Eine heiße Spur führt nach Teheran

Camouflage Unsere Kolumnistin entflieht dem Karneval lieber ins Netz. Da kann man sich besser verkleiden. Und wirkungsvoller
Eine heiße Spur führt nach Teheran
Der Renner auf jeder Kostümparty: Der gute alte Januskopf

Foto: Imago/Imagebroker

Im Rheinland steigt die Temperatur. Die fünfte Jahreszeit neigt sich ihrem Ende zu. Ich bin nach Berlin geflohen, denn den Karneval muss man lieben, um ihn ganz auszuhalten. Rosenmontag bin ich wieder da, dann kann ich mich nicht mehr entziehen. Maskenball. Das größte Kostümgeschäft in der Stadt wirbt mit dem Slogan „Sei wer du bist“ – ein Slogan, der perfekt auch zum Internet passt.

Das beste Versprechen des Netzes wird hinter dem Schleier der Kriminalitätsbekämpfung und Terrorpropaganda mit Klarnamenpflicht und Hate-Speech-Gejammer gern vergessen. Das Internet ist unendlich reich an möglichen Identitäten. Heute können wir eine Maske aufsetzen, um morgen zu sehen, wie es uns mit ihr gefallen hat.

Passend zum 40. Geburtstag der Islamischen Republik Iran hat Twitter der deutschen akademischen Community ein Geschenk gemacht: Einer der beliebtesten Accounts des „Sifftwitter“-Netzwerks wurde als böswilliger iranischer Troll denunziert. Sein Name ist Orbyt. Karneval in Teheran.

Orbyt ist einer der ersten Trolle, der mir auffiel. Zusammen mit seinem Kumpel Lyzis, jener damals noch antideutsche Blogger mit Stalin-Faible, mischte er schon 2013, spätestens Anfang 2014, die Twittersphäre auf. Das Profilbild ist erstaunlich stabil; während andere ihre Maske häufig wechseln, hält sich Orbyt lieber an eine klassische Troll-Ikone: einen Januskopf. Außerdem hat er sich als Figur des Alienjägers unsterblich gemacht.

„Orbyt ist so ein 21-Jähriger,“ sagt mir ein befreundeter Troll-Forscher. Kurz nachgerechnet, er muss also 17 gewesen sein, als ich ihn im Netz kennenlernte. Kluges Kerlchen! Diese jungen Leute können nicht nur rappen und wissen nicht nur, was Disstracks sind, sie können auch besser trollen und entlarven als ich alte Frau. Hatte eigentlich immer gedacht, dieser Orbyt sei Sozialwissenschaftler von der Uni Bielefeld. Die ist ja eh schon lange ein Mem. Bielefeld, die Stadt, die es eigentlich gar nicht gibt, wäre natürlich auch ein perfektes Versteck für einen iranischen Hacker.

Bielefelder sind durchaus mit lokalen Troll-Aktionen aufgefallen. So twitterte der Account „Saskier Krück“ eine Zeit lang unter einem fiktiven Account der PolizeiOWL (Polizei Ostwestfalen-Lippe) ganz korrekt Social-Media-mäßig mit den Initialen /sk am Ende jedes Tweets. Und unvergessen die Aktionen eines Fake-Accounts, das eine Adresse des Einkaufszentrums „Loom“ in Bielefeld spielte, das selbst überhaupt nicht auf Twitter vertreten war.

Wäre ich Seminarleiterin in Bielefeld, dann wäre ich mir sicher, dass es in diesem dauerdramatisierten Social Web einige schöne Aufgabenstellungen aus dem Bereich der Memetik und der Shitstormwissenschaft für die Studierenden gäbe. Ja, besonders witzig wäre es, wenn ich als Seminarleiterin selbst zum iranischen Spion gemacht worden wäre. Dann könnten die Studierenden neben Social-Media-Management auch was über Weltpolitik und Forschung lernen. Denn die Zuschreibung als Social Bot, als feindlicher Propagandaroboter, kommt schnell, wenn man das Gegenüber nicht versteht. In der schwarz-weiß getönten Welt zwischen westlichem Freihandel und russischer Dunkelheit wurde man bislang zum russischen Troll, wenn man dem angeblichen Mainstream widersprach. Jetzt haben sich die Torpfosten ein wenig verschoben, russische Trolle sind gerade out und Iran ist neben Venezula eben zurzeit der Feind der Wahl.

Eine schöne Kostümierung für den Karneval. Zumindest im Internet.

06:00 02.03.2019
Geschrieben von

Julia Seeliger

schreibt alle vier wochen das "medientagebuch"
Julia Seeliger
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