Lasst uns über Chilizucht sprechen

Die Aushilfsgärtnerin Jakob Augstein ist verhindert. Unsere Kolumnistin nutzt die Gelegenheit, um ein Tabu zu brechen
Lasst uns über Chilizucht sprechen
Farbig verschieden, aber immer mit scharf: die Chili

Foto: Imago Images/CTK Photo

Wie die knallt! So ein kleines Teil und so viel Wirkung! Zwei Minuten high! In Zeiten der Prohibition muss sich der Mensch umsehen. Nachtschattengewächse anstatt Narkotika heißt der legale Ausweg. Verehrt werden nicht der heilige Pilz oder die hohe Weiblichkeit der Cannabisblüte, die Göttin ist die Paprika, die Chili, lateinisch Capsicum genannt. Mithilfe von speziellen Lampen und genau ausgeklügelten Zeitplänen für Aussaat und Gewächshaus optimieren Capsicanten Jahr für Jahr ihre Chiliaufzucht. In unseren Breiten ist die Sonnenmenge naturgemäß limitiert, sodass mit den vorhandenen Wetter- und Bodenressourcen effizient gehandelt werden muss. Eigentlich wie bei der Cannabisaufzucht.

Capsicanten sind aber zu feige für die Cannabiszucht. Sie gehen ihrem halblegalen Gartenhobby diskret nach. Nur auf Nachfrage kommen sie ins Schwärmen über ihre roten, schwarzen, violetten, orangen, gelben, weißen oder grünen Schotenkinder. Aber selbst vorsichtiges Handeln schützt nicht vor Diskriminierung. Personalabteilungen sind gewarnt: Gibt jemand die scharfen Schoten im Lebenslauf an, so ist dies als Dummheit zu werten – ausgesondert. So sei allen Chilizüchterinnen und -züchtern an dieser Stelle geraten, ihr Hobby geheimzuhalten.

Im Internet, dort, wo sich die Abweichler in Nischen zurückziehen können, ist ihre Subkultur dafür lebendig wie nie. Hier können sie das ausleben, was ihnen im Freundeskreis verboten ist. So spannt sich das gefährliche Netzwerk klandestin verteilt über Foren und Instagram über den Erdball. Sabbernd hängt der Chilifreund am Smartphone, eine violette Aji, eine blutrote Habanero und dann eine Rocoto in feiner lila Blüte. Im Herbst, wenn die Ernte unausweichlich wird, werden Youtube-Soßen-Tutorials wichtig.

Wenngleich zu offiziellen Anlässen über die Chili stets zu schweigen ist, so öffnen sich Capsicanten von Zeit zu Zeit überraschende Gesprächsräume mit Menschen mit asiatischem, südamerikanischem oder afrikanischem Migrationshintergrund. Die Langweiligkeit Deutschlands zeigt sich natürlich zuallererst beim Essen! Die deutsche Mitte isst lau und schlägt nach Feierabend ihre Frau. In der Chiliunterwelt hingegen gibt es kein Almantum.

Von Ausnahmen abgesehen. Man trifft den jungen männlichen Angeber alkoholisiert im Intercity, man trifft ihn natürlich auch am Chilitopf. Boh, krass Junge, hau wech die Scheiße! Doch wir wollen mal nicht so harsch sein. So nehmen wir auch diese Capsicanten, wie sie sind. Opfer der Normgesellschaft, die in einer durchformatierten Welt, in einer Welt der Männerregale in Drogerien und Karriereoptionen für Social Media Manager ein kleines bisschen mehr spüren wollen.

06:00 15.06.2019
Geschrieben von

Julia Seeliger

schreibt alle vier wochen das "medientagebuch"
Julia Seeliger
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