Blättern im Blei

Früher Bevor Julia Seeliger Kolumnistin des „Freitag“ wurde, hatte sie die Zeitung abonniert. Für die Jubiläumsbeilage hat sie sich durch alte Ausgaben gewühlt
Blättern im Blei
Hallo Hegel: Dieser freundliche Kopf begrüßt die Freitag-Redaktion auf dem Weg zur Arbeit

Foto: Jürgen Ritter/Imago

Durch das winterliche Berlin, durch das Grau-in-Grau am Hegel-Kopf vorbei, dann geht es mit dem Freitag-Aufzug nach oben. Bei einer Zigarette erfahre ich, dass der Freitag früher Sonntag geheißen haben soll, die genauen Umstände bleiben im Dunkeln. Dabei hatte ich das Blatt mal im Abo! Eine kleine Zeitung im Berliner Format, die durch ihre Bleiwüstenernsthaftigkeit an die FAZ erinnerte. Schwarz, rot, oben eine Nummer, die die Woche anzeigte. Eine Ordnung, die mir gut gefiel.

Während meines Abos starb der Herausgeber Günter Gaus. Der Satz „Ich bin kein Demokrat mehr, doch ich stehe noch auf dem Boden der FDGO“ brachte mich so sehr zum Nachdenken, dass ich ihn dem vielleicht wichtigsten Artikel voranstellte, den ich je für die FAZ geschrieben habe. Dieser alte Freitag wird nun, im winterlichen 2019, 40 Jahre nach der Schneekatastrophe, in der ich das Licht der Welt erblickte, zehn Jahre Geschichte sein. Ich blättere mich durch die Ausgaben, die im Konferenzraum archiviert sind. Das Internet hat der alte Freitag noch kennengelernt. Bunter wurde er, leichter. „Ist das Journalismus? Engagierte Netzbürger schreiben in Weblogs über alles, was sie und die Welt bewegt“, fragte das „Medientagebuch“ schon 2003.

Ach, und da ist ja Katharina Rutschky! Sie schimpft auf alles nach ’68, so auch auf den Feminismus, dem sie Geschichtslosigkeit und Infantilität vorwirft. Oder hier, Le Pens Front National dümpelt bei 10 bis 15 Prozent, es scheint fragwürdig, ob er jemals wieder auf die Füße kommen wird. In einem Vergleich der Berliner Bezirke sind Kreuzberg und Neukölln ganz unten, in puncto Arbeitslosenquote und Lebenserwartung ...

Ich blättere weiter in den dicken schwarzen Ordnern mit dem alten Bleiwüsten-Freitag. Eine linke Zeitung, natürlich. Mit originellen Aussetzern. Rudolf Walther mit einem Nachruf auf Ernst „Chamäleon“ Jünger, ein ganzseitiger Riemen für den kulturell interessierten Leser, der gerne mal was wagt. Fast Jüngersch dann auch Georg Seeßlen über die Augsburger Puppenkiste. Die Puppen stehen dafür, wie schwer es geworden sei, sich in diesen Zeiten seinen Eigensinn, ja seine Freiheit zu erhalten. Na ja, und die Linke ist damals schon so gespalten wie heute. In einem Streitgespräch mit Sahra Wagenknecht fordert Benjamin Hoff, „die DDR den Zeithistorikern zu überlassen“. Dass dies nicht geschehen ist, ist auch ein Verdienst des Freitag, auch wenn er heute nicht mehr „Ost-West-Wochenzeitung“ heißt.

06:00 07.02.2019
Geschrieben von

Julia Seeliger

schreibt alle vier wochen das "medientagebuch"
Julia Seeliger
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare