Geht klar, Pauker

Bildung Müssen wir angesichts der Digitalisierung die Schulklassenfrage neu stellen?
Geht klar, Pauker
Diese jungen Leute können mit ihren Smartphones einiges anstellen

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

„Aaliyah, wie hast du das geschafft?“ „Mit Samsung geht das einfach. Im Internet gibt’s dazu ein Tutorial.“ „Klasse! Wie wär’s, wenn du nächste Stunde einen Vortrag darüber hältst, wie du dein Handy gehackt hast und warum?“ „Geht klar, Pauker.“

Diese jungen Leute können mit ihren Smartphones einiges anstellen. Die niedersächsische Landesmedienanstalt fordert derweil ein Handyverbot an Schulen. Ende Juli hat Frankreich ein weitreichendes Smartphoneverbot für Grundschulen und Sekundarstufe I beschlossen – auch für Smartwatches. Diese Erweiterung des seit 2010 geltenden Handyverbots hatte Emanuel Macron im Wahlkampf versprochen. Besonders Kinder aus bildungsfernen Schichten würden davon profitieren.

Klare Klassenfrage: Gerade Kinder armer Eltern werden von Kindheit an auf Smartphone-Belohnungen getrimmt – wenn die Kleinen quengeln, erhalten sie eine Belohnung mit virtuellen Belohnungen zum Spielen. Natürlich ohne Kindersicherung. Auf der anderen Seite die Privilegierten, die sich anspruchsvolle „device-freie“ Kinderbetreuung leisten. Die alten Ungerechtigkeiten bestehen weiter. Mit dem Smartphone kommen neue hinzu („Internet als Verstärker“). Echte Aufmerksamkeit und Ruhe werden zu Ressourcen der Reichen.

Währenddessen will Unterricht 4.0, also die digitale Erweiterung des altbekannten Wochenplans in seiner ideologischen Ausprägung, den Frontalunterricht abschaffen und Lernen radikal individualisieren. Stress für alle Beteiligten! Überstunden und zusätzliche Dokumentation sind Lehrer-Dinge. Schüler haben es kaum besser: Hausaufgaben mit dem iPad erledigen, die scheinbar genauer als zuvor in Echtzeit kontrolliert werden können. Früher konnte die schlechte Klassenarbeit ein paar Tage im Ranzen verbummelt werden. Der Notenspiegel im Internet, das niemals vergisst. Schulnoten kommunizieren als Medium direkt vom Lehrer- in den Elternkopf! Genaue Punktzahlen, die sich dann über die gesamte Schul-Zeitschiene speichern und als Gesamtbeurteilungen zum Abitur ausgeben lassen. Oder noch mit in Credit-Punkte beim Bachelor einbringen und in den praktischen tabellarischen Europass-Lebenslauf. Alles zählt! Und dennoch: Tablets, Laptops und Smartphones spielen in der Schule weiter keine Rolle. 11,5 SchülerInnen müssen sich in Deutschland einen „PC“ teilen.

In der JIM-Studie (Jugend, Information und [Multi-]Media) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest schätzen allerdings zwei Drittel der Jugendlichen ihre Power-Point-Kompetenz als sehr gut oder gut ein. Ob auch die Benutzung der Präsentationstechnik eine Schichtenfrage ist? Das Feuilleton zumindest diskutiert von Zeit zu Zeit, ob Power Point verboten werden soll, und wenn das Feuilleton was kulturpessimistisch diskutiert, dann hängt da oft auch ’ne Klassenfrage dran. Immerhin können präsentationsbegabte Jugendliche noch vor der Mittleren Reife Influencer werden, das demokratisierte Produktionsmittel Smartphone-Kamera macht’s möglich.

Aaliyah könnte aber, anstatt als Influencerin vor der Kamera rumzuhampeln, besser ein Studium im MINT-Bereich beginnen, IT, Mathe oder so. Dafür muss sie das selbst geflashte Handy auch mal weglegen. Medienkompetenz fängt vor dem Faktenchecken und Auswählen an. Die Ressource „abwesender Flow“ geht nur ohne Störungen durch aufmerksamkeitsgeile Updates. Aber man muss sie sich dann auch gönnen und leisten können.

06:00 19.08.2018
Geschrieben von

Julia Seeliger

schreibt alle vier wochen das "medientagebuch"
Julia Seeliger

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