieser Tage. Viele der Betroffenen können kurzfristig bei Freund*Innen und Verwandten unterschlüpfen. Nicht wenige von ihnen landen jedoch früher oder später in einer der riesigen Zeltstädte, die an den Rändern vieler US-Städte derzeit das einzige sind, was noch ein veritables Wachstums aufweisen kann.
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Viele der Bewohner*Innen haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Wenn die Krise vorbei ist, dann finden sie bestimmt wieder einen Job, so die Hoffnung. Wenn. Irgendwann einmal. Bis dahin auf jeden Fall hausen sie Zelten – die bessergestellten in Wohnwagen. Nur ist hier nichts vom charmanten Flair mitteleuropäischer Bauwagenplätze zu spüren. Hier ist vielmehr die unsichtbare Hand des Marktes am Gange. Während die alten Wohnungen ungenutzt leerstehen, sind ihre ehemaligen Bewohnerinnen hier ungeschützt ebenso den neugierigen Blicken von Passant*Innen, Journalist*Innen wie dem Ordnungswahn des örtlichen Polizeidepartements ausgesetzt. Überhaupt sind die Behörden nicht gerade begeistert von den illegalen, oft etwas chaotisch und ungepflegt wirkenden Zeltstädten in ihrem Hoheitsbereich. Und so sind sie jetzt in Los Angeles etwa dazu übergegangen, die Zeltindustrie durch den Kauf schicker grün-weißer Polyesterzelte zu unterstützen. Die wurden dann ordentlich in gerade Reihen aufgebaut und dienen nun als Notunterkuft für das wachsende Heer der Wohnungslosen. Wahrlich eine Stadt der Engel!
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Die Ursache dieser Situation ist nun aber mitnichten eine ominöse Wohnungsnot. Laut dem US-Verband der Immobilienbroker stehen in den Staaten 3,7 Millionen Immobilien leer. Die könnten etwa den Menschen als Wohnung dienen, die während der 3,2 Millionen Zwangsräumungen des letzten Jahres wohnungslos geworden sind. Das alles wäre kein Problem. Es zwängt sich nur alles nicht mehr durch das Nadelöhr des Marktes. Der sorgt derzeit mit seinem unschlagbaren Preismechanismus für eine Fehlallokation nach der anderen. An Butterberge und Lebensmittelvernichtung in Europa bei gleichzeitigem Hunger im Trikont hatten sich viele bereits gewöhnt. Jetzt rückt das Elend näher. Ob das allerdings aufklärerische Wirkung haben wird, ist keinesfalls ausgemacht, ja nicht einmal wahrscheinlich.Wann also wird das Zeitalter beginnen, in dem die Menschen sich bewusst und kollektiv-solidarisch um ihre Belange kümmern, statt sich dem blinden Wüten marktwirtschaftlicher Ignoranz und staatlicher Gängelung auszusetzen?

10:24 11.04.2009
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Geschrieben von

Juli

Emanzipatorisch, Dreigeschlechtlich und Fünfbeinig. Weniger Arbeiten, mehr auf dem Wasser liegen
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