Mehr Stimmungshochhalter? - Doping im Arbeitsleben

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„Training in Unterwerfungskompetenz/mit Aussicht auf Laufburschenschaft“ - so fassten die Goldenen Zitronen im „Lied der Stimmungshochhalter“ das postmoderne Arbeits- und Prekaritätsregime zusammen. Um die Stimmung auf hohem Niveau zu halten, greifen die Lohnabhängigen mehr und mehr zu chemischen Hilfmitteln. Laut einer Studie der DAK haben 2 Millionen Beschäftigte bereits mittels Medikamenteneinsatz versucht, ihre individuelle Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz zu verbessern, fast die Hälfte von ihnen (0,8 Mio.) nimmt dopt sich in unschöner Regelmäßigkeit. Und nicht nur das:

„Immerhin jeder fünfte Arbeitnehmer hält die Einnahme von Medikamenten ohne medizinische Erfordernis für vertretbar, um die eigene Leistung im Job zu steigern. Etwa 20 Prozent der Befragten akzeptieren Stimmungsaufheller, um Stress und Konflikte am Arbeitsplatz besser aushalten zu können. Jedem fünften Arbeitnehmer wurden schon einmal leistungssteigernde und stimmungsaufhellende Medikamente ohne jegliche medizinische Notwendigkeit empfohlen. Die Empfehlungen gehen zumeist auf Kollegen, Freunde und Familienmitglieder, aber auch auf behandelnde Ärzte zurück: Jede dritte Empfehlung für ein aufputschendes Mittel kommt von Ärzten.“ (Ärztezeitung)

Besonders beliebt sind dabei Medikamente mit dem Wirkstoff Piracetam, das für gewöhnlich zum Einsatz kommt, um die Folgen krankheitsbedingte Demenzen abzumildern. Ebenfalls beliebt ist der Wirkstoff Methylphenidat, der bei Kindern zur Anwendung kommt, bei denen eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert wurde.

Die Ursachenforschung dürfte hier nicht sonderlich schwer fallen. Warum Menschen in Zeiten von zunehmendem Arbeitsstresses, der Individualisierung gesellschaftlicher Anerekennung und des Zugangs zu gesellschaftlichem Reichtum und darüberhinaus mieser werdenden Zukunftsaussichten sich aufputschen zu müssen glauben, können wir ebenfalls bei den Goldenen Zitronen nachhören: „Ich weiß, ich muss flexibel sein/nach Überprüfung der Unterwerfungskompetenz./Ich weiß, es liegt an mir allein.“

Der arbeitsbedingte Drogenkonsum weist zudem eine geschlechtsspezifische Komponente auf:

„Männer neigen eher zu aufputschenden und konzentrationsfördernden Präparaten, Frauen bevorzugen beruhigende Mittel gegen depressive Verstimmungen oder Ängste. "Männer frisieren ihr Leistungspotenzial - Frauen polieren ihre Stimmungen auf", kommentiert DAK-Chef Herbert Rebscher.“ (Ärztliche Praxis)

So spiegelt sich die gesellschaftliche Realität im Dopingverhalten der Arbeitsgeschädigten und offenbart nebenbei, das trotz zunehmender Erwerbstätigkeit von Frauen bestimmte Bilder von dem, was Mann oder Frau zu sein haben, nach wie vor wirken: Männer imaginieren sich als potente und aktive Leistungsträger, Frauen haben sich zu kümmern und gute Laune zu verbreiten. Das sich aus dem im Zweifel eine gesellschaftliche Hierarchie ergibt - sind doch die einen Fähigkeiten als höherwertig eingestuft als die anderen - muss nicht sonderlich erwähnt werden. Allen gemein ist allerdings, das sie sich den Anforderungen des freigelassenen Marktes zu unterwerfen haben. Was die Sache zugegebenermaßen nicht besser macht...

12:27 13.02.2009
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Geschrieben von

Juli

Emanzipatorisch, Dreigeschlechtlich und Fünfbeinig. Weniger Arbeiten, mehr auf dem Wasser liegen
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