Ohne WLAN bist du arm dran

Internet Unsere Kolumnistin stellt fest, dass sie ohne Netz aufgeschmissen ist
Ohne WLAN bist du arm dran
Eine WiFi-Oase in New York verspricht Besuchern das Ende der digitalen Durststrecke

Foto: Imago Images/Levine-Roberts

Unsere Jugend demonstriert gegen Uploadfilter, und mein Uploadfilter sitzt eine Schicht drunter: Ich bin gedrosselt. Das nimmt dem WLAN alles von der flüssigen Freude. Ich kann bei mir zu Hause nicht recherchieren, nicht streamen, keine Softwareupdates machen. Weniger Kostenlos-Artikel der Klick-Presse, weniger Instagram und kein Facebook. Alles hat seine zwei Seiten, heißt es manchmal. Der Spruch ist falsch.

Wenn ich kein WLAN habe, dann kann ich nicht arbeiten. Vielleicht habe ich kein WLAN, weil ich ein psychisches Experiment jenseits des Kapitalismus durchführe. „Der postmoderne Neoliberalismus ist ein kalter und düsterer Ort, an dem persönliche Güte und Fürsorge für andere einen zum Verlierer machen“, schreibt mir ein anonymer Bucheinsender. Ein so erweckendes Erlebnis wie eine anonyme Bucheinsendung hat man im Internet ja praktisch nicht.

Anonyme Einsendungen im Internet gelten pauschal als böse. Sagt die CDU. Inzwischen wissen wir ja, dass die Leute von der CDU total langweilige Leben haben, sodass uns das insgesamt nicht mehr jucken muss. Hätte AKK geschwiegen, dann hätte man wenigstens vermuten können, eine Religionsphilosophin wohne in ihr und die CDU-Politik habe ein durchdachtes Fundament.

Hat sie aber nicht. Deswegen will die CDU vermutlich auch das WLAN nicht billiger machen. Arme Leute, die sich anonym oder mit Klarnamen beschweren wollen, müssen morgens erst mal in die Bibliothek oder auf den Marktplatz, um im Kostenlos-WLAN zu surfen. Der revolutionäre Charakter des Internets ist inzwischen unbestreitbar geworden, nur die revolutionäre Richtung ist immer noch nicht klar.

Fairerweise muss man den Müttern und Vätern von Hartz IV zugutehalten, dass das inzwischen so weit durchgeklagt ist, dass ich mir Internet leisten könnte, wenn ich wollte. Ohne Internet keine Aufstockerei, na klar. Also klicke ich mir einen Vertrag für Leute mit wenig Bandbreitenbedarf bei einem Provider, der über das Fernsehnetz geht.

Der Provider ist optimal aufgestellt, was den Kundenkontakt betrifft. Im Vorfeld erhalte ich leicht verständliche Nachrichten. „Unser Service-Techniker ist in ca. 13 Minuten bei Ihnen.“ Endlich! So genau! Nach 13 Minuten ist er natürlich noch nicht da, weil sich in der Nähe meiner Wohnung keine Parkplätze befinden und überhaupt, weil ich versteckt und doch scheinbar öffentlich dort wohne, wo andere einkaufen. Damit konnte er nun natürlich nicht rechnen.

12 Uhr mittags. Glühende Hitze. Er ruft an und sagt, er befinde sich in der Kolonnenstraße. Militärisch! Baumlos die Straße, ich trete in die hohle Gasse ein. Am anderen Ende, kaum zu erkennen in einer Luftspiegelung – ein Mann wie ein Wolf. Schweres Gerät, darunter ein iPad, er schleppt alles hinauf in meine Wohnung. Ein Getränk lehnt er heldenhaft ab. Bald, bald, er muss noch zweimal Werkzeug anlegen – und schon sprudelt das WLAN aus meiner Wand! „Wo ist die Fernsehdose? Die sieht aus wie ein Schweinchen.“ Ich starre auf die im Vorfeld freigelegte Dose. Nein, nein, das ist nicht die Fernsehdose, da kommt das Telekom-Internet raus und Telefon. Die sieht auch nicht aus wie ein Schweinchen, sondern wie eine sehr fremdländische Steckdose mit drei Schlitzen.

Fieberhaft beginnen wir, meine Bücher aus den Regalen zu reißen, um die Fernsehdose doch noch zu finden. Die Unordnung der Dinge optimiert sich. Ich führe ein Telefonat mit dem Hausmeister: In der seit vier Jahren von mir bewohnten Wohnung befindet sich keine Fernsehdose. Derweil telefoniert der Techniker mit der Zentrale: „Nein, die Kundin sieht nicht fern. Da ist kein Fernseher. Nur ein CIA-Aufkleber.“

06:00 06.07.2019
Geschrieben von

Julia Seeliger

schreibt alle vier wochen das "medientagebuch"
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