Dunkle Kammer

Pädophilie Anselm Neft erzählt von der Alltäglichkeit des Unerträglichen

Sexuelle Gewalt gegen Minderjährige in Eliteinstitutionen lässt uns nicht zur Ruhe kommen. Wenn es um Kinder und Jugendliche als Opfer sexueller Übergriffe durch Lehrpersonal und Priester der katholischen Kirche geht, das Amsterdamer Castrum Peregrini oder auch um Pädophile unter den frühen Grünen, dann wird, flankiert von der MeToo-Debatte, sehr oft verunklarend eine einfache Geschichte von monströsen Tätern und hilflosen Opfern erzählt. „Aber ist Schuld nicht nur die Geschichte, die wir übereinander erzählen, um unsere Ohnmacht zu vergessen?“, fragt Anselm Neft jetzt in seinem neuen Roman und will die „bessere Geschichte“ erzählen.

Ähnlichkeiten beabsichtigt

Nefts Geschichte über ein fiktives Internat schweigt nicht über Monstrositäten. In ihr kommt aber eher die Alltäglichkeit der perfiden Mechanismen sexueller Gewalt gegen Minderjährige zum Vorschein: Das „Grooming“, also das Vorgaukeln einer Freundschaftsbeziehung zu einem Kind durch einen Erwachsenen, der sexuelle Absichten hat, die Belohnungen, der Elitismus, die Selbsttäuschung des Opfers, das Wegsehen und Leugnen durch andere, das Trauma und seine Folgen. Die bessere Geschichte ist kein Debattenbuch, betont ihr Autor, „sondern eine literarische Erzählung, die einen Ausschnitt des Menschseins erkundet, ohne mit den Kategorien ‚richtig‘ und ‚falsch‘ operieren zu müssen“.

Tilman, 13, Halbwaise, seltsamer Vater, seltsame Träume, kommt in der Regelschule nicht gut klar. Er wird als schwul gehänselt und ist doch in Johanna verliebt. Als ein Mitschüler sie beleidigt, sticht er mit dem Zirkel zu. Tilman muss aufs Internat, die „Freie Schule Schwanhagen“. Die liegt, harrypotterhaft pittoresk, an der mecklenburgischen Küste. Es gibt Wohngruppen, sogenannte Familien, und freies Lernen. Das klingt toll, so wie das Schulmotto, von Nietzsche: „Werde, der du bist“.

Das war auch das Motto der 2015 geschlossenen Odenwaldschule. Überhaupt erinnere die Schule viel mehr an die Odenwaldschule als an das jesuitische Aloisiuskolleg in Bonn, das er als externer Schüler besuchte, erzählt Neft. Auch das Jesuitenkolleg habe eine lange Geschichte der sexuellen Gewalt gegen Schülerinnen und Schüler, länger, als man gemeinhin vermute. Und so sind Odenwaldschule und wohl auch das Aloisiuskolleg in die fiktive Schule im fiktiven Ort an der Ostsee eingegangen.

Salvador Wieland und seine Frau Valerie führen das Internat lässig-charismatisch. Auserwählte ziehen in die „Wielandfamilie“. Da gibt es sogar ein Fotolabor. „Die Magie der Fotografie“, wie Tilman sie erlebt, spielt oft bei Sexualisierung eine Rolle. Und Drogen: „Das gab es an der Odenwaldschule auch“, sagt Neft. Schulleiter Gerold Becker und seine Mittäterinnen und Mittäter sollen Alkohol und auch LSD mit Jugendlichen konsumiert haben. Die Systeme sexueller Gewalt an Minderjährigen sind überall ähnlich: joviale, coole Erwachsene, die viel erlauben, sektenhafte Schweigesyteme, Elitismus, Heuchelei, Drogen.

Bei den Wielands ist man individuell, gebildet und locker, jeder kocht mal, ständig werden Witze gerissen. Auch Ella, in die Tilman verliebt ist, wohnt hier. Eines Tages nimmt Valerie den Schüler auf ihre Datscha mit. Es kommt zum Geschlechtsverkehr, immer wieder, irgendwann ist auch Salvador Wieland mit im Bett. Später wird Tilman seine Freunde fragen, ob auch eine Frau vergewaltigen kann. Die unkonventionelle heidnische Erziehung – Baphomet und Selbstoptimierung – kulminiert in einer sexuellen Unterweisung auf Ecstasy im „Meditationskeller“.

Mehr als ein Vierteljahrhundert später treffen sich die Wieland-Kinder wieder. Die meisten sind kinderlos, Familien oder Liebesbeziehungen haben sie nicht. Zwei Psychologinnen, eine Pornodarstellerin, eine leitet eine BDSM-Finca. Tilman ist pädophil. Er verliebt sich in Ellas Tochter Lucia, die genauso alt ist wie Tilman zum Zeitpunkt seiner Erfahrungen bei den Wielands. Es sind eindrückliche Schilderungen des pädophilen Erlebens, die Neft gelungen sind. Dabei orientiert sich Nefts Figur an Nabokovs Lolita. Die Freundschaft zu dem erblühenden Mädchen, Ausflüge, Fotos „für ihr Instagram“: Neft legt offen, wie sich der verbotene pädophile Trieb zeigt. Nahegelegt wird, dass Tilmans pädophile Sucht nach dem Unberührten aus den sexuellen Übergriffigkeiten auf sein unschuldiges Selbst resultiert. Pädophiler Ekel vor erwachsener Sexualität: eine Sichtweise, die auch für die Diskussion um die sogenannten Incels fruchtbar sein könnte, wie überhaupt für den Feminismus.

Auch die Darstellung von Trauma und Traumafolgen ist hervorragend. Traumatisierte sind oftmals ein Leben auf dem Schrottplatz, dem Schlachtfeld oder in einem Pornokeller gewohnt, im Bürgerlichen sind sie seltsam unbehaust. Mit dieser Einsicht könnte Die bessere Geschichte Opfern helfen. Und auch anderen, die deren bisweilen selbstzerstörerisches Verhalten nicht verstehen. Die Opfer träumen davon, dass der Krieg vorbei ist, doch die Diktatur der Angepassten macht ihr Erleben unsichtbar, schiebt ihnen gar die Schuld für die abstoßenden Folgen ihres Traumas zu. Und Neft vollzieht noch einen weiteren Perspektivwechsel. Denn er zeigt, dass oft nicht „die Schwächsten“ Opfer werden, sondern „die Passenden“, Kinder und Jugendliche, die schon Erfahrungen mit sexueller Gewalt haben. Die dazu erzogen wurden, nicht „Nein“ zu sagen, denen zu Hause kein Glauben geschenkt wird.

Das wahrhaft Traurige an dieser „besseren Geschichte“ ist, dass sie doch nach einer wahren Geschichte erzählt wird. Es geht den Opfern schlecht, sie regen sich zu sehr auf, sie zeigen sich als vom Teufel besessen, sie werden krank und sterben. Die wenigsten finden eine Sprache für das Erlebte, wie die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs erst kürzlich festgestellt hat. Anselm Nefts „bessere Geschichte“ ist eine fiktive Geschichte, die auf Hunderten, ja Tausenden wahren Begebenheiten basiert. Und weil „richtig“ und „falsch“ im Roman nicht beurteilt werden müssen, eine traurige wahre Geschichte, die beim Lesen ungemein viel Spaß macht.

Info

Die bessere Geschichte Anselm Neft Rowohlt 2019, 480 S., 22 €

06:00 29.03.2019
Geschrieben von

Julia Seeliger

schreibt alle vier wochen das "medientagebuch"
Julia Seeliger

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