Magische Memes

Verschwörungen Den Mythos des linken Mobs gibt es nicht nur in Deutschland. Auch in den USA erfreut er sich großer Beliebtheit bei magischen Denkern
Magische Memes
Bei Trumps Wählern kommen markige Sprüche gut an, egal wie groß ihr Wahrheitsgehalt ist

Foto: Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Den anderen als verrückt hinstellen, obwohl man selber verrückt ist, nur aufgrund der größeren formalen Macht – niemand versteht das zurzeit besser als US-Präsident Donald Trump, Kapitalist und Obermacker. Nun ist der Slogan „Jobs not Mobs“ viral gegangen. Seit Mitte Oktober, so berichten die New York Times und die Website Know your Meme in friedlicher Eintracht, ist das Meme im Netz nachgewiesen. Durch die Unterstützung des Comicmalers Scott Adams (Dilbert) konnte es noch mal richtig an Fahrt aufnehmen. Auch wenn die Midterms gelaufen sind, wird die Denkweise weiter existieren, denn sie existierte auch schon vorher. Und es gibt Parallelen zu Deutschland – zu der „Hetzjagd“-Debatte um Ex-Verfassungsschutz-Chef Maaßen, aber auch zu den Grünen. Doch zu diesen beiden Richtungen emotionalisierter neoliberaler Politik später.

Ausgangspunkt für die „Jobs not Mobs“-Kampagne war ein Video, in dem Daily-Beast-Kolumnist Matt Lewis im Gespräch mit zwei Moderatorinnen von einer „Überreaktion der Linken“ spricht. Natürlich könne man mittlerweile von Mobs sprechen. Ted Cruz sei aus einem Restaurant gejagt worden. Und was sei mit der Kavanaugh-Debatte, als „Leute am Supreme Court an die Wand geschlagen haben“: „Wie nennt man das, bürgerlichen Protest?“ Die Frauen nehmen das mit Unverständnis auf, die Moderatorin Brooke Baldwin setzt ein extrem sachliches Gesicht auf und beginnt zu diskutieren. „Das nennen Sie Mobs? Was wir in Charlottesville gesehen haben, das war ein Mob.“ In der Laufschrift erfährt man, dass Frauen nunmehr zu 63 Prozent die Demokraten bevorzugen, nach zwei Jahren Trump wenig überraschend, aber für Aluhüte und Leute mit magischem Denken ein weiterer Beweis für die feministische Verschwörung, die ihnen mehr und mehr die Luft zum Leben nimmt, sie umzingelt, ja, ihnen schlichtweg den Penis abschneiden will.

In die Debatte wurde das Video Mitte Oktober eingebracht, nach Angaben von Know your Meme von dem Nutzer „Turn Colorado Red“ (Mach Colorado republikanisch!). Der postet das Video mit den Slogans „Jobs not mobs! Results vs Resist! Rule of Law vs Chaos!“. Diese Denkumkehr ist bemerkenswert, da traditionell eigentlich die Linke für Arbeit und Gerechtigkeit steht. Am selben Tag postete die republikanische Partei einen Ausschnitt aus einer Trump-Wahlkampfrede, in der er die Demokraten mit Kriminalität in Verbindung bringt, während die Republikaner die Partei der „Jobs Jobs Jobs“ seien. 2009 haben diesen Slogan in Deutschland noch die Grünen plakatiert. Unter dem Trump-Video kommentiert ein Nutzer: „Jobs not Mobs“. Das Meme war geboren.

Das ist alles misslich, mit nur wenig Nachdenken wird klar, dass es hier nicht um eine argumentgeleitete Politik geht, bei der genau um Inhalte gestritten wird – sondern um Manipulation, um zeichenhafte Kommunikation. Memes gibt es nicht erst seit der Erfindung des Internets. Man kann sagen, dass es sich beim Kreuz der Kirche oder beim fernöstlichen Om um die stärksten Memes der Weltgeschichte handelt. Auch ist bekannt, dass faschistische Politik ohne Emotionen und magisches Denken nicht funktionieren kann.

Und die „Hetzjagden“-Debatte um Hans-Georg Maaßen? Im September leugnete er öffentlich den Chemnitzer Nazi-Mob, mittlerweile sieht er selbst sich als Opfer eines linksradikalen Mobs. Magie!

06:00 13.11.2018
Geschrieben von

Julia Seeliger

schreibt alle vier wochen das "medientagebuch"
Julia Seeliger
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